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Friede, Freude, Fegefeuer

45. Roskilde Festival Friede, Freude, Fegefeuer

Die 45. Auflage des Roskilde Festival geht am Sonnabend zu Ende. 170 Bands treten dabei auf acht Bühnen auf.Rock, Pop, Indie, Reggae, Funk, Electro, Metal: Alles ist vertreten, für jeden ist etwas dabei. 30.000 freiwillige Helfer halten das Geschehen am Laufen.

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"Es ist Zeit zu gehen"

Ist schon aufgetreten: Pharrell Williams in Roskilde.

Quelle: dpa

Roskilde. Wie Babel erhebt sich Jahr für Jahr aus sanft hügeligem Weideland ein Garten Eden der musikalischen Vielfalt. Unbarmherzig röstet die Sonne beim 45. Roskilde Festival. 170 Bands auf acht Bühnen bilden in diesem Jahr wieder ein exzeptionelles Line-up. Noel Gallagher, Pharrell Williams, Muse und Florence + The Machine sorgten seit Mittwoch für furiose Höhepunkte. Heute (Sonnabend) wartet – zum Abschluss – alles auf den Sir! Paul McCartney wird in Roskilde in diesem Jahr eine Ausnahme machen und eine Festival-Bühne auch mit Beatles-Klassikern weihen. Seit 20 Jahren taucht der Autor dieser Zeilen ein in das „Orange Feeling“. Eine Liebeserklärung.

Roskilde – das ist Rock, Pop, Indie, Reggae, Funk, Electro, Metal, ist Musik, Subkultur, lange Schlangen vor den Dixie-Klos, ist das zu tun, was Spaß macht. Hier, wo 1971 – im Jahr eins nach Woodstock – alles anfing mit 20 Bands auf einer Bühne, entsteht heute eine Woche lang Dänemarks viertgrößte Stadt auf 1,5 Millionen Quadratmetern. Eine Stadt, die regiert wird von einer Riesengroßen Koalition aus Anarchie, Hipster- und Hippietum. Ihre Truppen unter den 130.000 sind allein 30.000 freiwillige Helfer, die das große Ganze am Laufen halten. 3500 Kilometer Toilettenpapier wollen schließlich nachgefüllt werden.

Woodstock lebt weiter

Aber Roskilde ist mehr. Roskilde ist Kunst, ist Streetart, Installationen an den Bühnen, liebevoll gestaltete Chillout-Areas. Roskilde ist Organisation: Apotheke, Bahnhof, Radio und tägliche Zeitung inklusive. Roskilde ist ein riesiges Fahnenmeer vor der großen Bühne, ist der Geruch von Marihuana, der mit dem Duft lange nicht gewaschener Füße in einen Wettstreit tritt. Roskilde, das sind berückende Skandinavierinnen in Jump Suits, krosch sonnengebratene Rotbart-Träger, ist Sprachengewirr. Roskilde ist Öko, ist „grünes“ Klopapier, ist kulinarische Vielfalt von veganen Suppen über dänische, schwedische Küche bis zum Bio-Joghurt, Bio-Hot-Dog, Bio-Bagel an 150 Punkten.

„Wenn Woodstock irgendwo weiterlebt, dann hier“, schrie Sammy Hagar, Sänger der Rock-Gruppe Van Halen, einst von der „Orange Scene“, Open-Air-Bühne und Wahrzeichen des Festivals, und beschwor damit die Reinkarnation der Mutter aller Hippie-Happenings. Längst ist Roskilde im 45. Jahr – neben Glastonbury – selbst zur Mutter aller Festivals geworden. „Wenn du dort auftrittst“, riet Songwriter-Legende Bob Dylan seinem einst affektierten Kollegen Michael Stipe (R.E.M.), „solltest du deine Primadonna-Allüren zu Hause lassen.“ Dylan muss es nach fünf Gastspielen wissen, Stipe folgte, wie ihm befohlen. Und offenbar hat sich das Orange Feeling, diese einen warm umschließende Festival-Ideologie – angelehnt an die orangefarbene Hauptbühne – weit herumgesprochen.

