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40 Jahre Moers: Sternstunde mit Ornette Coleman

Jazzfestival 40 Jahre Moers: Sternstunde mit Ornette Coleman

Avantgarde macht Angst - dennoch ist das Festival für improvisierte Musik in Moers eine Institution in Europa geworden. Über Pfingsten feierte es 40-jähriges Bestehen. Höhepunkt war der Auftritt des Jazz-Erneuerers Ornette Coleman.

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Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman hat beim 40. Jubiläum des Festivals für improvisierte Musik in Moers als Überraschungsgast für eine Sternstunde gesorgt.

Quelle: dpa (Archiv)

Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman hat beim 40. Jubiläum des Festivals für improvisierte Musik in Moers als Überraschungsgast für eine Sternstunde gesorgt. Der 81-jährige legendäre Saxofonist, Trompeter und Komponist begeisterte am Sonntagabend mit ungebrochener musikalischer Vitalität, wenngleich er den größten Teil des bis fast zuletzt geheim gehaltenen Auftritts im Sitzen bestritt. „Es ist unser Geburtstagsgeschenk an die Besucher“, freute sich Reiner Michalke, künstlerischer Leiter des Festivals, über den gefeierten Coup.

Der in Texas in ärmlichen Verhältnissen geborene Coleman hat in den 1950er und 60er Jahren die Welt des konventionellen Jazz gesprengt und geschockt. Der Musik-Autodidakt und ehemalige Liftboy entwickelte den atonalen Avantgarde-Jazz mit, komponierte gegen die herkömmliche Lehre der Harmonie und gab seiner zweiten Schallplatte im Jahr 1959 den programmtischen Titel „Tomorrow Is the Question“ (Nur die Zukunft zählt). Bei dem Konzert in Moers wählte Coleman eher traditionelle Jazz-Stücke, in denen nur ab und an Free-Elemente zu hören waren. Dies war 1981 bei seinem ersten Gastspiel am Niederrhein, wo auch schon sein Sohn Denardo (Schlagzeug) und der Bassisten Al MacDowell die Mitstreiter waren, noch anders gewesen.

„Ornette Coleman hat viel mit dem Moers Festival zu tun“, sagte Michalke. „Er ist eine Symbolfigur für das nicht Angepasste, für Freiheit und gegen den Mainstream.“ Wie Coleman kämpfte auch das 1972 von Burghard Hennen gegründete Festival stets gegen Widerstände und Konventionen in der Kleinstadt am Niederrhein mit gut 100 000 Einwohnern. Erstmals musste in diesem Jahr das Programm aus finanziellen Gründen um einen auf drei Tage gekürzt werden.

Der Zuschuss der Stadt von rund 630 000 Euro bleibt ein Kraftakt. 2012 muss Michalke weitere 50 000 Euro einsparen. Die erhofften Zusatzeinnahmen durch „Helge’s Heimatabend“ am Pfingstmontag konnte er abschreiben, weil der erkrankte Komiker und Künstler Helge Schneider kurzfristig absagte. Kein großer Trost: Mit insgesamt 7 500 verkaufter Tickets war das Festivalzeit an allen Tagen ausverkauft.

Trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage ist es Michalke auch bei der 40. Auflage gelungen, mit Fundstücken aus der Welt der Avantgarde, Querdenker und Querulanten Hörgewohnheiten aufzubrechen, anzuecken, zu begeistern und zu enttäuschen. Im Gegensatz zu Coleman konnte der große südafrikanische Pianist Abdullah Ibrahim das Publikum bei seinem 50-Minuten-Auftritt nicht wirklich in den Bann ziehen: technisch perfekt, aber ohne Magie. Dagegen faszinierte der norwegische Trompeter Nils Petter Molvaer mit seiner elektronischen Klangmalerei.

Weit entfernt von entrückten sphärischen Tönen waren „Orthrelm“ und „The Dorf“. Hardcore-Kraftakte sind die auf wenige Variationen basierenden Stücke von Orthrelm-Gitarrist Mick Barr und Schlagzeuger Josh Burr, die durch ihre permanenten Wiederholungen wie infernalische Meditationen wirken. Musik an der Grenze des Spielbaren ist die Sache von „The Dorf“ aus Münster, einer Bigband, die aus Prinzip immer wieder in neuen Formationen auftritt: Ein gefeierter Höhepunkt des Festivals. Auch der traditionellere Jazz kam zu seinem recht mit dem Tia Fuller Quartett oder dem Jon Irabagon Trio. Ein Nischendasein fristete die einst in Moers so angesagte Weltmusik, die mit Thione Seck (Senegal) und Seun Kuti (Nigeria) vertreten war.

dpa

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