Er hat „Wozzek“ an der Berliner Volksbühne inszeniert und „Lulu“ am Schauspiel Hannover. Statt des Orchesters gibt es eine Handvoll Musiker. Und was die nicht spielen, übernimmt ein bunt gemischtes Ensemble aus Schauspielern, Opern- und Jazzsängern. Das Ergebnis dieser Grenzüberschreitung ist oft faszinierend, aber auch rätselhaft. Warum gerade diese Oper, warum gerade so gespielt?
Das Staatsschauspiel Dresden, das vom ehemaligen hannoverschen Schauspielintendanten Wilfried Schulz geleitet wird, hat nun Martons neues „Rheingold“ für ein Gastspiel zu den Kunstfestspielen Herrenhausen entsandt. Für einige Schauspieler war das zugleich ein Heimspiel: Wolfgang Michalek, Benjamin Höppner und Mila Dargies waren lange am hannoverschen Schauspiel engagiert. Der Zuschauerandrang in der Galerie hielt sich trotzdem in Grenzen.
In seinem „Rheingold“ betrachtet Marton die zugrunde liegende Oper wie in einem Spiegelkabinett. Die Handlung, die es mit Goldraub und Liebesfluch durchaus noch gibt, ist vielfach gebrochen, gedreht und reflektiert. In dem „Musiktheater nach Richard Wagner“ geht es weniger um das Stück selbst als um seine Wirkung. Es gibt einen Dirigenten (Christoph Homberger), der abgeschottet wie im unsichtbaren Bayreuther Orchestergraben die Strippen zieht und per Telefon bei den Musikern einzelne Motive einfordert, die dann zum Soundtrack für kleine, absurde Theatereinlagen werden.
Die Motive selbst, die als „Leitmotive“ große Karriere in der Wagner-Rezeption gemacht haben, verweisen auf die Wagner-Anhänger und -Ausleger, die das Werk des Meisters kultisch verehren. Auch bei Marton wird ein Kult auf der Bühne betrieben: Zur „Rheingold“-Musik wird ein Buch aus einem Aquarium gefischt und umständlich in die zweite Etage des bühnenbeherrschenden Rohbaus transportiert. Dort rezitiert Wotan schließlich unverständliche, mittelhochdeutsche Verse wie eine Verheißung. Ihre Erfüllung fällt dann wegen Sinnlosigkeit aus.
Das Herzstück von Martons „Rheingold“-Variation ist aber nicht die Szene, die den Welterklärungsanspruch des Stücks infrage stellt, sondern die Musik. Es gibt hübsche Arrangements für Klavier, Elektrocello und Sänger, bei denen der Chor ein ganzes Orchester ersetzen kann. Mal werden schöne Stellen in Endlosschleifen verlängert, dann wieder werden kurze Motive wie bunte Bauklötze unverbunden aneinandergereiht. Marton legt es darauf an, die Sogwirkung von Wagners Musik zu entlarven – und doch baut der ganze gut zweistündigen Abend auf dieser Musik auf. Die „Rheingold“-Partitur fungiert als Zitat und ist zugleich die eigentliche Substanz des Stückes. Das ist nicht unbedingt erhellend, aber unterhaltsam zumindest für die, die mit Wagner etwas vertrauter sind: Ohnsorgtheater für Operndramaturgen.
Am Freitag (17.) und am Sonnabend (18. Juni) um 20 Uhr bei den Kunstfestspielen in der Orangerie: „Max Black“, Musiktheater von Heiner Goebbels.
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