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„De Gehangenen“ klagen bei den Kunstfestspielen Herrenhausen an

Von oben herab „De Gehangenen“ klagen bei den Kunstfestspielen Herrenhausen an

Keine Totenmesse ohne Latein. Und ohne Musik. Beides fehlt nicht in dem stellenweise beklemmenden Requiem, das am Sonntagabend bei den Kunstfestspielen Herrenhausen in der leider nicht sehr gut besuchten Orangerie zu erleben war. Die belgische Produktion „De Gehangenen“ war ein Lamento, ein Klagelied und eine Anklage.

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Von oben herab: „Die Gehängten“ berichten.

Quelle: Mahramzadeh

Musikalisch war sie am schwächsten, wo sie besonders stark sein wollte. Die ­aggressiven Töne, die Komponist Jan Kuijken seinem ­E-Cello entlockte, waren Erregungen aus zweiter Hand: Blech statt Metallica.

Doch in den Beschwörungen ist die Musik betörend. „Dramatische Konzerte“ nennen der Musiker Kuijken und der Textautor (und Regisseur) Josse de Pauw ihre aktuellen musikdramatischen Projekte. Eine Liturgie des Leids und des Leidens wird hier vorgestellt.

Die Aktion findet dabei in Wort und Ton statt, denn der körperliche Aktionsradius der fünf Solisten ist stark eingeschränkt: Sie hängen an Seilen über den 18 Musikern des Orchestre Royal de Chambre de Wallonie. Angeleitet vom Dirigenten Etienne Siebens schichten die Streicher Klangflächen übereinander. Und darüber erheben die Sopranistin Janneke Daalderop, die Mezzosopranistin Ekaterina Leventhal und der Tenor Steven van Gils ihre Stimmen (Lidewei Loots schwebende Kinderstimme wird offenkundig eingespielt). Neben den Sängern hängen zwei Schauspieler in der Luft. Hilde Van Mieghem und Tom Jansen tasten sich an ihre Erinnerungen heran: „Hängst du gut?“ Mitgefangen, mitgehangen. Aber warum?

Dieser durchaus rätselreiche Musiktheaterabend bleibt absichtsvoll vage, auch wenn wir schnell begreifen, dass diese singenden Galgenvögel keine Täter, sondern Opfer waren. Sie haben zu viel gewusst, zu viel gefragt, zu viel gezweifelt: „Werde ich geschlagen, wenn ich denke?“

Wir lesen, was Menschen den Menschen antun: Auf den Gazevorhang werden die lateinischen Vokabeln für alle denkbaren Formen und Formeln der Folter projiziert. Da ist „strangulare“ noch eine der sanfteren Formen des Mit­einanderumgehens.

Gegen Ende reduzieren sich dann die Sentenzen auf fünf einzelne Buchstaben: c r e d o. Die Musik dazu klingt wie ein Madrigal, sie entwickelt Sogkraft. Manchmal greift Jan Kuijken Leid-Motive auf, dann wird das Klopfen an der Tür zur Anklage. Insgesamt ist die Partitur in ihren leisen Passagen beredter als beim Streichertutti, das Ausrufezeichen setzen will. Nicht fehlen darf in dieser Nachtmusik ein Lied für die Alraune, schließlich wächst das Nachtschattengewächs Mandragore angeblich vorzugsweise auf Galgenhügeln.

Mal räsoniert diese Kantate darüber, was gut für den Menschen ist, mal lässt sie das Entsetzen umkippen in die Groteske. Dann wird die Frage gestellt, was Männer unter ihren Achseln haben (und was sie damit machen).
Ganz zum Schluss überlagern sich die Schriftbahnen wie bei einem Abspann, den keiner mehr liest. Der Zuschauer bleibt danach ein bisschen ratlos zurück, aber doch gefangen. Nach 80 Minuten ist er begnadigt, der Dank ist engagierter Applaus.

Bei den Kunstfestspielen geht es am Donnerstag mit „Il Giardino Armonico“ und am Freitag mit der Musicbanda Franui weiter. Beim Konzertabend am 11. Juni springt Romina Basso für die erkrankte Patricia Petibon ein.

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