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Fankritik mit Interview

„X-Men Origins: Wolverine“: Hugh Jackman sinnt auf Rache

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Im neuen „X-Men“-Film schlüpft Hugh Jackman bereits zum vierten Mal in seine Paraderolle: Das Kinoabenteuer kehrt zu den Ursprüngen des Mutanten Wolverine zurück – und zeigt, wie er in einer harten Nacht zu seinen Metallkrallen kommt.
Hugh Jackman spielt erneut Wolverine.

Hugh Jackman spielt erneut Wolverine.

© 20th Century Fox

Kanada, Mitte des 19. Jahrhunderts: Der Junge James Howlett (Troye Sivan), der sich später selbst Logan nennt, entdeckt unter dramatischen Umständen seine Mutationen. Nicht nur können aus seinen Händen messerscharfe Knochenkrallen herausschnellen, auch verfügt er über außergewöhnliche Selbstheilungskräfte. Als James kurz darauf unwissentlich seinen Vater tötet, flieht er zusammen mit seinem Bruder Victor (Michael-James Olson), der ebenfalls ein Mutant ist, in die Berge.

In den folgenden Jahrzehnten kämpfen Logan (Hugh Jackman) und Victor (Liev Schreiber) Seite an Seite im Amerikanischen Bürgerkrieg, den beiden Weltkriegen und schließlich auch in Vietnam. Aufgrund ihres stark verlangsamten Alterungsprozesses und ihrer beeindruckenden Selbstheilungskräfte wird der Militärwissenschaftler William Stryker (Danny Huston) auf die Brüder aufmerksam und wirbt sie für eine aus Mutanten bestehende Spezialeinheit an. Zusammen mit anderen X-Men erfüllen die beiden gefährliche Missionen rund um den Globus. Als Victors skrupellose Taten Logan dann aber zu weit gehen, steigt er aus und beginnt ein neues Leben als Holzfäller in den kanadischen Rocky Mountains.

Dort lebt er Jahre später glücklich mit der Lehrerin Kayla Silverfox (Lynn Collins) zusammen. Doch schon bald holt ihn die Vergangenheit auf grausame Weise ein: Victor alias Sabretooth nimmt sich nach und nach die Mitglieder der einstigen Spezialeinheit vor und macht auch vor Logans Liebe nicht halt. Als Kayla in seinen Armen stirbt, sinnt Logan auf Rache und wendet sich an Stryker. Damit er den Kampf gegen seinen Bruder Victor aufnehmen kann, überzieht der Militärwissenschaftler Logans Skelett – inklusive seiner Krallen – mit dem unzerstörbaren Metall Adamantium. Das wilde Tier Wolverine ist geboren...

Die Story zum ersten Spin-off der „X-Men“-Trilogie hört sich recht spannend und vielversprechend an, und eine gute dreiviertel Stunde lang ist sie das auch. Doch dann geht es dem Film leider wie vielen anderen Comic-Adaptionen: Die Charakterentwicklung kommt zugunsten von Actioneinlagen, Spezialeffekten und den üblichen Gut-gegen-Böse-Kämpfen zu kurz, und das Potenzial, das sich aus der inneren Zerrissenheit der Figuren ergibt, wird nur sehr oberflächlich genutzt.

So sind die beiden Hauptkonflikte des Films – der Verlust eines geliebten Menschen und die Bruder-Bruder-Beziehung – zwar gut etabliert worden, aber letztendlich fehlt es ihnen an Facettenreichtum und Glaubwürdigkeit. Dass Logan und Kayla eine tiefe Liebe verbindet, wird schnell klar. Das Problem ist nur, dass einem Kaylas Tod nicht wirklich nahe geht, da im Film zu wenig von der gemeinsamen Zeit des Paares gezeigt wird. Und gerade da Logans Rachefeldzug gegen seinen Bruder Victor durch dessen Mord an Kayla motiviert ist, hätten einige zusätzliche Beziehungsszenen den Film deutlich aufgewertet – und Logans Verlust sehr viel spürbarer gemacht. Da Regisseur Gavin Hood mit dem in Südafrika spielenden Drama „Tsotsi“ (2005) bereits einen Oscar für den „Besten nicht englischsprachigen Film“ eingefahren hat, ist es verwunderlich, dass er hier offenbar mit sehr viel weniger Qualitätsanspruch an sein Werk herangegangen ist. Mit „X-Men Origins: Wolverine“ hätte Hood – wie viele andere Filmemacher vor ihm – durchaus beweisen können, dass sich Mainstreamkino und überzeugende Figurenzeichnung nicht unbedingt ausschließen.

Mit Logan und Victor stehen sich zwei sehr ähnliche Charaktere gegenüber, die sich in völlig unterschiedliche Richtungen entwickeln. Victor findet schnell Gefallen an seinen Kräften und lebt als Sabretooth seine inneren Triebe auch gnadenlos aus. Wolverine dagegen ist die Angst vor seinen eigenen Fähigkeiten immer wieder anzusehen, und er ist stets bemüht, das wilde Tier in sich im Zaum zu halten. Diese Gegensätzlichkeit der beiden Brüder wird zwar immer wieder angedeutet, aber sie hätte noch viel stärker herausgearbeitet werden können. Zumal für Sabretooth mit Liev Schreiber, der zuletzt in „Unbeugsam – Defiance“ locker mit Daniel Craig mithalten konnte, ein gestandener Charakterdarsteller besetzt wurde, der aus seiner Rolle wirklich alles herausholt, was das Drehbuch zulässt.

