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Kunstfestspiele Herrenhausen Exotische Welten bei den Kunstfestspielen in Hannover
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20:03 14.06.2011
Derzeit finden in Hannover-Herrenhausen die Kunstfestspiele statt. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Nein, so ganz kann man der Welt auch an diesem Abend nicht abhandenkommen: Von irgendwoher wummern aufdringliche Beats, während in den Herrenhäuser Gärten John Cages „Music for Five“ vom Publikum fast unbemerkt bleibt. Da tönen hauchzarte Celloklänge aus einem der Gärten, und irgendwo rasselt ein Schlagwerk hinter der Hecke. Die Zuhörer plaudern noch, stoßen mit Weingläsern an, jemand lacht.

Aber vielleicht ist es gerade dieses Nebeneinander von Alltag und Kunst, was das „Serenaden Konzert“ der Kunstfestspiele schließlich auszeichnet. Das „Neue Ensemble“ um Stephan Meier will den sich senkenden Abend in der historischen Kulisse mit spröder Atonalität bereichern und schafft tatsächlich traumverlorene Gegenwarts-Löcher. Da sitzen dann die zahlreichen Besucher verstreut auf Klappstühlen und Mauervorsprüngen und lauschen entrückt, wie Jürgen Ruck Elliott Carters „Changes“ in einem der kleinen Pavillons als introvertierte Gedankensuche interpretiert – als wäre diese Musik selbst noch ein Tasten, das gar kein Publikum benötigt. Aber die fernen Beats wummern noch immer.

So geht es an diesem Pfingstwochenende bei den „Entfesselten Welten“ der Kunstfestspiele immer um Kontraste und immer auch ein bisschen um Weltflucht. Was besonders schön ausfällt, wenn in der Orangerie „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ gezeigt werden – Lotte Reinigers Scherenschnitt-Meisterwerk aus dem Jahr 1926 erscheint in seiner verspielten Ornamentik, seiner schwülen Jugendstilerotik und der aktionsprallen Turbulenz als schwereloser Augenschmaus. Das Besondere aber: ­Unter Andrea Pestalozzas Leitung spielt das 16-köpfige österreichische Ensemble für Neue Musik die Uraufführungs­musik von Wolfgang Zeller. Schlichtweg hinreißend ist das spätromantische Klangkolorit – irgendwo zwischen Rimski-Korsakow und Richard Strauss. Mit reichlich Schlagwerk, Celesta und Glockenspiel werden die exotischen Welten nicht nur illustriert, sondern zu einer eigenständigen Dramatik geführt.

Und auch beim zweiten Teil der „Talking Music“-Reihe geht es um die Moderne des 20. Jahrhunderts, um ihren Aufbruch allerdings. Mahlers Todesjahr 1911 hat sich Pianist Stefan Litwin ausgewählt, um aufzuzeigen, wie feste Ordnungen ihren Platz für schwebende Freiheiten räumen. Kleine Stücke von Ravel und Debussy spielt er, von Skrjabin und Janácek. Und macht sehr anschaulich, welche Brüche in jener Zeit möglich waren, wenn er Max Regers „Aus meinem Tagebuch“ mit Arnold Schönbergs zwölftönendem Opus 11 kontrastiert.

Dazu liest und erklärt Hanns Zischler Texte von 1911: von Thomas Mann und Kafka sowie Esoterisches von Giorgio de Chirico – mit klarer Stimme und einem hin und wieder störenden Professorenton. Litwin spielt hingegen virtuos, vor allem den wild collagierten „Haw­thorne-Satz“ aus Charles Ives’ „Concord“-Sonate. Und doch bleibt dieser Blick in die ferne Vergangenheit ein ­etwas steifer, gediegen-akademischer Gang durchs Museum.

Man tritt wieder ins Freie, Menschen schieben ihre Kinderwagen durch die Gärten, jemand lacht. Irgendwo wummert und hämmert die Welt. Und das ist dann auch ganz gut so.

Kunstfestspiele am Mittwoch: „Rheingold“, Musiktheater-Projekt nach Richard Wagner; morgen: Galakonzert der Händel-Festspiele Göttingen, jeweils 20 Uhr, Galerie.

André Mumot

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