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„Ich bin etwas zu weit gegangen“

Albrecht Puhlmanns dritte Intendanz „Ich bin etwas zu weit gegangen“

Albrecht Puhlmann hat jahrelang Hannovers Staatsoper aufgemischt – eine turbulente Zeit und nach eigener Aussage seine glücklichste. Nach einer Pleite in Stuttgart startet der 60-Jährige nun zum dritten Mal in seiner Karriere eine Intendanz in Mannheim.

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„Ich hatte existenzielle Sorgen“: Albrecht Puhlmann am hannoverschen Hauptbahnhof.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover/Stuttgart. „Aida“ also. Wieder einmal. Die Oper von Giuseppe Verdi stand auch auf dem Spielplan, als Albrecht Puhlmann vor 15 Jahren seinen neuen Job als Intendant der Staatsoper Hannover antrat. Es war der turbulente Beginn einer turbulenten Zeit, die Puhlmann heute als seine persönlich glücklichste bezeichnet. Mit seiner hier ungewohnten Vorstellung von Musiktheater verschreckte er damals viele Opernfreunde – und legte die Grundlage für den Karrieresprung, den fünf Jahre später seine Berufung als Opernchef in Stuttgart bedeutete. Doch auch in Baden-Württemberg konnte er seine längerfristigen Pläne nicht umsetzen. Sein Vertrag dort wurde nicht verlängert, er selbst lange arbeitslos. Nun beginnt mit „Aida“ in Mannheim eine neue Ära Puhlmann: Wenn sich am 29. Oktober der Vorhang im Nationaltheater hebt, startet der 60-Jährige zum dritten Mal in seiner Karriere eine Intendanz.

„Irgendwann muss das Stück ja einmal gelingen“, sagt er mit Blick auf den ersten Versuch in Hannover. Damals wirkte die Inszenierung von Andreas Homoki mit einer Putzfrau-Aida wie ein Schock für das hannoversche Publikum. Nach der Premiere gab es heftige Buh-Stürme, der Regisseur wurde lautstark als „Verbrecher“ beschimpft. Viele hatten offenbar eher eine Art festlichen Opernabend erwartet, wenn sich an der Bühne, die bis dahin 21 Jahre unter der bewährten Leitung von Hans-Peter Lehmann stand, ein neuer Hausherr vorstellte. Doch da hatte sich das Motto noch nicht herumgesprochen, unter dem die mächtige Kulturbeamtin Barbara Kisseler Puhlmann angeworben hatte: Fördern, was fordert.

„Es war nie meine Absicht, Skandale zu provozieren“, sagt Puhlmann heute. Dennoch sei er sich bewusst gewesen, „dass es ganz schön viel war, was da über das hannoversche Opernpublikum hereinbrach“. Darum war der neue Intendant auch nicht von der heftigen Reaktion des Publikums enttäuscht, sondern von der seiner Meinung nicht ganz gelungenen Produktion.

Die glückten aber bald besser, etwa mit John Cages „Europeras“ und dem Auftritt des katalanischen Regisseurs Calixto Bieito, der hier bei seiner ersten Arbeit im deutschsprachigen Raum „Don Giovanni“ zeigte. Während die überregionale Kritik Hannovers Opernhaus neu entdeckte, wandte sich das etablierte Publikum vor Ort zum Teil entsetzt ab - vor allem als Bieito in Puhlmanns zweiter Saison eine düstere und brutale Version von Verdis „Troubadour“ auf die Bühne brachte.

Er sei „in seinem Enthusiasmus“ vielleicht etwas zu weit gegangen, sagt Puhlmann heute und räumt ein, dass er während der „Gegenstimmung“, die in der Folge teilweise ihm gegenüber herrschte, auch Fehler gemacht habe. Dennoch weiß er es heute zu schätzen, dass alle Auseinandersetzungen damals inhaltlich begründet waren. „Es ging um die Kunst, die wir angeboten haben“, sagt er. Die Debatte sei „mit offenem Visier“ geführt worden.

Das sollte sich in Stuttgart ändern, wohin Puhlmann 2006 als Intendant berufen wurde. Immer wieder gelangten interne Querelen in die Öffentlichkeit, bis es 2009 zum Bruch kam und Puhlmann, anders als geplant, schon 2011 wieder aufgeben musste. „Das ist ganz und gar nicht einvernehmlich gelaufen - ich bin gefeuert worden“, sagt er noch immer etwas verbittert. Schließlich hatte dieser Rauswurf erhebliche Folgen für ihn. „Nach vielen Jahren in verantwortlicher Position hatte ich plötzlich existenzielle Sorgen“, erzählt er. Er habe nicht damit gerechnet, dass er mit 55 Jahren plötzlich nichts zu tun haben würde. „Aber am Ende hat es auch Vorteile gehabt: So hatte ich immerhin Zeit, meine Töchter durch das Abitur zu begleiten“, sagt er.

Und als das geschafft war, gab es nach einer gescheiterten Bewerbung an der Hamburgischen Staatsoper auch endlich die Aussicht auf einen neuen Job: In diesen Tagen startet Puhlmann in Mannheim als neuer Intendant am Nationaltheater.

Das ist keine schlechte Adresse: Gerade wurde das Haus zum Opernhaus des Jahres gewählt. Um an solche Erfolge anzuknüpfen, hat Puhlmann unter anderem Calixto Bieito eingeladen. „Ich bin da sehr treu“, sagt der Intendant. In der ersten Spielzeit hat es allerdings noch nicht geklappt - es gab Terminprobleme: Die einstige Reizfigur Bieito ist inzwischen einer der weltweit gefragtesten Opernregisseure.

Die Vorgeschichte

Es war eine Überraschung, als Albrecht Puhlmann 2006 Intendant der Staatsoper Stuttgart wurde. Gerade hatte man sich in Hannover an seine neue, teilweise heftig umstrittene Art des Musiktheaters vorsichtig gewöhnt, als er den Ruf an das renommierte Haus in der baden-württembergischen Hauptstadt annahm, das bis dahin regelmäßig zum Opernhaus des Jahres gewählt worden war: Seine Arbeit in Hannover hatte Puhlmann zum vielversprechendsten Intendanten des Landes gemacht. Doch dort kam es bald zum Zerwürfnis mit Generalmusikdirektor Manfred Honneck, der am Ende die Oberhand behielt: Puhlmanns Vertrag wurde nicht über 2011 hinaus verlängert. In diesem Jahr startet er am Nationaltheater Mannheim seine dritte Intendanz. Zur Eröffnung am 29. Oktober inszeniert Roger Vontobel Verdis „Aida“.

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