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Theatertreffen-Blog aus Berlin Zwei Außerirdische namens Markus
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22:59 10.05.2012
Markus und Markus stoßen auf einer Dachterasse am Kurfürstendamm auf ihr Stück an. Quelle: Jannes Frubel
Berlin

Sie sind zugleich Darsteller und Autoren des Stückes „Polis 3000: respondemus“, das am Montag im Festspielhaus an der Schaperstraße gezeigt wird. Ihre Schuhe haben sie wohl auf ihrem Heimatplaneten gelassen, schließlich ist es ja auf der Erde auch schon um zehn Uhr morgens warm genug, um barfuß zu gehen.

„Die Menschen haben mit der Voyager Nachrichten ins All geschickt: Schallplattenaufnahmen, Schriftstücke des US-Präsidenten, eine Arte-Dokumentation, so eine Art Imagefilm der Erde. Wir lassen uns davon anlocken und kommen zu Besuch nach Berlin“, sagt Markus Schäfer (28) über die Idee des Stückes. Sein Kollege Markus Wenzel (24) ergänzt: „Und weil die Theaterbauten von oben so schön aussehen, gehen wir davon aus, dass das die Versammlungszentren sind, in denen wir mit der Menschheit in kulturellen Austausch treten können.“ Dann jedoch werden sie unter anderem mit den Unruhen vom 1. Mai konfrontiert und wundern sich darüber, dass die Realität nicht allzu viel mit dem schönen Bild zu tun hat, das die All-Botschaften von diesem Planeten zeichneten.

Die Studenten, die sich erst ein Jahr lang kennen, wählten die Theater als Ort für die „Polis“, weil sie zeigen wollen, dass im Theater Dinge verhandelt werden, die die Menschen und ihre Zukunft direkt betreffen. „Es geht nicht darum, dass Macbeth vielleicht auch irgendwie was mit meinem Leben zu tun hat“, sagt Schäfer. „Sondern auf der Bühne werden Themen verhandelt, die von unmittelbarer Relevanz sind“. Schließlich geht es um intergalaktische Beziehungen. Das Textkollektiv liefert damit auch eine freche Antwort auf den Intendanten Claus Peymann (Berliner Ensemble), der jüngst in einem Interview mit einer Berliner Boulevardzeitung forderte: „Schafft das Theatertreffen endlich ab!“

Nicht nur das Thema des Stückes ist abgefahren, auch die Entstehung: Markus & Markus haben vorab nur das Konzept eingereicht, der Text entsteht in einem 14-tägigen Projektlabor in einer kleinen, muffigen Probebühne der Komödie am Kurfürstendamm. Dort verweist nur ein Plastikglobus darauf, dass hier extraterrestrische Dinge verhandelt werden. „Text und Inszenierung lassen sich nicht trennen, deshalb ist es nicht möglich, wie sonst beim Stückemarkt üblich, dass wir unseren Text abliefern und dann macht irgendein Regisseur eine szenische Lesung draus“, sagt Schäfer.

Yvonne Büdenhölzer, die neue Festivaldirektorin des Theatertreffens, will mit der Einladung des Duos einer Entwicklung Rechnung tragen: „Es gibt immer mehr Formen des Szenischen Schreibens, die ich interessant finde. Stücke, die anders entstehen, als nach dem Prinzip: Autor setzt sich an den Schreibtisch, schreibt einen Text und liefert ihn beim Regisseur ab. Wir müssen den Text- und Autorenbegriff neu denken“, sagt sie.

Als Mentor des Projektes fungiert René Pollesch, aber Markus und Markus ist es wichtig, dass Pollesch nur Impulsgeber, keinesfalls Regisseur des Stückes ist. Gleich mit ihrer ersten gemeinsamen Arbeit haben die beiden Studenten einen Politskandal ausgelöst: In „Polis3000“ – auf das sie jetzt mit „respondemus“ quasi aus dem All antworten – werfen sie ihrer eigenen Universität vor, die Statuten zur Verleihung der Ehrendoktorwürde nur geändert zu haben, um den Unternehmer und Ehemann von Veronika Ferres, Carsten Maschmeyer, nach einer Spende an die Universität zum 50. Geburtstag mit einem Titel beschenken zu können. Gleichzeitig zeigten die beiden Studenten die Universität wegen Titelhandels an.

Daraufhin ließ die Hochschule die Besprechung der Inszenierung aus ihrem Presseverteiler löschen. Als die beiden daraufhin drohten, die Uni zu verlassen, wurde die Rezension wieder aufgenommen. Bei diesem Stück zeigte sich auch, wozu „work in progress gut sein kann: „Wer wissen wollte, wie es in der Affäre weiterging, kam zu uns“, sagt Schäfer.Info:am Montag um 19.30 Uhr stellen Markus & Markus ihr neues Stück im Berliner Festspielhaus vor

Von Nina May

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