Im Jahr 1999 traf Regisseur Sam Mendes mit seinem Regiedebüt fürs Kino, der brillant beobachteten Gesellschaftssatire „American Beauty“, sofort einen Nerv beim Publikum. Der Film erhielt fünf Oscars – unter anderem in den Kategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“ – und gilt bereits heute als moderner Klassiker. Nach diesem ebenso amüsanten wie scharfsinnigen Blick auf die amerikanische Vorstadthölle wandte sich Mendes 2002 einem ganz anderen Thema zu. Sein Mafiathriller „Road to Perdition“ zeigt Tom Hanks als abgebrühten Auftragskiller, der zusammen mit seinem Sohn den Mord an der restlichen Familie rächen will. Für die beeindruckenden Bilder erhielt Conrad L. Hall den Oscar für die „Beste Kamera“.
Drei Jahre später folgte der Antikriegsfilm „Jarhead“, in dem Jake Gyllenhaal alias Anthony Swofford das Warten auf die Operation „Desert Storm“ und die Schrecken des Krieges hautnah miterlebt – und mit einer fürs Leben gezeichneten Seele aus dem Irak zurückkehrt. Ein Film, der nicht nur emotional bewegt, sondern vor allem durch seine intensiven Bilder im Gedächtnis bleibt. 2008 inszenierte der Regisseur dann das ergreifende Drama „Zeiten des Aufruhrs“, das sich mit großen Lebensplänen und der eigenen Selbstverwirklichung auseinandersetzt. Leonardo DiCaprio und Kate Winslet spielen darin ein Paar, das im Amerika der fünfziger Jahre versucht, dem Ehealltag zu entkommen.
Vier Filme aus vier verschiedenen Genres, die alle kleine Meisterwerke darstellen, hat Sam Mendes also bereits abgeliefert. Mit seiner fünften Regiearbeit fürs Kino, der erfrischenden Tragikomödie „Away We Go“, knüpft er nun nahtlos an diese Erfolgsserie an – und beweist erneut, dass er einer der talentiertesten Filmemacher der Gegenwart ist.
Burt (John Krasinski) und Verona (Maya Rudolph) haben bereits die 30 überschritten und erwarten ihr erstes Kind. Obwohl die beiden glücklich zusammen sind, kommt Heiraten für die werdende Mutter nicht infrage. Kurz vor der Geburt des Babys verkünden Burts Eltern (Jeff Daniels und Catherine O'Hara) plötzlich, dass sie nach Belgien auswandern wollen – dabei hatte das Paar doch eigentlich auf die Unterstützung der einzigen noch lebenden Großeltern gezählt. Was nun?
Da sie jetzt nichts mehr im verschneiten Colorado hält, beschließen Burt und Verona, ihr altes Heim aufzugeben. Auf der Suche nach einem neuen Zuhause klappern die beiden Freunde und Bekannte in ganz Nordamerika ab – in der Hoffnung, in der Nähe von vertrauten Menschen aus ihrer Vergangenheit einen Platz zu finden, an dem sie sich wohlfühlen. Ihre Reise führt sie von Phoenix über Tuscon nach Montreal und Miami. Doch die Begegnungen verlaufen anders als erwartet, und das Paar schlittert von einer skurrilen Situation in die nächste...
Es reichen fünf Minuten, und die Hauptcharaktere sind einem bereits ans Herz gewachsen. Bei Burt und Verona geht es meist recht chaotisch zu, sie sind auf sympathische Art verpeilt und wissen nicht so recht, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Beide fragen sich immer wieder, ob sie Versager sind, haben aber stets ein Ziel vor Augen: Sie wollen ihrem Kind gute Eltern sein – und halten deshalb nach dem bestmöglichen Ort zum Leben Ausschau. Die Reise durch den Norden Amerikas wird für das Paar nicht nur zur Suche nach einem neuen Heim, sondern auch zur Suche nach dem eigenen Platz in der Welt – an deren Ende die Selbstfindung steht.
Der Film ist wie ein Roadmovie aufgezogen, bei dem die Fahrt von Burt und Verona das verbindende Element zwischen den einzelnen, kleinen Episoden darstellt. Denn jede der vier Stationen ihres Trips hält eine eigene Geschichte bereit, die dem Paar Einblicke in ganz unterschiedliche Familienkonstellationen gibt. In jeder Stadt lernen sie etwas Neues übers Kindergroßziehen – und auch über sich selbst.
Sam Mendes gelingt es bei „Away We Go“ stets, einen leichten, unbeschwerten Unterton zu bewahren und die skurrilen und aberwitzigen Momente gekonnt mit den ernsten und tragischen Szenen zu verbinden. Mit großartigem Gespür für Timing und einem erfrischend offenherzigen Humor erzählt der Regisseur hier eine Geschichte über zwei „Normalos“, die ihrem Leben eine neue Richtung geben wollen. Dabei sind es vor allem die Alltagssituationen – wie etwa Fahrten im Auto oder Gespräche am Esstisch –, die sich durch eine wohltuende Natürlichkeit auszeichnen. Hier offenbart Mendes erneut sein beispielloses Talent für authentisch wirkende Inszenierungen.
Nicht zuletzt sorgen aber auch die wirklich grandiosen Leistungen der beiden Hauptdarsteller John Krasinski und Maya Rudolph für die Glaubwürdigkeit der Figuren. Die hierzulande eher unbekannten Schauspieler sind wirklich die Idealbesetzung für Burt und Verona.
Fazit: Mit „Away We Go“ hat Sam Mendes ein durchweg unterhaltsames Independent-Highlight geschaffen, das auf ebenso humorvolle wie tiefgründige Art von der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt erzählt.
Bewertung: 9/10
Ähnliche Filme: „Away We Go“ könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „Garden State“ (2004), „Elizabethtown“ (2005), „Little Miss Sunshine“ (2006) und „Juno“ (2007) mochten.
Kinostart: 15. Oktober 2009
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