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Kunstfestspiele Herrenhausen

Vivienne Westwoods Kleider begegnen Händels Musik

Von Stefan Arndt

Die Kunstfestspiele in Hannover-Herrenhausen sind unterwegs – manchmal geradeaus, manchmal auch kreuz und quer: Am Wochenende begegneten sich auf dem Laufsteg Vivienne Westwoods Kleider und Händels Musik.
Barockes Lebensgefühl, ganz im heute: Aleksandra Zamojska (vorn) in „Semele Walk“.

Barockes Lebensgefühl, ganz im heute: Aleksandra Zamojska (vorn) in „Semele Walk“.

© Monika Rittershaus

In der Oper ist Mode in Mode: Die Kleidung von Stardesignern wie Christian Lacroix, Victor und Rolf, Jean Paul Gaultier oder Tim van Steenbergen ist derzeit nicht nur auf Laufstegen und in Boutiquen zu bewundern, sondern auch auf den großen Bühnen des Landes. Dass das Gesicht von Modeschöpfer Wolfgang Joop in dieser Saison eine Werbekampagne der Deutschen Oper Berlin ziert, ist alles andere als ein Zufall.

So kann es zunächst kaum überraschen, wenn die auf überregional ausstrahlenden Glanz bedachten Kunstfestspiele Herrenhausen für ihre Eröffnungsproduktion ebenfalls eine Ikone der Modebranche verpflichtet haben. Die 70-jährige Britin Vivienne Westwood, Expunkerin und unbestrittene Grande Dame der Haute Couture, hat Georg Friedrich Händels Opernoratorium „Semele“ zusammen mit dem Regisseur Ludger Engels in einen „Semele Walk“ verwandelt, der nun vom Festspielpublikum begeistert aufgenommen wurde. Westwood selbst blieb der Premiere allerdings fern. Sie übermittelte lediglich eine Videobotschaft.

Längs durch die schmale, langgezogene Galerie in Herrenhausen zieht sich ein weißer Laufsteg, auf dem acht Models Westwoods wunderbar eklektische Mode präsentieren: Piratenhemden und Trachtenstrümpfe, Punkerjeans, Reifröcke, dekolletéverliebte Mieder und löcherige T-Shirt mischen sich zu einem ganz und gar phantastischen Stil, der mit kostbarem Stoff, schimmernder Gaze und glitzernden Pailletten berauschenden Glanz entfaltet. Die Musik von Händel, vom mitten im Saal platzierten Orchester intoniert, passt dazu gut: „Semele Walk“ als eine zeitgenössische Form barocker Prachtentfaltung, das klingt logisch. Und doch ist es nur die erste, äußere Hülle einer überraschend vielschichtigen, faszinierenden Produktion.

Denn was darunter liegt, rührt ans Existenzielle. Schließlich geht es in Händels „Semele“ um Liebe, Lust und das Streben nach Unsterblichkeit: Prinzessin Semele widersetzt sich der Hochzeit mit einem Menschen und wird die Geliebte des Zeus. Bald möchte sie dem Gott ebenbürtig sein und verlangt von ihm, er möge sich ihr nicht in menschlicher Verkleidung, sondern in seiner wahren Gestalt gegenübertreten. Von seinem Glanz geblendet, verglüht Semele in der Erfüllung ihres Wunsches. Ihr noch ungeborenes Kind überlebt: der Gott Dionysos.

In Herrenhausen sind von diesem Mythos nur Motive erhalten. Regisseur Engels, der im vergangenem Jahr das aufwendige Chorprojekt „Chorus“ bei den Kunstfestspielen inszenierte, hat von drei Stunden Händelmusik zwei gestrichen, das Personal reduziert und die Stücke in neuer Reihenfolge geordnet. Übrig bleibt eine Essenz aus dem Stoff: eine Frau, ein Mann und maßlose Sehnsucht. Engels vermeidet dabei, was sonst bei Aufführungen von Barockopern die Regel ist: Er erschöpft sich weder in der Dekoration, noch flüchtet er ins Ironische. Sein „Semele Walk“ ist ernsthaft, glaubwürdig – und hochgradig pathetisch. Den Takt dieser neuen Geschichte geben die Models vor. Ihr fortwährender Gang über den Laufsteg ist Verheißung und Bedrohung zugleich: Der Stechschritt der Gegenwart, mit dem die Figuren der Sänger mithalten müssen, wenn sie nicht überrannt werden wollen.

Vor technische Probleme stellt das die Sopranistin Aleksandra Zamojska und den Countertenor Armin Gramer aber nur selten. Sie singen wunderbar natürlich in den ruhigen Arien und virtuos in den Koloraturen – eine festspielreife Leistung, die von dem atemberaubend frisch spielenden (und auch szenisch geforderten) Solistenensemble Kaleidoskop mit seinem Dirigenten Olof Boman sogar noch übertroffen wird. Makellos agiert auch der Norddeutsche Figuralchor, dessen Sänger sich einzeln unter die Zuschauer gemischt haben und so ohne den Schutz des Kollektivs singen müssen.

Die souveräne Selbstverständlichkeit, mit der die Musiker die barocke Musik aufführen, korrespondiert mit der ungewöhnlichen szenischen Anordnung. Ludger Engels geht es nicht mehr darum, Altes und Neues miteinander kurzzuschließen. Sein „Semele Walk“ führt ihn weiter: in eine Gegenwart, die voll ist von einem barocken Lebensgefühl, dessen Komplexität gerade erst wiederentdeckt wird.

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