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Kultur „A Child of Our Time” in der Markuskirche
Nachrichten Kultur „A Child of Our Time” in der Markuskirche
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11:13 12.11.2018
Erst lange Stille, dann viel Applaus für Solisten, Chor und Orchester in der Markuskirche. Quelle: Juliane Moghimi
Hannover

Es gibt sie also doch noch: Konzerte, bei denen die spannungsgeladene Stille nach dem letzten Ton sein darf, weil das Publikum den Zwischenraum bis zum Applaus, in dem die Musiker sich erst wieder sammeln müssen, mitempfindet. Es ist selten geworden, dass erst dann geklatscht wird, wenn der Dirigent die Hände senkt und die Musizierenden entspannt ausatmen. Aber an diesem Abend in der Markuskirche sind sich Aufführende und Zuhörer einig und lassen das Werk noch eine kleine Ewigkeit nachhallen.

Die vorangegangenen 100 Minuten haben allen Beteiligten viel abverlangt, denn das Oratorium „A Child of Our Time“ ist weder musikalisch noch inhaltlich leichte Kost. Der Brite Michael Tippetts hat darin jene Ereignisse vertont, die schließlich als Vorwand für die Reichspogramnacht vor 80 Jahren dienten: Ende Oktober 1938 verhafteten und deportierten die Nationalsozialisten rund 17.000 in Deutschland lebende Juden mit polnischen Pässen, weil diese im Begriff waren, ihre polnische Staatangehörigkeit zu verlieren.

Von dieser Aktion erfuhr der damals 17-jährige Herschel Grynszpan, der viele Jahre mit seiner Familie in Hannover gelebt hatte, bevor er – mangels beruflicher Zukunft – illegal nach Frankreich ging. Seine Familie war unter den Deportierten. Aus Wut und Verzweiflung, auch über seinen eigenen ungeklärten Aufenthaltsstatus, verübte er am 7. November in der deutschen Botschaft in Paris ein tödliches Attentat auf den Diplomaten Ernst vom Rath – und lieferte damit den Anlass für die furchtbaren Ereignisse vom 9. November.

Michael Tippett, ein überzeugter Pazifist, begann die Arbeit an seinem Oratorium unmittelbar unter dem Eindruck dieser Geschehnisse. Es sollte jedoch mehr als zwei Jahre dauern, bis er das Werk vollendete, und weitere drei Jahre, bis es zur Uraufführung kam. Diese fand am 9. März 1944 in London unter der Leitung des deutschen Emigranten Walter Goehr statt.

Das Libretto zu „A Child of Our Time“ – zu Deutsch: Ein Kind unserer Zeit – stammt aus der Feder des Komponisten selbst. Beim Aufbau seines Werkes orientierte er sich stark an den barocken Oratorien mit Chören, Arien und Rezitativen. An die Stelle der Choräle setzte er sechs sogenannte Negro-Spirituals: im 18. und 19. Jahrhundert von christianisierten Sklaven in den USA entwickelte religiöse Lieder.

Die Wirkung dieser einfachen Melodien, die die düstere Handlung und die komplexen Strukturen des doppelchörigen Oratoriums immer wieder aufbrechen, ist überwältigend. Obwohl auch diese Texte von erdrückender Not handeln, schwingt in den Spirituals immer ein Funken Hoffnung mit.

Dass diese wechselnden Stimmungen so intensiv auf den Zuhörer übergreifen, liegt vor allem an der Leistung der beiden Chöre. Die Messiaskantorei Hannover und das Collegium Cantorum Holzminden folgen dem angenehm geerdeten Dirigat von Guido Mürmann ebenso flexibel wie das Göttinger Symphonie Orchester und verleihen dem sicherlich nicht leicht einzustudierenden Werk eine beindruckende Tiefe und Vielfarbigkeit. Auch die Solisten musizieren mit packender Emotionalität: Jessica Muirheads (Sopran) Klagelied einer Mutter und Stephen Chambers‘ (Tenor) verzweifelter Tango werden im Gedächtnis bleiben, und auch die bedrohliche Eingangsarie der Altistin Janina Hollich und Rihards Millers‘ (Bariton) nach außen hin ruhige, aber innerlich brodelnde Erzählerpassagen hallen noch lange nach.

Von Juliane Moghimi

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