Im Jahr 1999 traf Regisseur Sam Mendes mit seinem Regiedebüt fürs Kino, der brillant beobachteten Gesellschaftssatire „American Beauty“, sofort einen Nerv beim Publikum. Der Film erhielt fünf Oscars – unter anderem in den Kategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“ – und gilt bereits heute als moderner Klassiker. Nach diesem ebenso amüsanten wie scharfsinnigen Blick auf die amerikanische Vorstadthölle, wandte sich Mendes 2002 einem ganz anderen Thema zu. Sein Mafiathriller „Road to Perdition“ zeigt Tom Hanks als abgebrühten Auftragskiller, der zusammen mit seinem Sohn den Mord an der restlichen Familie rächen will. Für die beeindruckenden Bilder erhielt Conrad L. Hall den Oscar für die „Beste Kamera“.
Drei Jahre später folgte der Antikriegsfilm „Jahrhead“, in dem Jake Gyllenhaal alias Anthony Swofford das Warten auf die Operation „Desert Storm“ und die Schrecken des Krieges hautnah miterlebt – und mit einer fürs Leben gezeichneten Seele aus dem Irak zurückkehrt. Ein Film, der nicht nur emotional bewegt, sondern vor allem durch seine intensiven Bilder im Gedächtnis bleibt.
Mit „Zeiten des Aufruhrs“, seiner vierten Regiearbeit für die große Leinwand, knüpft Sam Mendes nun nahtlos an diese Erfolgsserie an. In der Verfilmung von Richard Yates' Roman „Revolutionary Road“ (1961) lässt er Ehefrau Kate Winslet und ihren „Titanic“-Filmpartner Leonardo DiCaprio zu absoluter Höchstform auflaufen.
Amerika in den prüden Fünfzigern: Auf einer Party lernt Frank Wheeler (DiCaprio) die lebensfrohe April (Winslet) kennen – und wenig später auch lieben. Die beiden heiraten, bekommen zwei Kinder und ziehen in ein Familienhaus im ländlichen Connecticut, das in der „Revolutionary Road“ steht. Die Wheelers wollen ein Leben führen, das weltoffen, ambitioniert und vor allem etwas Besonderes ist. Sie wollen sich selbst und ihren Idealen treu bleiben. Was äußerst aufregend anfängt und bestimmt wird von großen Plänen und Lebensträumen, bekommt jedoch sehr bald Risse.
April träumt von einer Schauspielkarriere und wirkt auch schon in Aufführungen des örtlichen Theaters mit, aber sowohl ihr als auch Frank ist klar, dass sie nicht wirklich gut ist. Desillusioniert zieht sich April schließlich in ihr Hausfrauendasein zurück. Frank verdient derweil in seinem Bürojob zwar ganz gut, aber Spaß macht ihm die Arbeit nicht. Um diesem Konstrukt aus Alltag, Langeweile und Selbsttäuschungen zu entgehen, macht April den Vorschlag, nach Paris zu ziehen. Und tatsächlich: Die Vorstellung, in Europa einen Neuanfang zu wagen, begflügelt das Paar derart, dass es sofort alle Vorbereitungen dafür trifft. Doch als April zum dritten Mal schwanger ist und Frank einen sehr reizvollen und lukrativen Job angeboten bekommt, stehen plötzlich ganz andere Zukunftsüberlegungen an...
Obwohl der Film in den Fünzigern spielt, sind seine Motive völlig zeitlos. Mendes beschreibt Themen und Konflikte, mit denen man sich selbst immer wieder konfrontiert sieht: auch in schwierigen Situationen an den eigenen Idealen festzuhalten und das Bedürfnis, eine sich einschleichende Stagnation im Leben zu durchbrechen. Wie „Zeiten des Aufruhrs“ eindringlich zeigt, scheitert der innere Wunsch nach Veränderung aber nicht unbedingt an äußeren Umständen, sondern oftmals auch an den eigenen Ängsten, Zweifeln und Schwächen. So zu leben, wie man will, erfordert Mut. Aber nicht immer kann man den Mut aufbringen, den große Veränderungen und bedingungslose Selbstverwirklichung verlangen.
