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„Aber dieses Jahr wird das Buch wirklich fertig“

Bloggerin und Schriftstellerin Kathrin Passig im Interview „Aber dieses Jahr wird das Buch wirklich fertig“

Wenn Menschen unangenehme Aufgaben vor sich herschieben, dann steckt oftmals mehr dahinter als einfache Faulheit – nämlich ein ernsthaftes Problem, das Psychologen Prokrastination nennen. Im Interview berichtet die Bloggerin, Journalistin und Schriftstellerin Kathrin Passig vom Umgang mit Deadlines, aufgeschobenen Hausarbeiten und den Chancen zur Selbstdisziplin.

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„Eine Art Deadline-Zustand aus der Schachtel“: Kathrin Passig.

Quelle: Privat

Guten Tag, Frau Passig. Sie haben 2008 zusammen mit Sascha Lobo ein Buch geschrieben mit dem Titel „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“. Wie schreibt man denn ein Buch ohne einen Funken Selbstdisziplin?

Man gibt sich extra wenig Zeit dafür. Wir haben dem Verlag angekündigt, dass das Buch sechs Monate nach Vertragsschluss fertig sein würde. Auf die Art, so dachten wir, könnten wir direkt in die Deadline-Panik einsteigen. Das funktionierte nicht ganz so gut wie geplant, es vergingen dann doch vier Monate, bis die ersten Kapitel geschrieben wurden.

Das heißt, ohne Deadline-Panik geht es bei Ihnen nicht?

Ohne geht es jedenfalls viel schwerer. Wobei Panik eigentlich das falsche Wort ist. Der Zustand fühlt sich ja sehr gut an, und ich sage das nicht aus Begeisterung für Extremzustände. In diesen letzten Wochen und Tagen vor dem Abgabetermin macht mir das Schreiben Spaß. Den Rest der Zeit ist es mühselige Arbeit, wie Steineklopfen.

Warum ist diese Zeit vor der Deadline-Aktivphase denn so schlimm?

Man verzettelt sich notgedrungen, weil eben auch andere Dinge erledigt werden wollen. Vielleicht müsste ich noch viel konsequenter alles andere vernachlässigen, noch seltener aufräumen und gar nicht auf Interviewanfragen reagieren. Aber das geht ja auch nicht.

Wovon halte ich Sie mit dem Interview denn gerade ab?

Ich sollte eigentlich an einem Buch schreiben, das schon seit 2009 immer wieder verschoben wurde. Allerdings halten Sie mich nicht direkt davon ab, sondern von einer Ersatztätigkeit: Statt am Buch arbeite ich daran, meine Zufallsshirt-Website ( zufallsshirt.de) endlich ins Englische zu übersetzen, das habe ich immerhin auch schon zwei Jahre verschleppt. Aber dieses Jahr wird das Buch wirklich fertig, ganz bestimmt.

Was tun Sie, wenn es keine – oder keine glaubwürdige – Deadline gibt?

Ich habe das Glück, dass ich wegen meiner Narkolepsie Ritalin verschrieben bekomme, das ist so eine Art Deadline-Zustand aus der Schachtel. Statt stundenlang herumzuprokrastinieren, nehme ich eine halbe Tablette, und schon arbeite ich konzentriert und relativ vergnügt auch an Dingen, die gar nicht morgen fertig sein müssen.

Aber vielleicht will nicht jeder auf Ritalin umsteigen, der eine Arbeit abgeben, ein Buch fertig schreiben will.

Kann ich gut verstehen. Die Arbeitsfähigkeit kommt ja nicht aus dem Nichts, man ist hinterher entsprechend müde. Es ist nur so eine Art Kredit, den man da aufnimmt. Aber Prokrastinieren ist ja auch ganz schön mühsam, vor allem das schlechte Gewissen macht viel Arbeit.

Aber ist Prokrastinieren nicht auch eine Möglichkeit, quasi auf Umwegen Neues und Unverhofftes zu entdecken? Oder anders gesagt: kreativ zu sein?

Einerseits stimmt das natürlich, und das ist ja auch ein zentrales Thema in „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“. Andererseits neigen viele unprofessionelle Aufschieber dazu, grässlich langweilige und unergiebige Prokrastinationstätigkeiten zu wählen: Sie putzen gründlich die ganze Wohnung, bügeln ihre Socken oder räumen den Keller auf, vermutlich, um sich zu bestrafen.

Wie können Studierende also gegen ihre aufgeschobenen Hausarbeiten ankämpfen?

Studenten haben es am schwersten. 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung verschieben regelmäßig Aufgaben, im Studium sind es aber bis zu 95 Prozent. Ich habe 22 Semester bis zum Abschluss gebraucht. In den ersten vier, an einer straff organisierten Uni, habe ich noch alles hinbekommen, in den dann folgenden 18 an der Freien Universität Berlin gar nichts mehr. Es wäre schneller gegangen, wenn ich a) weniger Zeit mit Selbstvorwürfen verplempert hätte und b) erkannt hätte, dass man auch als Student die Pflicht hat, sich nicht an einen Ort zu begeben, an dem die Rahmenbedingungen so wenig zu den eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten passen. Andererseits habe ich außerhalb der Uni viel gelernt. Wäre ich heute besser dran, wenn ich nach acht Semestern meinen sinnlosen Germanistikabschluss gehabt hätte? Ich glaube nicht.

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