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Kunstfestspiele beeindrucken mit Neue-Musik-Konzerten

Herrenhausen Kunstfestspiele beeindrucken mit Neue-Musik-Konzerten

Sternstunden und Himmelsreisen: Die Kunstfestspiele in Hannover-Herrenhausen beeindrucken mit Neue-Musik-Konzerten, die mal leicht, mal von strenger Schönheit sind. Der österreichische Künstler Georg Nussbaumer hatte zum Ausklang des Tages zu einer „Trink- und Klangperformance mit Publikumsbeteiligung“ geladen.

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Georg Nussbaumer und sein Instrument.

Quelle: Mahramzadeh

Das Erstaunen stand dem einsamen Flaneur im Großen Garten Herrenhausen ins Gesicht geschrieben. Kein Wunder, konnte er doch im Gartentheater ein merkwürdiges Spektakel beobachten. Eine Gruppe von Kunst- und Weinfreunden hatte sich auf den Stufen versammelt und nippte an Rotwein oder wahlweise Mineralwasser. Anschließend wurde mit großer Ernsthaftigkeit auf Flaschen geblasen und ansonsten schweigend in den Abendhimmel geschaut.

Kunstfestspiele Herrenhausen, Himmelfahrtstag: Der österreichische Künstler Georg Nussbaumer, ein Grenzgänger zwischen Neuer Musik und bildender Kunst, hatte zum Ausklang des Tages zu einer „Trink- und Klangperformance mit Publikumsbeteiligung“ geladen. Und was von außen besehen seltsam anmutete, entwickelte für die Teilnehmer des „Trinkliedes“ ein kontemplatives Eigenleben. Nussbaumer hatte die Flaschen per Etikett mit Anweisungen zur Zahl der Schlucke, der Töne, der Atemzüge und der dann wieder folgenden Schlucke versehen. Schweigend sollten die Besucher sich dem „Verschwimmen“ hingeben, dem Verschwimmen der Flaschentöne ineinander, aber auch dem Verschwimmen der Landschaftskonturen – im sich verdunkelnden Himmel oder in Folge des Alkoholkonsums. Immerhin war es ein Ziel der 45-minütigen Performance, eine Flasche Rotwein zu leeren.

Mit fallendem Alkoholpegel in der Flasche und steigendem Alkoholpegel in den Teilnehmern steige „die Wahrnehmungsfähigkeit und die Stimmung“, versprach Nussbaumer – und wies auch auf Bezüge zu Richard Wagner hin. Die konnte man registrieren oder nicht: Das „Trinklied“ regte manchen Besucher zum beschwingten Philosophieren über die Stille, das Zwitschern der Vögel oder das Rauschen der Blätter an. Ein unprätentiöser Ausklang eines Kunstfestspieltages also, den eine Besucherin treffend als „angenehm“ beschrieb.

Für das vorangegangene Gesprächskonzert mit dem Komponisten Helmut Lachenmann in der Galerie Herrenhausen wären es die falschen Worte gewesen. Dort konnte man zwei Stunden lang statt einer imaginierten Himmelsreise eine Sternstunde moderner Musik erleben. Technisch und musikalisch auf höchstem Niveau führten die Sopranistin Sarah Maria Sun und die Pianistin Yukiko Sugarawa Lachenmanns Stück „Got Lost“ von 2007/08 auf. Eine ungewöhnlich dichte, zeitgenössische Musik konnte man da hören, eine intellektuell anregende und zugleich anrührende Gedankenmusik. Lachenmann, der in Hannover zwischen 1976 und 1981 Komposition unterrichtete und hier mittlerweile eine Ehrenprofessur innehat, fügt drei höchst unterschiedliche Texte ineinander. Eine Passage aus Nietzsches „Fröhlicher Wissenschaft“ konterkariert einen Text Fernando Pessoas und die Annonce einer Wäscherin, deren Wäschekorb verschwunden ist. Statt den Sinn der Texte auszudeuten, wendet Lachenmann sich ihrer Oberfläche zu, der Beschaffenheit der Worte, ihrer Zusammensetzung aus Vokalen und Konsonanten, ihren den Silbenfolgen immanenten Rhythmen. Indem er sie abtastet, aushört und zugleich mit dem Verstellen von Buchstaben neuen Sinn produziert (so wird aus „Got lost“ „gottlos“), erschafft er ein Werk in einer ganz eigenen Tonsprache, ein Spätwerk voller strenger Schönheit und Poesie.

Das Gesprächskonzert mit Moderator Peter Becker, dem ehemaligen Präsidenten der Musikhochschule, bestach aber nicht nur durch die neuen Töne. Der 75-jährige Lachenmann, neben Hans Werner Henze einer der großen, noch lebenden, deutschen Komponisten, berichtete anschaulich davon, mit welcher unbarmherziger Strenge sein Lehrer Luigi Nono ihn anhielt, mit allen Traditionen der tonalen Musik zu brechen. Nicht nur das Melodienschreiben sei verboten gewesen. Wenn er auch nur zwei Töne in einem Instrument verband, sei er schon zurechtgewiesen worden, dass es nach den Jahrhunderten der Tonalität jetzt einen neuen Musikbegriff gebe, erzählte er. Triller oder Melodien seien verpönte bürgerliche Relikte gewesen: „Ich wurde ständig mit bürgerlichen Relikten erwischt.“

Klassiker der Moderne auf hohem Niveau hatte am Nachmittag auch das Ergon Ensemble geboten. Leider kamen nicht besonders viele Zuhörer. Diese bedankten sich aber mit großem Applaus.

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