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Kultur Alan Gilbert stellt sich als künftiger Chefdirigent des NDR Elbphilharmonieorchesters vor
Nachrichten Kultur Alan Gilbert stellt sich als künftiger Chefdirigent des NDR Elbphilharmonieorchesters vor
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12:02 09.04.2018
Kein Zufall: Alan Gilbert in der Elbphilharmonie. Ab 2019 ist er Chefdirigent des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters. Quelle: Hundert
Hamburg

 Wie soll man hier ruhig sitzen bleiben? Der Schluss des gewaltigen ersten Satzes von Gustav Mahlers dritter Sinfonie ist ja so aufputschend und mitreißend, dass man nicht einfach nichts machen kann. Und so wirft auch das Publikum in der natürlich ausverkauften Elbphilharmonie die Konventionen des Konzertbetriebs über Bord und spendet schon mitten in der Sinfonie spontanen Beifall. 

Gute Haltung: Der Knabenchor Hannover und sein Leiter Jörg Breiding (rechts neben dem Pult) beim Schlussapplaus. Quelle: Arndt

Der Mann, der diese Begeisterung im Wesentlichen ausgelöst hat, scheint sich dabei zu verwandeln. Es ist, als würde für einen Moment alle Anspannung von Alan Gilbert abfallen. Der ehemalige Leiter der New Yorker Philharmoniker, der sich jetzt in der Nachfolge von Thomas Hengelbrock als designierter Chef des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters erstmals an seinem künftigen Arbeitsplatz vorstellt, scherzt mit den Jungen vom Knabenchor Hannover, die gerade ihre Position hinter dem Orchester beziehen. Gilbert winkt und lacht, als die Knaben ihre sorgfältig einstudierte strenge Position mit Händen an der Hosennaht partout nicht aufgeben wollen. Er winkt wieder und wieder und lacht noch mehr, als alle seine Bemühungen vergeblich bleiben. Schließlich endet das Applaus-Zwischenspiel, und aus dem lustigen Amerikaner, der auch schon mit Begeisterung in der Sesamstraße aufgetreten ist, wird wieder der kompromisslose Orchesterleiter, der beim Musizieren lieber nichts dem Zufall überlässt. 

Alan Gilbert dirigiert 3. Mahler in Hamburg

Das ist sogar schon vor den ersten Tönen zu erkennen: Gilbert beschränkt sich nicht darauf, den kraftvollen Hörner-Auftakt, mit dem das Stück anhebt, wie üblich mit einem einzigen Impuls des Dirigentenstabes zu starten. Er gibt gleich einen ganzen Takt vor. Zweifel an seinen Tempovorstellungen sind so ganz und gar ausgeschlossen. 

Aufschwung aus der Erstarrung

Tatsächlich erweist sich Gilbert im ganzen fast zweistündigen Stück als skrupulöser Temporegisseur. Er nimmt Mahlers über die Partitur verstreute Mahnungen zu Gelassenheit („Sehr mäßig. Ja nicht eilen!“) ernster als viele seiner Kollegen und lässt sich von all den Marschrhythmen, die das Stück durchwehen, nur selten zu zackiger Gangart verführen. Sein Mahler bleibt zurückhaltend: Mit scharfen Blick beobachtet er die Durchmischung der Stile, die Zitate und tönenden Versatzstücke aller möglichen Lebenswelten, aus denen der Komponist seine eigene Klangwelt montiert hat. Zu großer Form läuft Gilbert im letzten Satz auf, wenn er das langsame Tempo („Ruhevoll. Empfunden“) noch weiter drosselt, und die apotheotischen Aufschwünge sich gleichsam aus der Erstarrung erheben. 

Seine fast distanzierte Sichtweise auf den Komponisten, der wie nun Gilbert einst Chefdirigent sowohl in Hamburg als auch in New York war, ist ungewöhnlich, aber durchaus vielversprechend: Der Applaus am Ende jedenfalls ist überschwänglich. Mit seinen klaren Vorstellungen wird der Amerikaner sicher auch gewinnbringend am nicht immer ganz homogenen Klang des Elbphilharmonie-Orchesters arbeiten können. Es wird kein Dauerzustand bleiben, dass andere Klangkörper besser mit der Akustik des neuen Saales zurechtkommen als das Hausensemble. 

Sänger in Bestform

In diesem Konzert bringen vor allem die Sänger das Potenzial des Saals zur Geltung: Der von Jörg Breiding einstudierte Knabenchor Hannover tönt gemeinsam mit den Damen der Rundfunkchöre aus München und Hamburg glockenhell und präzise und macht so ganz nebenher an prominenter Stelle beste Werbung für die Chorstadt Hannover. Und Gerhild Romberger erinnert in ihren eindringlichen Soli daran, dass die Stimme das kostbarste aller Instrumente ist: Ihr Alt umschmeichelt die Sinne die Zuhörer hier so warm und voll, wie es wohl in kaum einen anderem Saal dieser Größe denkbar wäre. 

So wird gerade Rombergers starker Auftritt ein Spiegel, der zeigt, wie viele Aufgaben auf Gilbert beim Elbphilharmonie Orchester warten, wenn er sein Amt im kommenden Jahr antritt. Und wie viele Möglichkeiten.

Von Stefan Arndt

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