Wie eine gut geschmierte Lambretta

Noel Gallagher jedenfalls hat seine Macken zu Hause gelassen und liefert mit seinen grandiosen High Flying Birds ein ziemlich unprätentiöses, aber wahrhaftiges Brit-Brimborium. Die Band läuft wie eine gut geschmierte Lambretta, und am Ende beweist Gallagher mit dem Oasis-Ausflug „Don’t Look Back In Anger“ ganz nebenbei, wie und warum ein Song (und ein Festival) Leben verändern kann. Danach pilgert die Meute aus allen Himmelsrichtung zu Pharrell Williams auf der Orange Scene. Hier wurden schon ganz andere Messen gelesen – jüngst von den Rolling Stones oder Bruce Springsteen. Und so kommt der schmächtige Super-Producer und „Happy“-Star nicht so recht voran. „First name is FREE – last name is DOM“ macht in diesen Zeiten zwar Sinn, klingt als Chorus aber trotzdem doof. Doch abgesehen von der putzigen Städteverwechslung („Come on, Copenhagen!) macht der Mann mit der Mütze doch alles richtig und sprintet unermüdlich durch sein Œuvre – von N*E*R*D über „Hollaback Girl“ (Gwen Stefani), „Get Lucky“ (Daft Punk) bis zum unvermeidlichen „Happy“. Die Menge tanzt, „Kys mig!“ kreischt eine betrunkene Dänin ihrem Freund entgegen. Spätestens jetzt hat das Roskilde Festival die Seele geküsst: feucht und innig, wild und schmutzig.

Line-up der Stars

Weiter geht’s mit dem faszinierend theatralischen Robot-Rock von St. Vincent. Menschen in One-Piece-Tieroutfits tanzen sich die Füße wund – der Mars feiert Karneval, und St. Vincent ist angereist. Ganz in weiß tritt Florence Welch (+ The Machine) auf. Elfenhaft brummkreiselt die Rothaarige zu „Shake It Up“ über die Bühne, als hätte die Waldorfschule Ausgang, stürzt sich kieksend ins Dirigat, zieht die Masse flamboyant hinein in ihren Über-Hit „You’ve Got The Love“. Das Orange Feeling ist eben auch Karma, Style und Aura. Drei Dinge, die einer Helene Fischer immer abgehen werden. Das lässt sich über Muse nicht behaupten. Sänger Matthew Bellamy, Drummer Dominic Howard und Bassist Christopher Wolstenholme machen seit Jahren nur noch miese Alben, die nach Led Zeppelin oder Queen für Arme klingen, bleiben aber irgendwie eine mega-heiße Festival-Band. Freddie Mercury ist auferstanden auf dem Planeten der Affen, und Bellamys sophisticated Gitarrenspiel braust fast orgiastisch auf. „Starlight“ bleibt einer der besten Songs überhaupt. Und wie Ennio Morricones Mundharmonika-Intro aus „Once Upon A Time in the West“ spacerockig in „Knights Of Cydonia“ diffundiert, ist an Perfektionismus kaum zu überbieten.

Erinnerung an eine Tragödie

Roskilde ist noch viel mehr. Ist nachhaltig, gemeinnützig. „Non-profit since 1971“ ist der Slogan – seither hat das Festival 30 Millionen Euro an humanitäre und kulturelle Einrichtungen und Projekte gespendet. Erst kürzlich flossen rund 40.000 Euro an den Förderverein Flüchtlingsrat in Schleswig-Holstein. Roskilde ist aber auch ein Schatten der Vergangenheit. Vor genau 15 Jahren kamen neun Menschen bei einem Konzert von Pearl Jam ums Leben. Es folgten Jahre der Katharsis. Langsam brach sich das Orange Feeling Bahn. Heute erinnern neun Birken und ein Gedenkstein mit der Erinnerung daran, wie zerbrechlich wir sind („How fragile we are“) an die Tragödie – und Roskilde gilt europaweit als Maßstab für Sicherheit auf Musikfestivals.

Roskilde ist Musik, Sex Appeal, Weltverschwörung. Roskilde ist Innovation, kann Leben verändern. Heute (Sonnabend) endet alles mit Paul McCartney und anschließend einer fünfstündigen, von Damon Albarn und Trentemøller angeführten Africa Express Show. Auf die nächsten 20 Jahre im Schulterschluss von Rebellion, Romantik und Rock’n’Roll – Friede, Freude, Fegefeuer.

Von Tamo Schwarz

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