Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Mit der Kraft der großen Tiere
Nachrichten Kultur Mit der Kraft der großen Tiere
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 15.09.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Die Göttin Isis in Kobragestalt. Quelle: Roemer- und Pelizaeus-Museum
Anzeige
Hannover

Wer nur lange genug in der Sonne brät, wird irgendwann die Kühle des Wassers suchen. Und sich am nächsten Morgen vielleicht wie wiedergeboren fühlen - wie ein junger Gott. Man muss aber wohl die brennende Sonne Ägyptens, den flirrenden Horizont der Wüste, die frischen Fluten des Nils und den ägyptischen Götterhimmel vor Augen haben, um einen solchen Tagesablauf phantastisch auszuschmücken - zum Schöpfungsverlauf und Weltentstehungsmythos. All das hatten jedenfalls jene alten Ägypter, die vor fast zwei Jahrtausenden das „Buch vom Fayum“ auf ein fast sieben Meter langes Papyrusband aufgezeichnet haben.

Darauf verwandelt sich der Sonnengott abends in ein Krokodil und versinkt wie die Sonne im See der ägyptischen Oase Fayoum. Verjüngt steigt er tags drauf wieder daraus auf, lässt sich von der Himmelskuh, die Erde und Luft scheidet, zur Sonne tragen und trifft als Phallus mit Widderkopf und Krokodilsschwanz auf die nilpferdgestaltige Muttergöttin. Schöpfung ist hier zugleich zauberhafte Metamorphose und sinnlicher Akt. Geschöpft haben die Verfasser des „Buches vom Fayum“ aus der Tierwelt der Oase und aus dem Götterhimmel Ägyptens. Dessen Urgottheiten haben Frosch- und Schlangenköpfe, Krokodil, Löwe und Falke symbolisieren göttliche und weltliche Macht.

All diese Wesen zeigt der Papyrus, den das Roemer- und Pelizaeus-Museum (RPM) jetzt fast komplett präsentiert. Museumsdirektorin Regine Schulz ist sichtlich stolz, dieses wertvolle Dokument des letzten großen Schöpfungsmythos der Ägypter nach Hildesheim geholt zu haben. Schließlich sind die Teile des 1859 in der von Nilwasser gespeisten Oase Fayum aufgefundenen Papyrus über die Welt verstreut: Ein Stück liegt heute im Ägyptischen Museum in Kairo, ein weiteres gehört der New Yorker Morgan Library, ein drittes dem Walters Art Museum in Baltimore. Die beiden immerhin fünf Meter langen Teile aus den USA sind bei der heutigen Eröffnung das Prunkstück der neuen Ausstellung unter dem Titel „Die Entstehung der Welt“.

Genau darum geht es bei diesem Schöpfungsmythos. Und dass das „Buch vom Fayum“ alte Motive der ägyptischen Mythologie aufgegriffen und zu einem neuen Ganzen zusammengefügt hat, illustrieren die Ausstellungsmacher mit zahlreichen weiteren Exponaten. Da sind gleich mehrere Krokodile zu sehen: ein 180 Millionen Jahre altes als Versteinerung und gleich zwei als Mumien - die Kraft des Krokodils mochten die alten Ägypter eben auch im Schattenreich des Todes nicht missen. Da ist eine Schlangenskulptur oder ein Krokodilkopf aus derselben Epoche. Und da sind, nicht zuletzt, Statuen der Muttergöttin Isis mit dem Sohn Horus.

Sie zeugen davon, dass in der altägyptischen wie in der christlichen Mythologie das Muttergottesmotiv eine herausragende Rolle spielt. „Wir haben es hier mit einem frühen Welterklärungsversuch zu tun, der erstaunlich modern ist“, sagt Museumschefin Schulz. „Die Schöpfer dieses Papyrus sind ganz empirisch vorgegangen, haben beobachtet, dass die Krokodile abends in den See tauchen wie die Sonne, haben Frösche und Schlangen als erste Schöpfungshervorbringungen gedeutet - und daher als frühe Gottesrepräsentanzen.“

Im Jungen Museum des RPM wird dieses Modell der Genesis durch die Schöpfungsvorstellungen der fünf Weltreligionen und der Bahai ergänzt, und hier sind die Besucher aufgefordert, in sogenannten Aktivstationen selbst Stellung zu religiösen Riten, Normen und Werten zu beziehen. Und im Untergeschoss sind Werke der aus Marokko stammenden Künstlerin Touria Alaoui zu besichtigen, die sich für ihre großflächigen Malereien von dem Fayum-Mythos hat inspirieren lassen.

Das „Buch vom Fayum“ war übrigens zuvor schon im Walters Art Museum zu sehen. Doch bei der Hildesheimer Ausstellung handelt es nicht um eine bloße Übernahme aus Baltimore. Denn Regine Schulz, die zehn Jahre die Antikensammlung des Walters Art Museums geleitet hat, hat die Ausstellung schon vorbereitet, bevor sie 2011 nach Hildesheim gewechselt ist. Und bis auf den großen Papyrus handelt es sich durchaus um verschiedene Ausstellungen: In Baltimore kamen Exponate aus Oxford, Toledo und von der Johns-Hopkins-Universität dazu, in Hildesheim stammen die Ausstellungsstücke außer aus eigenen Beständen aus dem niederländischen Leiden und dem schottischen Aberdeen, aus Berlin, Leipzig und Cottbus. Aus Hannover wurde übrigens eine Kupferarbeit mit dem Motiv des Nilgottes Hapi entliehen, deren Pendant aus dem Walters Art Museum stammt. Zumindest dieses Stück hat eine weite und lange Reise hinter sich gebracht, bevor es im Roemer- und Pelizaeus-Museum auf Zeit mit dem Exponat aus Hannover wiedervereinigt worden ist.

Außer von alten ägyptischen Schöfungsmythen zeugt diese spannende Ausstellung eben auch von der neueren Geschichte der Grabungen und den verschlungenen Wegen der Fundstücke.

„Die Entstehung der Welt. Ägyptens letzter Schöpfungsmythos“

Bis 11. Januar 2015 im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim, Am Steine 1-2. Ein Begleitbuch unter demselben Titel ist im Museum für 29,90 Euro erhältlich (J. H. Röll Verlag, 125 Seiten, regulärer Preis: 39,90 Euro).

Details unter www.entstehungderwelt.de.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Kai Koch im HAZ-Interview - „Natürlich erzählen Städte etwas“

„Unser Haus, die Stadt“: Kai Koch, Vizepräsident des Bundes Deutscher Architekten,über das Architektentreffen in der Landeshauptstadt und deren Wiederaufbau – das „Wunder von Hannover“.

Daniel Alexander Schacht 15.09.2014
Kultur 6. Triennale der Photographie - Ein Containerdorf für Hamburgs Fotoszene

10 Tage für die Fotografie: Ende Juni 2015 treffen sich internationale Künstler bei der 6. Triennale der Photographie Hamburg. Im Zentrum steht ein Containerdorf vor den Deichtorhallen.

12.09.2014
Kultur Theater mit jugendlichen Zuwanderern - Aufforderung zum Perspektivwechsel

Das Theater hat schon begonnen. Noch vor der Spielzeiteröffnungspremiere im Schauspielhaus am Sonnabend, 20. September, („Im Westen nichts Neues“ nach dem Roman von Erich Maria Remarque, inszeniert von Intendant Lars-Ole Walburg) läuft jetzt im Ballhof.

Ronald Meyer-Arlt 14.09.2014
Anzeige