Ein weiteres Problem des Films ist die Konzentration auf nur eine Hauptfigur. Zwar gibt es an Jackmans Darstellung nichts auszusetzen, und allein schon durch den Titel ist klar, dass hier Wolverine im Mittelpunkt steht, aber trotzdem fehlt dem Ganzen etwas. Die bisherigen drei „X-Men“-Abenteuer funktionierten alle als Ensemblefilme, in denen das Zusammenspiel – und vor allem die inneren Konflikte – mehrerer Hauptfiguren im Vordergrund standen. Dabei wurden selbst nur am Rande auftauchende Mutanten charakterisiert oder wenigstens näher umrissen. In „X-Men Origins: Wolverine“ bleiben die Nebenfiguren jedoch fast durchweg konturlos und wirken eher wie schmückendes Beiwerk.

So enttäuscht viele Fans sicher der Auftritt von Gambit, der bereits für „X-Men 2“ angedacht war, es dann aber doch nicht in den Film geschafft hat. Taylor Kitsch, der Gambit spielt, macht seine Sache zwar recht ordentlich, aber der an sich äußerst interessante Charakter kommt in der Handlung einfach zu kurz und wirkt recht austauschbar. Einfach zu versuchen, mit dem Einführen einer beliebten Figur noch schnell ein Ass aus dem Ärmel zu ziehen, funktioniert hier nicht. Zumal man darin inzwischen mindestens einen Joker versteckt haben sollte, wie der jüngste „Batman“-Film „The Dark Knight“ eindrucksvoll bewiesen hat. Solche komplex konzipierten und brillant gespielten Charaktere findet man in Comic-Verfilmungen leider immer noch viel zu selten.

Die Effekte in „X-Men Origins: Wolverine“ sind gut bis sehr gut und die Actionszenen recht solide – auch wenn sie zum Ende hin etwas ermüdend wirken. Und abgesehen von einer überzeugenden Charakterisierung der Figuren, fehlen vor allem die sozialkritischen Untertöne, die den bisherigen Filmen immer einen aktuellen Bezug zum weltpolitischen Geschehen gegeben haben.

Äußerst positiv fällt dagegen die Kontinuität mit den drei vorangegangenen Filmen auf. Alle Andeutungen, die in der „X-Men“-Trilogie gemacht wurden, passen stimmig mit dem neuen Teil zusammen. Seien es Logas Albträume aus den ersten beiden Filmen, die das Geschehen von „X-Men Origins: Wolverine“ bereits knapp umrissen haben, sein Erinnerungsverlust, der 15 Jahre vor den Ereignissen des ersten Teils einsetzte, die Militärbasis am Alkali Lake oder auch das Auftauchen von Strykers Sohn Jason – alles fügt sich widerspruchsfrei in die Reihe ein.

Auch ist die Eröffnungssequenz, in der man Logan und Victor in den verschiedenen Kriegen kämpfen sieht, visuell und inszenatorisch erstklassig umgesetzt. Schade, dass dieses wirkliche Highlight schon so früh verpulvert wird und das einzige seiner Art bleibt. Weitere solcher Szenen hätten dem Film deutlich mehr Klasse verliehen.

Logans cooler und trockener Humor wird auch hier wieder im richtigen Maß eingestreut und von Hugh Jackman perfekt rübergebracht. Und wenn man schon einen Film mit dem „Sexiest (X-)Man Alive“ dreht, dann darf man ihn auch mal völlig nackt durchs Bild laufen lassen. Immerhin gibt es hier eine sinnvolle Erklärung dafür – im Gegensatz zu der Ich-gieße-mir-jetzt-einfach-mal-einen-Eimer-Wasser-über-meinen-nackten-Oberkörper-Szene in „Australia“.

Mit dem ersten „X-Men Origins“-Teil hat man nun die Ursprünge von Wolverine beleuchtet. Als nächstes folgt sehr wahrscheinlich die Hintergrundgeschichte des Bösewichts Magneto. Hoffentlich wird dieser Film dann etwas ausgewogener und weniger actionlastig. Denn es wäre sehr schade, wenn die ungeheure Anziehungskraft, die von diesem Projekt ausgeht, nicht entsprechend genutzt wird.

Fazit: Viele gute Ansätze, viel verschenktes Potenzial. „X-Men Origins: Wolverine“ bietet zwar größtenteils gelungene Unterhaltung, erreicht aber niemals die Tiefgründigkeit und atmosphärische Qualität seiner Vorgänger.

Bewertung: 6,5/10

Ähnliche Filme: „X-Men Origins: Wolverine“ könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „X-Men 2“ (2003), „Elektra“ (2005) und „Der unglaubliche Hulk“ (2008) mochten.

Kinostart: 29. April 2009

Hier können Sie sich noch ein Interview anhören, das ich mit den Kinobesuchern nach der Vorstellung geführt habe:



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