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Warum haben wir das verlernt?

Der Charme der Dialekte Warum haben wir das verlernt?

Es gab Zeiten, da war Dialekt peinlich, und die liegen gar nicht lange zurück. Wer in den Neunzigern zum Beispiel in Freiburg im Breisgau studierte, der traf dort eine Menge Badenser und Schwaben, die in einer speziellen Disziplin mindestens so viel Ehrgeiz aufbrachten wie für den nächsten Proseminarschein.

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Plattdeutsch in Hannover?

Quelle: Collage: HAZ

Im Fach „Wie-verberge-ich-am-gründlichsten-meine-Mundart“ schaffte da so mancher Bestnoten, dem sonst nicht so viel gelang. Und wer ihnen als Norddeutscher mal gönnerhaft ein Kompliment hinwerfen wollte, der sagte Sätze wie: „Was, aus Sigmaringen kommst du? Das hört man wirklich fast gar nicht!“

Inzwischen kann man sich solchen Hochmut endgültig sparen. Es hat sich nämlich etwas gewandelt. Dialekt gilt wieder als schick. Schwaben und Baden kokettieren mit ihrer Unfähigkeit zur Hochsprache: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“, werben sie für Baden-Württemberg. In den Radio-„Tatorten“ der ARD scheint es fast Pflicht zu sein, dass man den Kommissaren anhört, in welcher Gegend Deutschlands sie ermitteln. „Mia san mia“, verkünden die Bayern. In niedersächsischen Schulen wird den Kindern wieder Plattdeutsch beigebracht. Und längst sprechen Asterix und Obelix bayerisch, sächsisch oder hessisch.

Es gibt deutliche Zeichen für eine Renaissance des Dialekts. Und jetzt haben wir Hannoveraner auf einmal ein Problem. Seit gut 200 Jahren gehört diese Überzeugung zum Kern unseres Selbstverständnisses: Hochdeutsch können wir besser als alle anderen. Spätestens zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sich diese Auffassung allgemein durchgesetzt. Wer als Ausländer Deutsch lernen wollte, dem wurde geraten: Fahr nach Hannover! So üppig schien das Licht des Lobes auf Hannover, dass selbst für sonst ungeliebte Nachbarstädte noch etwas übrig war: „Im Ganzen wird im Hannöverschen das beste Deutsch gesprochen, und im Munde der Töchter Braunschweigs klingt unsere als so hart verschrieene Muttersprache so süß wie die italienische“, befand der Schriftsteller Carl Julius Weber 1839 mit wohl leichter Ironie, aber im Kern durchaus ernst. Bis heute gründet ein nicht unerheblicher Teil des hannoverschen Stolzes auf genau solchen Sätzen.

Natürlich wissen wir, dass die Geschichte vom kristallreinen hannoverschen Hochdeutsch zum Teil immer auch eine Mär war. Ganz so frei von regionalen Einsprengseln war und ist die hannoversche Umgangssprache nun auch wieder nicht. Man braucht gerade manchem älteren Hannoveraner nicht mal besonders genau zuzuhören, um einen erstaunlich kreativen Umgang mit den Vokalen zu bemerken. Dass „anner Laane“ unter „Aale“ Zeitmangel zu verstehen ist, gilt als das klassische Beispiel: Ein „ei“ kommt dem Hannoveraner nur schwer über die Lippen, lieber macht er daraus ein langes „a“.

Dem Philosophen Theodor Lessing bot diese hannoversche Eigenart sogar Stoff für eine Satire. Darin lässt er einen jungen Franzosen, der in Hannover Deutsch lernen möchte, bei seiner Ankunft einer jungen Dame begegnen, die ihn vor den Pfützen warnt: „Daan Rock päötscht gräöde ins dickste Wasser.“ „Mir ahnte nur dunkel“, stellt der Franzose daraufhin fest, „dass vom Regenwetter die Rede war.“

Wahr ist aber eben auch, dass wir uns gründlicher als alle anderen von unseren sprachlichen Wurzeln entfernt haben. Auch Hannover gehörte zum niederdeutschen Sprachgebiet, auch hier wurde selbstverständlich Platt geschnackt. Das Hochdeutsche ist hier nur eingewandert. Ein wichtiger Ursprungsort ist – auch wenn das aus heutiger Sicht reichlich kurios klingt – Sachsen, dessen Hof- und Kanzleisprache für Verwaltungen als vorbildlich galt. In Hannover, damals eine aufstrebende Residenzstadt, eiferte man diesem Vorbild gern nach.

Hier traf die obersächsisch-meißnerische Sprache dann auf norddeutsche Aussprachekonventionen, die Menschen gingen hier einfach sorgfältiger mit den Konsonanten um. Diese Mischung konnte sich hier gut etablieren: Es gab in Hannover, wie in Celle und Lüneburg, relativ wenige Arbeiter, dafür aber einen hohen Anteil von Bürgern und Beamten, die sich von den niederen Schichten und den Bauern sprachlich absetzen wollten – mit Erfolg: „Um 1800 gelten die alten norddeutschen Residenzstädte als Vorbilder für eine ,reine Aussprache‘“, sagt der Sprachwissenschaftler Claus Ahlzweig von der Leibniz Universität Hannover. Dass schließlich Hannover zum alleinigen Synonym für das reinste Hochdeutsch wurde, hat schlicht historische Gründe: Die Stadt an der Leine überflügelte ihre Nachbarn in Sachen Größe, Wirtschaftskraft und politischer Bedeutung.

Die gründliche Vertreibung des Niederdeutschen aus der Stadt konnte für das Umland nicht folgenlos bleiben: Auch dort riss die Weitergabe des Platt von einer Generation an die nächste deutlicher ab als anderswo. Mag es vor allem auf den Dörfern noch niederdeutsche Inseln geben, sie sind zu klein, um noch die Identität zu beeinflussen: Hannover, das ist die feste Burg des Hochdeutschen.

Nur ist dies kein Grund zum Hochmut mehr. Sprachforscher diagnostizieren in ganz Deutschland ein Verschwinden regionaler Eigenheiten: Der junge Bayer ist vom jungen Badenser oder Hamburger kaum mehr zu unterscheiden. „Hannovers Sonderstatus schwindet zunehmend“, sagt Reinhard Goltz vom Institut für Niederdeutsche Sprache in Bremen.

Wahrscheinlich ist auch genau dies einer der Hauptgründe für die Renaissance des Dialekts: Im Moment des Verschwindens besinnen wir uns auf die Vorzüge dessen, was wir verlieren. Angesichts globaler Orientierung erscheinen heimatliche Eigenheiten, regionale Küche wie regionale Sprache, wie ein vertrauter Gegenpol. Hannover hat da viel verloren. Wenn es jetzt Rückbesinnung auf die Spuren der hannoverschen Eigenheiten gibt, auf Wörter wie „„hudderig“ oder Wendungen wie „to late“ und das lange „a“, dann wäre das nicht das Schlechteste.

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