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Kultur „It sounds like Oma“
Nachrichten Kultur „It sounds like Oma“
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00:15 30.08.2015
Von Stefan Arndt
Kraft und Fingerspitzengefühl: Aglika Genova (Zweite von links) und Liuben Dimitrov (Zweiter von rechts) beim Unterricht in der hannoverschen Musikhochschule. Foto: Hagemann Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Aglika Genova hält es nicht mehr auf ihrem Beobachtungsposten hinter dem Klavierhocker. Sie beugt sich nach vorn und greift über den Rücken ihres Studenten selbst in die Tasten. Doch nach ein paar Tönen ist sie schon wieder fertig.

„Das ist nur der Schwanz von der Katze“, sagt sie dann, um die natürliche Nebensächlichkeit der eben gespielten Noten zu erklären. Der Student hat die Töne zu wichtig genommen. „Du musst das Thema besser abstufen“, pflichtet nun auch Genovas Partner Liuben Dimitrov bei, „versuche, immer etwas leiser zu werden.“ Der Student versucht es - und wird doch im nächsten Moment schon wieder unterbrochen. Tapfer kämpft er sich zusammen mit seiner Partnerin, mit der er ein Klavierduo bildet, von Takt zu Takt. Und der Beobachter bekommt eine Ahnung davon, wie unendlich viel Arbeit es sein muss, sich einer perfekten Aufführung anzunähern.

Was hier am späten Abend in der hannoverschen Musikhochschule passiert, müsste Außenstehende an ein musikalisches Kreuzverhör erinnern, wenn die Stimmung nicht so gelöst wäre. Es wird viel gelacht - und doppelt konzentriert gearbeitet. Gleich zwei Lehrer sind hier am Werk, und vier Ohren hören mehr als zwei. Das führt zu einer Menge Anmerkungen über die Körperhaltung der Spieler, den allgemeinen Ausdruck eines Stückes oder feinste Details im Notentext. Auf die Studenten geht eine ungeheure Fülle von Informationen nieder, die so schnell kaum verarbeitet werden kann. Aber genau deshalb kommen die Studenten ja hierher. Es hat sich herumgesprochen in der Musikwelt, dass Klavierduos derzeit am besten in Hannover aufgehoben sind.

Vor 20 Jahren haben Genova und Dimitrov noch selbst hier studiert. Sie gehörten zur Klasse des 2011 verstorbenen Wladimir Krainew, der den Ruf Hannovers als Klavierhochburg entscheidend mitgeprägt hat. Krainew war einer der großen Pianistenmacher: Wer zu ihm kam, wollte als Solist die Konzertpodien der Welt erobern. Genau das hatten auch die beiden bulgarischen Studenten Genova und Dimitrov vor. Doch ein Zufall hat ihren künstlerischen Weg in eine andere Richtung gelenkt.

In Erwartung ihres Lehrers hatten sie sich mit dem selben Stück warm gespielt, das sie für einen Wettbewerb einstudiert hatten. Aus Spaß spielten sie die Chopin-Etüde zu zweit: der eine die linke, die andere die rechte Hand. Dann betrat Krainev den Raum und war begeistert von der Harmonie des Zusammenspiels. Seine Diagnose: „Ihr müsst ein Duo werden.“

Kurz darauf zeigte sich, dass der spontane Einfall der richtige war: Innerhalb von nur zwei Jahren gewann das Duo Genova und Dimitrov die drei wichtigsten Wettbewerbe ihrer Zunft - ein bislang unerreichter Rekord in der Geschichte der Wettbewerbe.

So gerieten die beiden jungen Bulgaren, die unabhängig voneinander nach Hannover gekommen waren und dort auch privat bald ein Paar wurden, in eine ebenso traditionsreiche wie exotische Region der Klassikrepertoires. Fast alle großen Komponisten haben Werke für Klavierduos geschrieben. Es gibt Stücke für vier Hände und solche für zwei Klaviere, dazu kommen einige Doppelklavierkonzerte. Einen festen Platz im Konzertbetrieb haben sich die Stücke für Klavierduos aber trotzdem nicht erobern können.

Umso erstaunlicher ist es, ein Duo zu erleben, das sich nicht nur für einige wenige Auftritte gefunden hat, sondern dieses besondere Repertoire ganz verinnerlicht hat. Auch bei hochgetürmten Akkorden und vielstimmigen Läufen bleibt das Spiel von Genova und Dimitrov klangschön und durchhörbar. Und wenn es richtig laut wird, wie etwa bei Franz Liszts Bearbeitung von Themen aus der Oper „Norma“, die auf der neuen CD des Duos zu hören sind, entsteht nicht etwa Lärm. Als Hörer glaubt man vielmehr, von der ungeheuren Fülle des Klangs angefüllt zu werden. Ein rauschhaftes Erlebnis.

In der Musikhochschule, wo die beiden Musiker inzwischen eine Klasse für Klavierduo leiten, ist davon an diesem Unterrichtsabend höchstens etwas zu erahnen. „It sounds like Oma. 80-jährige“, sagt Dimitrov gerade in einem für Musiker so typischen Sprachmix zu dem Duo aus Südkorea, das ihm nicht spritzig genug spielt. Er selbst ist von solcher Behäbigkeit weit entfernt. Zwischen den Stücken macht er mit den Studenten einige Dehnungsübungen, damit sie den langen Abend gut durchhalten. Nicht selten dauert der Unterricht bis Mitternacht. Es muss eben viel gesagt werden, bis auch diese komplexen Stücke so beredt und selbstverständlich klingen wie bei ihm und seiner Frau.

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