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Eurovision Song Contest 2012 Schweden gewinnt den Eurovision Song Contest
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10:57 27.05.2012
Von Imre Grimm
Die Schwedin Loreen hat den ESC 2012 gewonnen. Quelle: Reuters
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Baku

Irgendwann, gegen drei Uhr nachts Ortszeit, die Show war noch nicht zu Ende, da dämmerte den schwedischen Journalisten im Pressezentrum in Baku allmählich, dass die Sache rechnerisch gelaufen war: Die 29-jährige Sägerin Loreen - mit bürgerlichem Namen Lorine Zineb Noka - hat mit ihrer düsteren, von künstlichen Schneeflocken umwehten Elektrohymne „Euphoria“ für Schweden den Eurovision Song Contest 2012 in Aserbaidschan gewonnen. Die große Favoritin, die marrokkanische Wurzeln hat, setzte sich mit 372 Punkten vor Russland (259 Punkte) und Serbien (214 Punkte) durch. Zum fünften Mal in seiner Geschichte hat Schweden damit die europäische Popmeisterschaft gewonnen. 1974 siegte ABBA – bis heute der erfolgreichste Eurovisions-Act aller Zeiten. Und zuletzt hatte Schweden 1999 mit Charlotte Nilsson die Nase vorn.

„I'm so happy“, sagte Loreen noch während der Show. „I'm going to cry. And I freakin' love you all.“ Der dunkle Pony fiel ihr ins Gesicht. Cool, geerdet, unerschütterbar war sie in den Tagen von Baku aufgetreten. Doch im Moment ihres Sieges zeigte sie Gefühle. Ihre tranceartige, von Stroboskopblitzen zerhackte, minimalistische, kühle Show erinnerte entfernt an Ruslana aus der Ukraine, nur mit Eis statt Feuer. Ihr Lied "Euphoria" stammt aus der Feder von Thomas G:son und Peter Boström. Die Sängerin ist keine Unbeannte im schwedischen Musikgeschäft, sie ist Castinggewinnerin, Moderatorin, Allrounderin.

Und der deutsche Kandidat? Roman Lob hat sein Ziel erreicht, unter die ersten zehn zu kommen. Am Ende landete der 21-jährige Industriemechaniker mit 110 Punkten auf Platz acht – ein sehr starkes Ergebnis. Immerhin: Zehn Punkte gab's aus Portugal, zehn auch aus Estland, Irland und Dänemark, ansonsten musste sich Roman seine Punkte eher mühselig zusammensammeln. Sein Auftritt war solide und sympathisch, sein Gesang stark, sogar die Augen hielt er geöffnet – aber der Song „Standing Still“ war dann doch zu glatt, um in den Gehörgängen von geschätzt 120 Millionen europäischen Fernsehzuschauern ausreichend Spuren für einen Sieg zu hinterlassen. Und dennoch: Platz acht von 26 Teilnehmern ist ein Erfolg.

Von Anfang an lieferten sich die klaren Favoriten Serbien, Schweden sowie die freundlichen Babuschkas aus Russland einen Dreikampf um die Führungsposition. Offenbar wird geschickte Stimmungmache im Vorfeld – ähnlich wie bei den Oscar's in Hollywood – immer wichtiger beim Grand Prix. Die deutschen Höchstwertungen gingen – keine Überraschung – an die Türkei (8) sowie an Serbien (10) und an die spätere Siegerin Loreen aus Schweden (12): Anke Engelke verkündete die deutschen Punkte auf der Reeperbahn, wo tausende sich zur Grand-Prix-Party versammelt hatten.

In ihrem kurzen Grußwort aus Hamburg spielte Engelke auch auf die politische Lage in Aserbaidschan an: "Man kann nicht für sein eigenes Land wählen", sagte sie. "Aber es ist gut, eine Stimme zu haben, es ist gut, die Wahl zu haben. Viel Glück auf eurer Reise."

Aserbaidschan gelang es bei seiner erst fünften Teilnahme nicht, den Titel von 2011 in Düsseldorf zu verteidigen. Doch das Gastgeberland legte einen erstaunlichen Lauf hin für einen Eurovisions-Neuling. Platz vier gab's in Baku. Ganz und gar unter gingen die fröhliche Kapitänin aus Dänemark und der bedauernswerte Engelbert Humperdinck aus Großbritannien, der als erster hatte singen müssen.

Strahlend hatte der Finaltag in Baku begonnen – Temperaturen um die 25 Grad, dazu leichter Wind. Fast konnte man den Verdacht entwickeln, das allmächtige Regime hatte auch das Wetter zum ESC in Aserbaidschan fest im Griff. Die „Crystal Hall“, die während der Show in den Farben des jeweiligen Teilnehmers schimmerte, war abgeschirmt, als sei sie – wie vor dem ESC – noch immer militärisches Sperrgebiet. Auch Ticketbesitzer mussten sich einer langwierigen Kontrolle unterziehen. Die günstigsten Tickets für das Finale kosteten rund 160, die teuersten 250 Manat. Ein Manat entspricht ziemlich genau einem Euro. Ein Durchschnittslohn in Aserbaidschan liegt bei rund 200 Euro.

Am Freitag hatte es vereinzelte Proteste  gegeben – trotz tausender Polizisten und Sicherheitskräfte auf den Straßen. Gegner des autoritär regierenden Staatspräsidenten Ilham Alijev nutzen die Anwesenheit von 1500 Journalisten aus 75 Ländern für Rufe nach „Freiheit!“. Es kam zu bis zu 60 Festnahmen, teils mit heftigem körperlichem Einsatz. Am Finaltag wurde der Chef der Oppositionspartei vorgeladen und von der Polizei über Stunden verhört. Insgesamt hatte die Opposition während der Eurovisionswochen in Baku kaum eine Chance, sich Gehör zu verschaffen – vor allem wegen des harten Durchgreifens des Staates. Das Regime hatte schnell klar gemacht, dass es in diesen Tagen eine Null-Toleranz-Strategie fährt, was öffentliche Demonstrationen angeht.

Die solide, überraschungslose Show in der „Crystal Hall“, die von der Kölner TV-Firma Brainpool produziert wurde, selbst blieb offenbar frei von Störungen. Nach Schätzungen westlicher Experten sollen bis zu 1000 Sicherheitskräfte in Zivil die Show in der Halle live verfolgt haben, um im Falle eines Falles sofort einzugreifen.

Die Europäische Rundfunkunion EBU hat versichert, dass das sogenannte Live-Weltbild der Veranstaltung – das Fernsehbild, dass global an alle übertragenden Fernsehsender verbreitet werde – ohne Zeitverzögerung ausgestrahlt wurde. Es stand den einzelnen Ländern allerdings frei, einen eigenen Fünf-Sekunden-Delay dazwischenzuschalten. Bereits kurz vor dem Finalehat die EBU angekündigt, über eine Reform des Eurovision Song Contest nachzudenken. Die Veranstaltung solle “kompakter“ und technisch weniger aufwändig werden. „Es bleibt aber die Eurovisionsshow, die wir alle kennen“, sagte des ESC-Supervisor der EBU, Jon Ola Sund, in Baku. Auch über eine erweiterte Werte-Charta soll gesprochen werden. Die EBU war in den vergangenen Wochen teils heftiger Kritik von Menschenrechtsorganisationen ausgesetzt, weil sie zu den Menschenrechtsverletzungen im Gastgeberland Aserbaidschan nicht eindeutig Stellung bezogen hatte.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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