Im Film geben Leonardo DiCaprio und Kate Winslet schauspielerisch alles, um dieser inneren Zerrissenheit der Eheleute Wheeler glaubwürdig Ausdruck zu verleihen. Winslet, die für die Rolle der April bereits den Golden Globe erhalten hat, darf sich auch berechtigte Hoffnungen auf den Oscar machen. Nachdem sie bereits fünfmal leer ausging, wäre es eine schreiende Ungerechtigkeit, wenn sie nach dieser absoluten Glanzleistung von der „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“ wieder übergangen werden würde. Und auch DiCaprios Darstellung von Frank Wheeler stellt nach „Departed: Unter Feinden“, „Blood Diamond“ und „Der Mann, der niemals lebte“ einen weiteren Höhepunkt in seiner Karriere dar.
Bei den Nebendarstellern sind vor allem zwei Namen zu erwähnen, die im Film als Mutter und Sohn auftreten: Kathy Bates, die als „unsinkbare Molly Brown“ ebenfalls in „Titanic“ mitwirkte, und Michael Shannon, der zuletzt in „Tödliche Entscheidung“ zu sehen war. Während sie als Helen Givings die typisch konservative Frau der fünziger Jahre repräsentiert, darf ihr Sprössling John als ehemaliger Insasse einer Psychiatrie den Wheelers ungefiltert alles das sagen, was sich sonst keiner trauen würde. Das ist nicht nur ein äußerst gelunger Kontrast, sondern führt auch zu einigen der intensivsten Szenen des Films.
Ebenso wie auf der Handlungs- und Schauspielebene überzeugt „Zeiten des Aufruhrs“ durch seine handwerkliche Machart. Wenn nach einem kleinen Streit zwischen April und Frank eine Kluft entstanden ist, wird diese auch räumlich visualisiert – indem Sam Mendes die beiden beispielsweise nebeneinander einen Flur entlang gehen lässt und die Distanz zwischen ihnen Schritt für Schritt vergrößert. Solche und ähnliche Szenen sind es, die das unglaubliche Talent des Regisseurs für Bildkompositionen zeigen.
Besonders erwähnenswert ist noch die großartige Musik von Mendes' Stammkomponisten Thomas Newman. Vor allem Liebhaber von „Six Feet Under – Gestorben wird immer“ dürfen sich freuen, da Newman für „Zeiten des Aufruhrs“ auch Variationen einiger seiner Themen aus der Serie verwendet. Und ebenso wie dort erzeugen sie auch hier eine sehr vereinnahmende Atmosphäre.
Fazit: Zwei überragende Hauptdarsteller in einem bewegenden und sehr reifen Film zum Thema „Selbstverwirklichung“, der einen im Anschluss auch über das eigene Leben nachdenken lässt.
Bewertung: 9/10
Ähnliche Filme: „Zeiten des Aufruhrs“ könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „American Beauty“ (1999), „Dem Himmel so fern“ (2002) und „Little Children“ (2006) mochten.
Kinostart: 15. Januar 2009
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Kommentare
Von mir nur 7 Punkte! Maren – 21.02.09
Man kann es nicht anders sagen, der Film ist gut! Aber: Mir fehlte etwas - man sieht hauptsächlich die Konflikte, die April und Frank mit sich selbst und miteinander haben und austragen. Ich hätte mir gewünscht, dass die positive, konfliktfreie Zeit der Beziehung doch etwas mehr in Szene gesetzt wird, damit der Bogen besser gespannt wird und der Abfall deutlicher wird. Ich muss dazu leider sagen, dass diese Art Film nicht ganz mein Genre ist, weshalb ich ihm nur 7 Punkte gebe.