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„Jazz ist entstanden, das Leben zu feiern“

Interview mit Lothar Krist „Jazz ist entstanden, das Leben zu feiern“

Der Jazz Club Hannover feiert sein 50-jähriges Bestehen und mit ihm Lothar Krist. Der bereitet gerade das große Jubiläumskonzert vor. Ein Gespräch im Keller, geführt von HAZ-Redakteur Uwe Janssen.

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„Dieser Keller hat was mit meinem Heimatgefühl zu tun“: Lothar Krist spielt beim Jubiläumskonzert.

Quelle: Schaarschmidt

Herr Krist, was machen Sie da?
Ich studiere die Partitur eines Stücks, es heißt übersetzt „Jemand hat vergessen, den Wasserhahn abzustellen“ und ist rasend schnell. Es ist eine Art Hummelflug des Jazz.

Sie werden es am Sonnabend im Funkhaus des NDR spielen, beim Jubiläumskonzert für den Jazz-Club, das dem „Spirit of New Orleans“ gewidmet ist. Wie kam es dazu?
Das hat mit unserer Beziehung zu dieser Stadt zu tun. Der Jazz-Club ist 1966 gegründet worden von einer Gruppe von Leuten, die mitten in der Beat-Ära gesagt haben: Wenn wir jetzt nichts tun, dann geht diese Musik verloren. Denn das war die Musik der Jugendlichen nach dem Krieg. Diese Dixieland-Bewegung war in Hannover sehr ausgeprägt. Die Gründer des Clubs haben Wert darauf gelegt, New-Orleans-Jazz in den Mittelpunkt zu stellen. Der Jazz-Club und Mike Gehrke sind Ehrenbürger von New Orleans. Und der Rote Faden ist inspiriert von der Green Line in New Orleans.

Sie sind sogar dort gewesen und haben sich inspirieren lassen. Was hat Sie besonders beeindruckt?
Nach dem Hurrikan „Katrina“ waren ganze Stadtviertel zerstört worden, und es war nicht klar, ob die Menschen zurückkommen. Genau in diesen Vierteln wird die Musikkultur lebendig gehalten. Es gibt ein Haus, in dem professionelle Musiker und Amateure, Kinder und Jugendliche aus diesen Vierteln arbeiten, lernen und proben können. Aushängeschild dieses New Orleans Jazz Markets ist die Big Band, deren Musik wir jetzt spielen. Der Trompeter und Bandleader Irvin Mayfield ist der Spiritus Rector dieser Idee, ihn haben wir mit seinem Quintett nach Hannover eingeladen.

Was hat Sie gerade an ihm fasziniert?
Was ich in seiner Musik so spannend finde: Es ist immer New Orleans. Man fühlt es in jedem Moment, den man hört. Und trotzdem enthält es alle modernen Entwicklungen. Es ist alles drin.Der zeitgenössische Jazz hat oft das Problem, dass er nur noch aus dem Kopf kommt, fast mathematisch. Die ganze Erotik ist weg, als ob die Musiker alles vermeiden, was sexy sein könnte. Das passiert dir mit der New-Orleans-Musik nicht.

Wie viel New Orleans wird am Sonnabend zu hören sein?
100 Prozent. Ich habe das alles vorbereitet in den Proben. Aber Irvin Mayfield hat die künstlerische Gesamtleitung. Das ist mir wichtig, denn das ist für uns ein Input, den wir so schnell nicht wieder bekommen. Was wir da lernen, steht nicht in Büchern. Das geht nur in der unmittelbaren Begegnung. Wir lieben einfach diesen Spirit.

Steckt dieser Spirit auch noch nach 50 Jahren im Jazz-Club?
Der Jazz-Club bietet mittlerweile alle Sparten an. Aber: Uns geht es bei der Programmplanung immer darum, den Leuten die Freude zu vermitteln, die der Jazz von jeher in sich trägt. Jazz ist entstanden, um das Leben zu feiern.

Wie oft sind Sie die Treppe zum Jazz-Club hinabgestiegen?
Oh! Moment ... also ich komme zwei- bis dreimal die Woche, und das seit 30 Jahren, oh Gott, wie rechnet man das?

Gibt es einen Gedanken, der Sie begleitet, wenn Sie reinkommen?
Ja. Dieser Platz hier, dieser Keller, der hat was mit meinem Heimatgefühl in Hannover zu tun. Die Menschen im Jazz-Club, die hier so unglaublich verlässlich helfen. Das kenne ich aus anderen Städten nicht.

Hat das auch was mit diesem verwinkelten Kellerclub zu tun?
Die Leute, die herkommen, nehmen Sichtbehinderungen in Kauf. Das spricht für die Atmosphäre, die der Raum an sich erzeugt. Aber was es wirklich ausmacht, sind die Leute, die einem das Gefühl geben, sich frei fühlen zu können.

Kommen die Leute auch deshalb ins Gespräch, weil sie nichts sehen?
Kann sein. Man steht halt eng, muss sich irgendwie arrangieren, und das passiert ganz zwanglos. Ich höre hier nie ein böses Wort.

Früher soll es unter den Mitgliedern auch schon mal geknirscht haben.
Die früheren Querelen sind seit zehn Jahren vorbei. Alles ist jetzt konstruktiv und läuft Hand in Hand.

Passiert alles im Geist des 2004 verstorbenen Mike Gehrke?
Ja und nein. Mike hätte sich immer so reibungslose Abläufe wie heute gewünscht. Das hat in seinen Jahren nicht immerso geklappt. Er hatte oft Partner im Club, die nicht diese Kooperationsfähigkeit hatten, was wiederum dazu führte, dass er im Laufe der Zeit vorsichtiger und auch mal abweisender wurde. Da hat sich die Katze manchmal in den Schwanz gebissen.

Wie haben Sie die Zeit nach Gehrkes Tod in Erinnerung?
Das waren wirklich heikle zwei Jahre. Wir mussten viel neu organisieren. Aber dann hatten wir eine viel offenere Führungsstruktur – mit einem Manager, der die Zügel in der Hand hält und auch aufs Geld guckt. Bernd Strauch hat da unglaublich viel vorbereitet und uns einen Teppich ausgelegt, nach seinem Tod führt Thomas Hermann das weiter. Wir können im Nachwuchsbereich wieder mehr machen.

Wie wichtig ist Fördergeld für den Jazz-Club?
Wir erwirtschaften viel selbst, weil wir fast immer ausverkauft sind. Das andere Standbein ist der Verein der Freunde des Jazz, der uns fördert. Und mit 90 Mitgliedern können wir viel selbst machen. Wir bemühen uns gar nicht so sehr, an die Töpfe zu kommen, um die sich alle anderen schlagen.

Was macht das Besondere am Jazz-Club für Sie aus?
Dass man so nah dran ist. Jazz ist was Persönliches, das muss man aus der Nähe erleben. Es gibt hier Zuschauer, die kriechen dir förmlich ins Instrument. Aber die hören dann auch die Feinheiten. Ich liebe das.

Interview: Uwe Janssen

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