Mit dem Begriff Musikunterricht ist auf ewig der Klavierlehrer verbunden, der so alt aussah, als ob er sein Handwerk noch bei Mozart persönlich erlernt hätte.
Aber es gibt ja das Internet, und so lernen wir ein Instrument beim Online-Schaufenster YouTube.com. Da gibt’s die freie Gratisauswahl, die auch bei der Vorauswahl zum Instrumentenkauf gute Dienste leisten kann. Wie wäre es mit etwas Ausgefallenem? Opas alter Mandoline zum Beispiel. Also Eingabe „Mandoline lernen“. Keine Treffer. Vielleicht „Learning Mandolin“? In der Tat, es gibt gleich Unterricht im Ausland. Angeboten werden „Learning Mandolin“ Folge 1, 2 und 3. In Folge 1 sieht man eine Mandoline und eine linke Griffhand. Die Hand stellt sich nicht vor und spielt in fürchterlicher Klangqualität 38 Sekunden Mandoline für Fortgeschrittene. In Teil 2 und 3 sitzt ein Mann im Dunkeln vor seinem Bett, spielt noch fortgeschrittener und pfeift dazu. So wird das nichts.
In einem Linkfenster bei YouTube blinkt der Satz „Be a Guitar God!“. Auch nicht schlecht. Aber aufgeben gilt nicht. Wir landen bei Mike. Mike stellt sich vor als der „Mandolin Instructor“, der Mann hat Manieren, und wenn er so langsam spielt, wie er redet, ist er für Anfänger genau der Richtige. Mike spielt mit einem Plektrum Einzelnoten, erklärt, was die rechte und die linke Hand tun. Das ist gut, nachspielen also. Leider ist unser kleiner Achtsaiter verstimmt, Mike, was tun? Doch Mike antwortet nicht. Mike spielt Einzelnoten, und nach zwei Minuten und acht Sekunden ist Mikes erste Mandolinenstunde vorbei.
Zum Stimmen landen wir bei Brad, einem bärtigen Hünen vor blauem Hintergrund, es sieht ein bisschen aus wie in der Sesamstraße. Brad hat fünf Minuten und neun Sekunden Zeit und spricht etwas schneller, wenn auch nuscheliger als Mike. Brad empfiehlt, die Mandolinensaiten so lange zu stimmen, bis sie klingen wie seine. Und wenn man etwas nicht verstanden hat, einfach das Video noch mal abzuspielen. Wie Mike hat Brad eine ganze Reihe Videos, die man nach und nach zusammensuchen kann. Systematisches Erlernen geht anders.
Bei einem echten Lehrer hat vermutlich der unbekannte Herr in der Latzhose gelernt, den wir zwischendurch aus der Vorschlagsliste „Related Links“ aufrufen. Er spielt Jimi Hendrix auf der Mandoline, ein Hexer, fürwahr, nur schade, dass er ab und zu vor Ekstase aus dem Bild läuft und man seinen Kopf nicht sieht. Er steht in seinem Wohnzimmer, und er hat nicht aufgeräumt. In den Kommentaren fragt einer, was wohl in dem Schrank hinter ihm ist.
In den „Related Links“, die bei YouTube rechts stehen, wartet auch Anthony. Anthony hat eine lustige Wollmütze auf und spielt zu Beginn seines Lernvideos wie der Teufel. Für jemanden, der Probleme hat, mit dem Plektrum eine Saite sauber zu treffen und seine Wurstfinger in die engen Bünde zu bekommen, ist Anthony eine andere Welt.
Anthony weiht seine Zuschauer in die Geheimnisse des „Crosspicking“ ein, eine „technique“, die nicht nur „great“ sei, sondern auch „quite simple“. Schwieriger dagegen ist die Technik, zwischen Video stoppen/starten und selbst spielen hin- und herzuschalten. Dann hakt auch noch das Video. Linke Hand Mandoline, rechte Hand Maustaste – macht unterm Strich eine schlechte Sitzhaltung.
Fazit: YouTube-Unterricht ist ein Schnupperkurs für autodidaktisch begabte Erwachsene mit Englischkenntnissen, die keine Fragen stellen. Aber die haben den Unterricht immerhin gratis.
www.youtube.com
HAZ.de Anmeldung