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Kultur Father John Misty – Narzisst mit Goldmund
Nachrichten Kultur Father John Misty – Narzisst mit Goldmund
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10:21 13.06.2018
Präferenz Siebzigerjahre: Der 37-jährige Joshua Tillman alias Father John Misty Anfang Juni beim Primavera Sound Music Festival in Barcelona. Quelle: imago/Agencia EFE
Los Angeles

Father John Misty – so heißen kauzige Barden, die ihre Platten mit der Akustikgitarre auf einem Bein stehend in Telefonzellen aufnehmen, oder? Der Name klingt nach sprödestem Folk und Weltferne, vielleicht ist dieser „Father“ ja auch noch bei einer Sekte.

Wir wissen es freilich besser. Der 37-jährige Sänger und Songwriter Joshua Michael Tillman (so heißt FJM in Wirklichkeit) aus Rockville, Maryland, war zwischenzeitlich mal Schlagzeuger, der Typ mit dem Hinterbänklerjob, der die Band zusammenhält, während die anderen sich nach vorne drängen. Er verließ die angesagten Fleet Foxes, weil er selbst wieder ans Mikrofon wollte. Nach dem Musikantenmotto: Etwas Besseres als die hinterste Bühnenlampe werden wir überall finden.

Rampenlichtpop und intimere Pianolieder

Jetzt ist das vierte FJM-Album in den Läden und Streamingportalen. Nur ein gutes Jahr nach dem opulenten „Pure Comedy“ erscheint das unbescheiden betitelte „God’s Favourite Customer“. Gottes Lieblingsmitarbeiter macht auf den ersten Blick da weiter, wo er aufgehört hat: Großpop findet sich hier, Rampenlichtmusik, die nach wie vor an Sir Elton Johns beste Jahre erinnert, aber auch an die „A Day In The Life“-Beatles, an Wilco, ELO, das kapriziöse Sich-Spreizen eines Rufus Wainwright. Dazu gesellen sich auch ganz reduzierte Lieder, in denen neben dem Gründeln des Pianos nur die warme, gefühlvolle Stimme des Fathers zu hören ist.

Geschrieben hat Tillman diese Siebzigerjahremusik binnen zweier Monate in der Zurückgezogenheit eines Hotels, das sich als Handlungsort durch das Album zieht und zuzeiten bedrückend wirkt wie das „Hotel California“ der Eagles – ein Gefängnis. Im pinkfloydesken Eröffnungssong „Hang out at the Gallows“ wird der arme Eincheckende mit einer undemokratischen Frageliste konfrontiert: „Welche politische Gesinnung hast du? Welche Religion? Was konsumierst du? Wofür lebst du?“

Eine Versammlung von Einsamkeiten

Und mit Glockenspiel und schlierigen Backgroundvocals erteilt der Sänger in „Mr. Tillmann“ einem Liftboy das Wort, der sich höflich über die eigenwilligen Hotelmanieren des einquartierten Komponisten beschwert.

Die Texte hier sind originell wie gewohnt, aber der Künstler baut keine Mauern aus Sarkasmus und Zynismus mehr zwischen sich und den Hörer wie früher. Er singt von sich. In „Just Dumb Enough to Try“ war er dumm genug zu glauben, seine Liebste weiter halten zu können, dann glaubte er „mit heiler Haut davonzukommen und mein Leben neu beginnen zu können.“ Aber: All You Need is Love. Ohne Liebe geht nichts.

Eine Versammlung von Traurigkeiten, Einsamkeiten, Verlustängsten – Seelenschauen aus dem selbstgewählten Exil des Zimmers, in dem sonst nur die Muse weilte. Eingängige Songs wie „Please Don’t Die“, „The Palace“ und das folkig-rockige „Date Night“ hat sie aus dem Füllhorn geschüttet. Und einen übergroßen Herzensbrecher: In „The Songwriter“ befragt der Father seine Frau, die von ihm viel und nicht immer keusch besungene Fotografin Emma Elizabeth Tillman, wie sie ihn wohl besingen würde, wäre sie an seiner Stelle.

„Muss jedermann die größte Geschichte sein?“

Ein Vexierspiel, das mit der entwaffnenden Zeile schließt: „Wie würde es klingen, wenn du der Songwriter wärst / und mich zu lieben dein ungesungenes Meisterwerk.“ Ein Narzisst mit Goldmund - keine Sorge, soweit man weiß ist alles in Ordnung zwischen den beiden.

Und wenn jetzt die Waage und Messlatte der Kritiker herangezogen werden, gewogen und bemessen wird, ob dieses Album zu den Meisterwerken der ersten Jahreshälfte zählt, beschämt FJM uns in „Disappointing Diamonds Are the Rarest of Them All“ mit der Gegenfrage: „Muss jedermann die größte Geschichte sein, die je erzählt wurde?“ Manche kleine Geschichte ist viel netter. Im Titelsong nennt Tillman sich „Gottes Lieblingsmitarbeiter“, weil er einen „Engel“ auf sich aufmerksam machen will.

„Mann, ich muss in der Gedichtzone gewesen sein“

„Letzte Nacht hab ich ein Gedicht geschrieben“, erzählt er dann in „The Palace“ über seine Zeit im Hotel und klingt dabei versunken wie John Lennon am „Imagine“-Klavier. „Mann, ich muss in der Gedichtezone gewesen sein“ Ein Haustier will er sich kaufen, „um zu lernen, für jemanden zu sorgen.“ Jeff würde Gottes Liebling seinen Liebling nennen.

Da muss man grinsen. Vielleicht nach ELOs Jeff Lynne, der den Grandezzapop auch ganz trefflich beherrscht. Vielleicht nach Wilcos Jeff Tweedy, der es wie Tillman mit John Lennon und der Verletzlichkeit hat.

Father John Misty: „God’s Favorite Customer“ (Bella Union)

Von Matthias Halbig / RND

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