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Kultur The Jayhawks – Perlen von der Resterampe
Nachrichten Kultur The Jayhawks – Perlen von der Resterampe
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14:06 06.07.2018
Meister des Melodischen: Die Jayhawks (v. l. Marc Perlman, Karen Grotberg, Gary Louris, Tim O’Reagan, John Jackson) haben sich auf ihrem neue Album frühere Songleihgaben zu eigen gemacht. Quelle: Sony Music
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Minneapolis

Was ist das denn? Da grooven Bass und Schlagzeug. Und dann steigen dahinter sogar noch Bläser auf. Vor allem aber singt bei „Come Cryin‘ to Me“ eine Frau. Davon, dass ihr Liebster sich ruhig bei ihr ausheulen könne, wenn ihm wieder mal die ganze dicke Welt auf den Schultern sitzt.

Nie und nimmer sind das die Jayhawks, denkt man bei sich - auch wenn das Cover das noch so standfest behauptet. Später im Song ertönt dann allerdings eine vertraute E-Gitarre, cremig, fast wimmernd. Und weil das nicht George Harrison sein kann, könnte es durchaus Jayhawks-Sänger Gary Louris sein.

„Was, wenn du einen Klassiker erschaffst, und keiner hört zu?“

Beim zweiten Song ist dann alles eindeutig: „Everybody Knows“ klingt nach einem Popsong, der in einem Heustadel geboren wurde – der wonnige Jayhawks-Folk meldet sich zurück. Und jetzt singt auch eindeutig Louris mit seiner hellen, mehligen Stimme – darüber, wie das ist, wenn man sich selbst im Weg steht, wenn man sich verstellt und davon träumt, endlich mal aus sich rauszugehen, zu sich selbst zu stehen. Ist das etwa autobiografisch?

Mit ihrem dritten Album „American Town Hall“ lieferten die Jayhawks aus Minnesota 1992 einen der Klassiker des Alternative Country. Das folgende „Tomorrow The Green Grass“ war dann eine folkpoppige Versammlung traumhafter Melodien mit süchtig machenden, mehrstimmigen Gesängen.

Aber die Massen waren 1995 in andere Klangwelten vernarrt als in Americana. Als Mitgründer Mark Olson die Band verließ, um für seine an multipler Sklerose erkrankte Partnerin Victoria Williams da zu sein, schlug Louris mit „Sound of Lies“ (1997) und „Smile“ (2000) rockigere und vor allem beatleskere Wege ein. Wieder entstanden zuhauf wunderschöne Lieder. „Was, wenn du einen Klassiker erschaffst, und keiner hört zu?“ brachte die New York Times in ihrer Rezension das Problem der Jayhawks auf den Punkt.

Coverversionen von eigenen Songs

Und nun also erneut ein Elferpack Songs für die Charts einer besseren Welt, die möglicherweise an den wirklichen Hitparaden vorbeigehen: Das swingende „Backwards Women“ mit seinem Honkytonkpiano und das walzernde „Bitter End“ etwa. „Bird Never Flies“ klingt wie ein Akustikgitarrestück von Paul McCartney, und beim lyrischen „Gonna Be A Darkness“ gilt es zu Mandoline und Klavier einen Todesromantiker vom Selbstmord abzubringen. Dieses Stück hat Louris schon mal als Duett mit Jakob Dylan eingespielt – für die Vampirserie „True Blood“.

Überhaupt sind fast alle Perlen auf „Back Roads …“ von der Jayhawks-Resterampe. Hier finden sich Songs, die Louris vor Zeiten mit anderen Songwritern für deren Platten schrieb, für Musiker, die hierzulande – bis auf die Dixie Chicks – kaum jemand kennt: für Carrie Luz Rodriguez und Ari Hest, für Bands wie Tonic und die Wild Feathers.

In den Coverversionen finden diese Lieder nun ihre eigentliche Gestalt. Zwei neue Songs runden das Album an – die Balladen „Leaving Detroit“ und „Carry You To Safety“. In Letzterem stellt sich Louris’ Songheld vor seine Liebste – gegen die lärmende, hässliche Gegenwart. Moral von der Geschicht: Wenn einer für den anderen eintritt, kann einem auch das ganze Trump-Amerika nichts anhaben.

Zu den Einflüssen von Gary Louris zählt auch Brian Eno

Die unverhoffte Frauenstimme gehört übrigens Karen Grotberg, die schon seit der Tour zu „American Town Hall“ bei den Jayhawks Keyboards spielt. Sie ist hier gleich zweimal Frontfrau, auch Schlagzeuger Tim O’Reagan tritt bei zwei Songs ans Mikrofon. Und der Soul des Albumöffners ist ein Experiment. Zu Gary Louris‘ Einflüssen, das verriet er in einem Gespräch mit dem Guardian, zählt eben außer Countryrock-Urvater Gram Parsons auch der experimentierfreudige Brite Brian Eno.

Was er noch viel gehört haben muss: die Everly Brothers und Simon & Garfunkel. Zeit, dass die Welt mal reinschaut in diese Seitengassen und eincheckt in die aufgegebenen Motels. Und nicht zulässt, dass noch ein weiterer Jayhawks-Klassiker für die Katz ist.

The Jayhawks: „Back Roads And Abandoned Motels“ (Sony Music) erscheint am 13. Juli

Von Matthias Halbig / RND

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