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300 Menschen hören Vortrag über Leibniz an

Auftakt der Festtage 300 Menschen hören Vortrag über Leibniz an

Rund 300 Menschen sind in die Neustädter Hof- und Stadtkirche gekommen, um Rüdiger Safranski zu hören. Sein Vortrag ist der Auftakt zu den diesjährigen Leibniz-Festtagen. Der 71-Jährige hat über Romantik und den Deutschen Idealismus geschrieben, er hat das „Philosophische Quartett“ moderiert und zahlreiche Preise eingesammelt.

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Wortmächtig, unaufgeregt und klug: Rüdiger Safranski in der Neustädter Hof- und Stadtkirche. 

Quelle: Samantha Franson

Hannover. Der Denker aus Badenweiler zählt gewissermaßen zum intellektuellen Inventar Deutschlands. Wenn er über Leibniz sprich, gerät er geradezu ins Schwärmen: Ein „antifanatischer Typ“ sei der Gelehrte aus Hannover gewesen. Gottfried Wilhelm Leibniz’ Versuch, einen vernünftigen Gott zu denken, zähle zu jenen Quellen des Religiösen, die Europa groß gemacht hätten, sagt Rüdiger Safranski. Und vor allem: „Ich kennen keinen Philosophen, der so wohlgelaunt über das Böse geschrieben hat wie er.“

Schnell wird klar: Wenn’s ums Böse geht, zählt Leibniz für Safranski zu den Guten. In seinem ebenso geistreichen wie kurzweiligen Vortrag zeigt Safranski, dass er es wie kaum ein anderer versteht, Brücken zu bauen zwischen den geistigen Grundlagen unserer Kultur, die vielen fremd geworden sind, und unserer gegenwärtigen Lebensrealität. Oder besser: Er zeigt, wo man diese Brücken, die ja nur in Vergessenheit geraten sind, finden kann. Souverän kommt er dabei von Hiob und Epikur zu Kant und Hegel - und zu Pierre Bayle.

Der französische Philosoph des 17. Jahrhunderts neigte dem Atheismus zu. Seine Denkschule hielt das Böse in der Welt für den besten Beweis, dass es keinen guten, allmächtigen und allwissenden Gott geben könne. Wer vernünftig sei, könne einfach nicht an Gott glauben, hieß es. Leibniz hingegen wollte sich nicht mit dem Auseinanderfallen von Glaube und Rationalität abfinden; er traute der Vernunft „glaubensstützende Manöver“ zu, wie Safranski sagt. Auch als Entgegnung auf Bayle schrieb er seine berühmte Theodizee von 1710.

„Leibniz stellt sich Gott wie einen Programmierer vor“, sagt Safranski: Der Schöpfer wählt für die Welt das beste Programm aus und bindet sich selbst an dessen innere Logik: „Deshalb kann er alles vorhersehen, bestimmt aber nicht alles vorher.“

Als „Göttergeschenk“ trete für Leibniz das Böse dabei lediglich an der Seite der menschlichen Freiheit auf den Plan: „Gott hätte es nur verhindern können, wenn er den Menschen die Freiheit vorenthalten hätte“, sagt Safranski. So gesehen zählt das Böse gewissermaßen zu den Risiken und Nebenwirkungen der Freiheit. Und wir leben zwar nicht in einer perfekten Welt, aber doch wenigstens in der besten aller möglichen Welten. „Leibniz hat bei dem Versuch, Gott zu verteidigen, das Drama der menschlichen Freiheit erkundet“, sagt Safranski.

Wortmächtig, unaufgeregt und klug durchmisst der Literaturwissenschaftler, der mit weißem Kurzbart und Lesebrille am Pult im Altarraum spricht und später am Abend vom Journalisten Ulrich Kühn interviewt wird, Leibniz’ Gedankenkosmos. Etwas zu zügig geht Safranski allerdings über das hinweg, was Leibniz als „Malum physicum“ bezeichnete. Damit meinte er beispielsweise Naturkatastrophen, die ja unbestritten von Übel sind - und so gar nichts mit menschlichen Entscheidungen zu tun haben. Bei Erdbeben und Wirbelstürmen lindert kein Freiheitsglaube das Leid der Betroffenen - und Gott hat letztlich doch wieder den Schwarzen Peter.

Dafür setzt Safranski zu einem eleganten Gedankensprung in die Gegenwart an. Bereits Leibniz habe die Gefahr gesehen, dass ein rein naturwissenschaftliches Denken „die Sinnlosigkeit in den Grund der Welt verlegt“, wie Safranski poetisch sagt. Und auch heute müsse die Freiheit des Menschen wieder gegen einen naturalistischen Determinismus verteidigt werden.

Moderne Hirnforscher, so Safranski, erklärten die Freiheit zur Illusion. In ihrem Menschenbild sind wir letztlich willenlose Sklaven unserer Neuronen und Synapsen. Nicht wir entscheiden kraft unseres Gewissens, was wir tun, sondern unser Gehirn. In dieser Denkart wird das Böse letztlich zum nicht beeinflussbaren Naturereignis. Das kann gravierende Folgen für unsere Rechtskultur haben, die ja auf der Annahme basiert, dass ein Täter meist auch die Freiheit hat, nicht zum Täter zu werden.

Fundiert widerlegen kann Safranski die Thesen der Hirnforscher nicht. Aber er kann doch ziemlich überzeugend davor warnen, dass diese sich durchsetzen. Fast lustvoll zitiert er Macbeth, der sich in aller Freiheit dafür entscheidet, ein Schurke zu sein: „Ich bin gewillt, ein Bösewicht zu werden.“

In Leibniz hätte Safranski da wohl einen zuverlässigen Verbündeten. Beide stehen im Zweifel für die Freiheit.

Die Leibniz-Festtage

Es ist ein pralles Programm: Im Leibniz-Jahr prunken die 13. Leibniz-Festtage mit illustren Gästen.
Peter Sloterdijk spricht am Mittwoch, 19. Oktober, um 19.30 Uhr, in der Neustädter Kirche zum Thema „Jenseits von Faust – Leibniz, der alltätige Allesverknüpfer“. In einigen Programmen war der Vortrag zu einem falschen Datum angekündigt worden.
Sibylle Lewitscharoff ist am 5. Dezember, 19.30 Uhr, in der Neustädter Kirche. Die Schriftstellerin beschäftigt sich vor allem mit den Gedanken Leibniz’ über die Sprache. Karten für Sloterdijk und Lewitscharoff gibt es für 10 Euro an der Abendkasse.
Schüler präsentieren ihre Arbeiten zu Leibniz bereits am 28. September, 19 Uhr, in der Neustädter Kirche, unter anderem steht ein deutsch-polnisches Schülerprojekt im Mittelpunkt. Am 20. Oktober, um 19 Uhr, zeigen acht Filmteams Beiträge zu Leibniz. Teils stammen die Schülergruppen aus China.
Am Todestag von Leibniz, 14. November, gibt es um 20 Uhr ein Salonkonzert in der Neustädter Kirche. Im Anschluss sind Besucher an verschiedene Orte in der Nähe zu Salongesprächen geladen – unter anderem im Arbeitszimmer des Landtagspräsidenten und im Fürstenhof. Zur Todesstunde Leibniz’ um 22 Uhr gibt es dann Glockengeläut auf dem illuminierten Neustädter Marktplatz.     

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