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Kultur „3 Tage in Quiberon“ – Ich bin nicht Sissi
Nachrichten Kultur „3 Tage in Quiberon“ – Ich bin nicht Sissi
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17:00 21.02.2018
Schauspielerin Marie Bäumer in einer Szene des Films "3 Tage in Quiberon". Quelle: Rohfilm Factory/Prokino/Berlinal
Berlin

Zum ersten Treffen mit den Journalisten im Hotelfoyer erscheint sie im Trenchcoat, mit dicker Sonnenbrille im Gesicht und einem strengen Pferdeschwanz im Nacken. Dieses Outfit muss man wohl als Romy-Schneider-Rüstung bezeichnen. Aber diese Frau ist nicht dafür gemacht, Verteidigunglinien zu halten. Was wir im Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „3 Tage in Quiberon“ hautnah erleben, ist die Tragödie einer Schauspielerin, die Europas größter Kinoliebling ist und längst schon ein ausgebranntes Wrack.

Schon der Titel von Emily Atefs Berlinale-Wettbewerbsbeitrag hatte Erwartungen geweckt, dass diese Begegnung tiefer dringen könnte als die üblichen Anbiederungen an deutsche Berühmtheiten. Marlene Dietrich wurde im Kino zu „Marlene“ (gespielt von Katja Flint), Hildegard Knef gar zu „Hilde“ (Heike Makatsch) und Romy Schneider im TV zu „Romy“ (Jessica Schwarz). Dabei strebten doch alle drei Stars mit wachsender Verzweiflung danach, ihr Leben zu verteidigen gegen das Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihnen machte. Alle drei flüchteten – aus sehr unterschiedlichen Gründen – aus Deutschland, und die Deutschen verübelten ihnen diese Flucht.

Atef, 1973 in Berlin geborene Regisseurin mit französisch-iranischen Wurzeln, hat einen anderen Ansatz gewählt. Sie konzentriert sich auf jene drei Tage im März 1981 im bretonischen Küstenstädtchen Quiberon. Damals führten der „Stern“-Journalist Michael Jürgs und der mit Schneider gut bekannte Fotograf Robert Lebeck in einem Wellness-Hotel ein legendäres Interview mit ihr. Im Rückblick hat das in Etappen fortgesetzte Gespräch den Charakter einer Lebensbeichte: 14 Monate später ist Romy Schneider tot, gestorben mit 43 Jahren an einem Herzinfarkt.

„Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider“

Von Romy Schneiders erfahren wir also nur das, was in diesen Tagen zur Sprache kommt, aber daraus dürfte sich auch für Unkundige ein Bild ergeben. Von der besitzergreifenden Mutter Magda Schneider ist die Rede, vom nie anwesenden Vater Wolf Albach-Retty, von unglücklichen Ehen und noch unglücklicheren Trennungen, vom gefühlten Versagen als Mutter ihrer zwei Kinder (ein paar Monate später wird auch noch Sohn David bei einem Unfall sterben), von horrenden Schulden, vor allem aber vom Zwangskorsett der „Sissi“-Rolle, dem Romy Schneider einst durch ihren Aufbruch nach Paris und zu Alain Delon entkommen wollte.

„Ich bin nicht die Filmfigur Sissi“, sagt Schneider (Marie Bäumer) schon bald. „Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider.“ Ihre neben ihr sitzende Freundin Hilde (Birgit Minichmayr) warnt sie vergebens, nicht zu viel preiszugeben. Der geradezu zwanghafte Seelenstriptease der Romy Schneider hat begonnen, der Fotoapparat von Lebeck (Charly Hübner) klickt. Sie trinkt mit den Reportern in der letzten geöffneten Hafenkneipe, tanzt mit Einheimischen und ist bald schon per Du auch mit dem arrogant-schleimigen Jürgs (Robert Gwisdek), der die Story seines Lebens wittert.

Verwandlung von Marie Bäumer in Romy Schneider beängstigend perfekt

Doch sogar bei Jürgs weckt diese verzweifelte Frau irgendwann Beschützerinstinkte. Das Schreckliche dabei ist: Die Befragung wird trotzdem unbarmherzig fortgesetzt, auch weil die Interviewte das so möchte. Will niemand wirklich diese Frau retten, die sich selbst nicht mehr retten kann? Wir erleben Schneider in diesen drei Tagen zugedröhnt mit Tabletten und Alkohol, weinend und sich verkriechend, melancholisch übers Meer blickend oder sich im Bett an den väterlichen Lebeck klammernd.

Die Regisseurin nennt ihren Spielfilm wahrhaftig. Sie hat mit allen drei damals Beteiligten sprechen können.

Zwischendurch aber will Schneider immer wieder mal die ganze Welt umarmen. Auch die Idee mit dem Fotoshooting auf den Felsen ist ihre Idee. Vor Lebecks Kamera erblüht sofort ihr unwiderstehlicher Charme, den wir aus dem Kino kennen. Und weil dieser Film in ein mildes Schwarzweiß getaucht ist und wir Lebecks Fotografien von damals im Internet betrachten können, sind wir noch einmal verblüfft: Die Verwandlung von Marie Bäumer in Romy Schneider ist geradezu beängstigend perfekt. Man kann Bäumer gut verstehen, dass sie so lange gezögert hat, Romy Schneider ihr Gesicht zu leihen.

Berlinale hat noch Künstlerporträts auf Lager

Atefs Film ist nicht das einzige bemerkenswerte Künstlerporträt bei der Berlinale: Über einen Zeitraum von gerade einmal sechs Tagen erzählt Alexey German Jr. in „Dovlatov“ vom Leben und Leiden des russischen Dichter Sergei Dovlatov. Breschnew hat die Sowjetunion in einen kulturpolitischen Kälteschlaf versetzt, der sich hier in frostigen, eisnebeligen Bilder spiegelt. Eine bleierne Erschöpfung scheint Dovlatov und seine Freunde ergriffen zu haben (darunter der spätere Literatur-Nobelpreisträger Joseph Brodsky).

Mit seinen ironischen Texten und seiner jüdisch-armenischen Herkunft hat Dovlatov keine Chance zu veröffentlichen. Einmal watet er durch all die abgelehnten Manuskripte, die im Hinterhof des Leningrader Schriftstellerverbandes im Schnee liegen. German entwirft ein Gesellschaftsbild, bei dem sich Assoziationen an die Gegenwart aufdrängen: Wurde nicht gerade die Farce „The Death of Stalin“ aus den russischen Kinos verbannt?

Dovlatov musste erst emigrieren, um gelesen zu werden. Von seinem späten Ruhm in Russland erfuhr er nichts mehr. Er starb 1990 in New York.

Die nächste Künstlerbiografie im Wettbewerb steht schon am Dienstag an: US-Regisseur Gus Van Sant porträtiert in „Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot“ den Karikaturisten John Callahan. Gut möglich, dass dieser Film ein bisschen witziger wird.

Von Stefan Stosch/RND

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