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Musikland Niedersachsen Was ist das Musikland?
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15:43 04.02.2010
Von Stefan Arndt
300 Bläserklassen gibt es in Niedersachsen - da ist auch manche Tuba dabei. Quelle: Ralf Decker

Hessen ist es schon. Sachsen-Anhalt auch. Bayern und Baden-Württemberg sind es sowieso. Musik ist schließlich eine schöne Sache; kein Wunder, dass alle Welt Musikland sein will. In Niedersachsen hat Christian Wulff das Thema bei seinem Regierungsantritt 2003 zur Chefsache erklärt. Danach war eine Zeit lang etwas unklar, ob der seither immer häufiger gebrauchte Begriff „Musikland Niedersachsen“ nun die Beschreibung für den Istzustand aller musikalischen Aktivitäten oder eine Zukunftsvision ist.

Inzwischen liegen die Dinge klarer. Dass in diesem Sommer nach jahrzehntelangem Hin und Her endlich eine neue Landesmusikakademie ihre Pforten öffnet, ist ein weithin sichtbares Signal auf dem Weg zum Musikland Niedersachsen. Grund genug, es einmal ausführlich vorzustellen: In unserer fünfteiligen Serie werden wir die Facetten des Musiklandes beleuchten, die Musik von der Basis bis zur Spitze, die Ausbildung ebenso wie die wirtschaftlichen Aspekte.

Das niedersächsische Projekt ist gerade deshalb viel spannender als die der anderen Bundesländer, weil es mehr sein möchte als ein vager Oberbegriff für alle Musiker, Festivals und Konzerte. Es steht auch für die Suche nach einem neuen, zukunftsfähigen Musikverständnis. Vor allem in zwei Bereichen gehen dabei von Niedersachsen stille Revolutionen aus: in der musikalischen Bildung und in der Vermittlung von Musik.

Weil es in Niedersachsen erstaunlich viel guten Willen, aber erstaunlich wenig Geld für Musik gibt, hat man hier in den vergangenen Jahren viele unkonventionelle Ideen entwickelt. Während man beispielsweise in Hamburg und Essen medienwirksam teure Projekte wie „Jedem Kind ein Instrument“ gestartet hat, laufen in Niedersachsen seit Längerem recht unauffällig mindestens vergleichbare Initiativen. Noch kann nicht jedes Schulkind ein Instrument leihen und erlernen, aber es sind schon jetzt mehr Kinder, als man an der Elbe oder im Ruhrgebiet erreichen wird.

Dass es hier bereits fast 300 Bläserklassen gibt, also Schulklassen, in denen Instrumental- und Ensemblespiel zum normalen Stundenplan gehören, ist auch das Verdienst einer Vernetzung zwischen der Profi- und ambitionierten Laienmusikszene und den allgemeinbildenden Schulen. Statt neue Fachlehrer einzustellen – die ohnehin Mangelware sind –, geben Musikschullehrer oder Ausbilder von Posaunenchören und Feuerwehrkapellen ihr Wissen in der Schule weiter. Ideengeber und hartnäckige Organisatoren für dieses und viele ähnliche Projekte sind der Landesmusikrat, der Dachverband aller musikalischen Verbände, und sein umtriebiger Präsident Karl Jürgen Kemmelmeyer.

Auf diese Weise sind in Niedersachsen mehr Bläserklassen entstanden als in anderen Ländern – und mit ihnen eine Infrastruktur, die es ermöglicht, die Schüler nach dem Ende der zweijährigen Bläserklassenzeit weiterzubilden und ihnen Angebote zum Mitspielen zu machen.

Seit Kurzem bemüht man sich auch verstärkt, neue Wege für die Präsentation von (vor allem klassischer) Musik zu finden. Die Erkenntnis, dass es für die althergebrachte Konzertform Stillsitzen und Zuhören immer weniger und immer älteres Publikum gibt, hat sich in Niedersachsen an wichtigen Stellen durchgesetzt. Für den neuen Schwerpunkt Musikvermittlung gibt es sogar etwas zusätzliches Geld: Die Stiftung Niedersachsen und die Sparkassenstiftung haben bereits begonnen, Fachleute anzuwerben, die diesen Bereich weiterentwickeln können. Klaus-Georg Koch ist seit einem Jahr Geschäftsführer des neu gegründeten Projektes Musikland Niedersachsen, dem auch eine Abteilung zur Musikvermittlung angeschlossen ist.

Zu Kochs Aufgaben gehört daneben ein Bereich, der allerorten mit dem Begriff Musikland verbunden ist. Natürlich sind auch die Präsentation und (touristische) Vermarktung des Bestehenden ein erklärtes Ziel des Musiklandes. Das stand schließlich 1987 auf der Agenda, als der Landesmusikrat der damaligen Regierung Albrecht erstmals ein Förderprogramm mit dem Titel Musikland Niedersachsen vorschlug. Es war eine direkte Reaktion auf den Erfolg des Schleswig-Holstein Musik Festivals, das damals mit Galionsfiguren wie Leonard Bernstein Klassik aus dem Konzertsaal in die Scheune holte und dem Genre einen vorübergehenden Boom bescherte. Das Resultat war die Gründung der von der Sparkassenstiftung getragenen Niedersächsischen Musiktage. Lange konnten die trotz guten Willens nicht mit der Konkurrenz mithalten. Unter Markus Fein, der seit zwei Jahren Intendant der Musiktage ist, hat sich das Festival aber zu einer Experimentierwerkstatt für neue, attraktive Konzertformen entwickelt. Aus dem Nachahmerprodukt ist ein Pionier geworden.

Das Musikland Niedersachsen steht derzeit für guten Willen und gute Ideen. An Geld aber mangelt es weiter. Die neue Landesmusikakademie, die ein Ausbildungsort vor allem für die jungen Musikbegeisterten des Landes sein wird, wirkt als gutes Symbol ins Land hinein. In anderen Bundesländern gibt es eine solche Akademie allerdings längst. Um auch nach außen eine gewisse Strahlkraft zu erzeugen, sind noch ganz andere Anstrengungen wie beispielsweise der Bau (oder Umbau) eines attraktiven Konzertzentrums in der Metropole Hannover nötig. Niedersachsen hätte sie längst verdient. Gerade als Musikland.

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