„Jetzt machen wir große Kreise mit den Schultern, nicht nur rauf und runter. Kopf gerade, Kiefer locker!“ Michael Krause ruft laut in die Runde. Der Leiter hat seinen Göttinger Knabenchor zum Einsingen im Musiksaal des Felix-Klein-Gymnasiums versammelt, oben unterm Dach. „Ja, so ist es gut. Jetzt singen wir mo – mi – mo. Macht schöne Vokale, ganz rund, mit weißem Puderzucker obendrauf.“ Die jungen Sänger halten den Kiefer locker und singen: mo – mi – mo mit wunderschönen Vokalen. So verlaufen die Proben oft, nicht nur vor großen Konzerten.
Seit 1962 gibt es den Göttinger Knabenchor – dem Geburtsjahr seines jetzigen Dirigenten. Der Gründer war Franz Herzog, Schüler des Dresdener Kreuzkantors Rudolf Mauersberger. Von den großen, traditionsreichen Chören in der damaligen DDR gingen viele Impulse auch im Westen aus. In Hannover gründete Heinz Hennig, Schüler des Leipziger Thomaskantors Kurt Thomas, bereits 1950 seinen Knabenchor.
Damals ließen sich Kinder relativ leicht zum Singen motivieren: Der Göttinger Chor war bald so stark und leistungsfähig, dass er bei Oratorienaufführungen der Händel-Festspiele mitwirken konnte. Später, in den achtziger und neunziger Jahren, änderte sich die Lage. Die Einführung der Orientierungsstufe erschwerte es, junge Stimmen in den Schulen zu rekrutieren, die schulischen Anforderungen nahmen mehr Zeit in Anspruch, die Zahl der jugendlichen Hobbys wuchs, und in vielen gesellschaftlichen Gruppen war es nicht mehr selbstverständlich, sich aktiv mit Musik zu befassen, schon gar nicht mit klassischer. So etwas galt als uncool. Wer in seiner Schulklasse zugab, sich für Musik jenseits der Disco- und Technowelt zu interessieren, sie gar auszuüben, war schnell ausgegrenzt.
Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Die Nachwuchssorgen des Göttinger Knabenchors sind zwar nicht auf null geschrumpft, aber längst nicht so belastend wie früher. Wobei die gesellschaftliche Akzeptanz klassischer Musik allmählich wieder zu wachsen beginnt – und obendrein die Strategie der Nachwuchspflege Erfolge zeitigt. Der Knabenchor hat jetzt 50 bis 60 Sänger im Hauptchor, dazu gibt es einen Vorchor mit 25 Mitgliedern. Dieser Nachwuchs ist ein Ergebnis der musikalischen Frühförderung, die Honorarkräfte des Chores an 1. und 2. Grundschulklassen in Göttingen anbieten.
Gezielte Förderung – auch im Spitzenbereich – hat auch den hannoverschen Mädchenchor zu einer Erfolgsgeschichte werden lassen. Nicht wenige der jungen Frauen, die den Chor verlassen haben, sind inzwischen arrivierte Profisänger-innen. Und wer nur aus Spaß weitersingen möchte, findet in der Landeshauptstadt viele Chöre, in denen wiederum ehemalige Mitglieder des Knaben- oder Mädchenchores sind. Solche Vorbilder wirken anziehend auf den Nachwuchs.
Auch in Göttingen gibt es neben dem Knabenchor viele weitere Chöre: die Stadtkantorei und die St.-Jacobi-Kantorei mit jeweils weit mehr als 100 Sängern, den Universitätschor, die Chorakademie, die sich auch der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen widmet, etliche Kirchenchöre, Chöre, die an soziokulturellen Zentren angesiedelt sind, Gospelchöre und ambitionierte Projektchöre wie „I dodici“ und das Vocalensemble.
Chorsingen ist also ganz offensichtlich ein gesellschaftliches Grundbedürfnis – – das gilt weit über die beschriebene Region hinaus. Doch wie wird so etwas finanziert? Leiter Michael Krause bekommt für seine Arbeit mit dem Knabenchor von den Sängereltern eine kleine Vergütung. Im Hauptberuf arbeitet er als Musiklehrer am Göttinger Otto-Hahn-Gymnasium, wo er zudem für zwei Schulchöre zuständig ist. Gudrun Schröfel, Leiterin des Mädchenchores in Hannover, ist Professorin an der Musikhochschule, Jörg Breiding, ihr Kollege beim Knabenchor, ist Professor in Essen. Vom Dirigieren allein können die meisten Chorleiter nicht leben.
Anders sieht es bei den kirchlichen Kantoreien aus. Sie werden von A- oder B-Kirchenmusikern geleitet, das sind von den Kirchen bezahlte Vollzeitstellen. Angesichts der zunehmenden Stellenkürzungen ist aber zu befürchten, dass die kirchenmusikalische Arbeit künftig nicht mehr in demselben Umfang fortgeführt werden kann.
Geldsorgen gibt es auch auf anderen Gebieten. So sind besondere Konzertprojekte jenseits des Mainstreams immer schwieriger zu organisieren. Ein Förderverein der Göttinger Stadtkantorei beispielsweise sorgt dafür, dass auch Konzerte neben dem Weihnachtsoratorium kein Verlustgeschäft werden, dass höhere Gagen für bessere Solisten gezahlt werden können. Zudem ist in allen Chören immer mehr Findigkeit und Überzeugungskraft gefragt, um Sponsorengeld aus der Wirtschaft und den wenigen Fördertöpfen der öffentlichen Hand einzuwerben.
Immerhin mehren sich die Fälle, in denen Chöre zusammenarbeiten, was auch für die Zukunft positive Perspektiven bietet. Jüngstes Göttinger Kooperationsprojekt: Händels „Messias“ zum 250. Todestag am 14. April, aufgeführt von Kammerchor und Knabenchor mit dem Barockorchester, eine Zusammenarbeit von Profis und geschulten Laien.
Michael Krause kennt sich mit den Problemen der Sänger aus: „Ich merke, wie schwer es ist, aus dem Schulalltag raus- und in das Stück hineinzukommen“, sagt der 46-Jährige. Dann ruft der Dirigent erneut in die Runde: „Das Orchester spielt nur so gut, wie ihr singt. Die haben Profiohren! Wie gut das Konzert wird, habt ihr in der Hand!“
von Michael Schäfer
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