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Kultur Academy of St. Martin in the Fields
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22:37 10.01.2009
Kleid frech, Spiel frech: Alison Balsom zeigt einen Ausschnitt ihres Könnens - und Sir Neville Marriner zeigt Haltung. Quelle: Kurek

Joseph Haydns Trompetenkonzert markiert schließlich eine Aufbruchstelle der Musikgeschichte. Erstmals wird ein Instrument als Melodieträger gebraucht, das vormals mit rustikalen Fanfaren oder fiebrig glänzenden Spitzentönen nie mehr als eine großspurige Klangfarbe in ansonsten seriöse Kompositionen einbringen durfte.

Hier beginnt die Emanzipation vormals zweitklassiger Instrumente, die Jahrzehnte später den Klangzauber eines Berlioz oder Wagner überhaupt erst ermöglichen wird. Doch im bestens besuchten Kuppelsaal wird das plötzlich ebenso nebensächlich wie die Kuriosität, dass das Thema des langsamen Satzes ein paar Noten lang identisch mit Haydns 1796 komponierter „Kaiserhymne“ ist, die heute als deutsche Nationalhymne dient. Sobald die Solistin Alison Balsom die Bühne betritt, kann es nur noch ein einziges Thema geben: ihr Kleid.

Der von einer Silberborte betonte Ausschnitt ihrer schwarzen Robe endet erst kurz vor dem Bauchnabel, wo er auch schon beinahe mit dem langen Rockschlitz zusammentrifft. Bis auf ein schmales Paillettenband, das vom Nacken bis deutlich unter das Steißbein reicht, ist nicht nur der Rücken vollständig frei. Weniger ist da auch nicht mehr: Hätte sie gar nichts angehabt, der Auftritt der jungen Engländerin wäre kaum bemerkenswerter gewesen.

So betont Balsom sehr deutlich, was an sich kaum erwähnenswert wäre: Sie ist eine Frau, die Trompete spielt. Tatsächlich ist das allein heute nichts Außergewöhnliches mehr. Doch nachdem sich das erste Getuschel gelegt und zumindest ein Teil der Zuschauer sich wieder gefasst hatte, wurde schnell klar, dass sie eine außergewöhnliche Trompeterin ist. Haydns Konzert, das das mit Abstand meistgespielte für dieses Instrument ist, klingt selten so frech und frisch.

Der Wagemut, den es erfordert ein solches Konzertkleid zu tragen, spricht auch aus Balsoms Spiel. Mit großem Ton auch auf der vergleichsweise kleinen Es-Trompete, mit selbstverständlicher Klarheit der Artikulation und reizvoll abgedunkelten Kantilenen erscheint es fast, als habe sie das Trompetenspiel neu erfunden. Zumindest klingt es ganz anders – weiblicher? – als bei Kollegen wie Reinhold Friedrich oder Håkan Hardenberger. Am Ende zumindest ist das Kleid fast vergessen.

Gegen einen solchen spektakulären Auftritt hatten es die eigentlichen Stars – die altehrwürdige Academy of St. Martin in the Fields und ihr ewig jugendlicher Gründer Sir Neville Marriner – nicht ganz einfach. Sie nutzen jedoch jede Chance: Mendelssohns „Italienische Sinfonie“ klang wie extra für den drahtigen Klang des Londoner Kammerorchesters komponiert. Die Gefasstheit, mit der Marriner etwa die blühende Melodie des langsamen Satzes in Zaum hielt, die Konzentration, mit der er den Zusammenhalt zwischen den Sätzen beschwor, passten gut auch zu dem etwas pflichtschuldigen Willen zum Glück, der in Mendelssohns vorgeblich heiterer Reiseschilderung immer wieder durchscheint.

Beethovens erste Sinfonie erklang nach der Pause beispielhaft in einer typisch englischen Interpretation, die jeder Geheimniskrämerei unaufdringliche Eleganz und größtmögliche Klarheit entgegensetzt. Die Begeisterung des Publikums am Schluss war groß und wollte auch nach der zweiten Zugabe kaum abklingen. Nach Mozarts „Figaro“-Ouvertüre hebt sich üblicherweise der Vorhang. An diesem Abend beschloss sie einen Konzertabend, der auch großes Theater war.

von Stefan Arndt

Das nächste Pro-Musica-Konzert am 13. Januar im Kleinen Sendesaal des NDR Funkhauses in Hannover präsentiert den jungen Pianisten Shai Wosner. Danach steht noch einmal die Trompete im Mittelpunkt: Am 20. Januar ist Håkan Hardenberger gemeinsam mit dem Pianisten Roland Pöntinen im Großen Sendesaal zu hören.

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