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Kultur Aleida Assmann plädiert für neue Erinnerungskultur
Nachrichten Kultur Aleida Assmann plädiert für neue Erinnerungskultur
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02:15 17.03.2018
Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann und Moderatorin Carolin Emcke in der Cumberlandschen Bühne. Quelle: Kutter
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In Paris gibt es Metrostationen, die nach napoleonischen Siegen ,Austerlitz‘ oder ,Jena‘ heißen“, sagt Aleida Assmann. Eine Station mit dem Namen ,Waterloo‘ suche man da vergebens - die gibt es jedoch in London. „Erinnert werden vorzugsweise nationale Siege, vergessen dagegen die Niederlagen.“ 

Die Frau am Vortragspult der Cumberlandschen Bühne ist eine Expertin fürs Erinnern und Vergessen. Sie sammelt, sortiert und reflektiert die Selbstbilder der Völker, die nationalen Narrative, sie ist also eine Chronistin der Chroniken – und passt damit perfekt in Carolin Emckes Gesprächsreihe „ABC der Demokratie“, die mit ihrer dritten Folge beim Buchstaben C wie „Chronik“ angekommen ist. 

Geschichten aus der Geschichte sind nicht neutral, erinnert die langjährige Professorin in Konstanz, die mit Büchern über „Die Zukunft der Erinnerung“ oder „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ seit Jahrzehnten kollektiven Gedächtnispfaden nachspürt, eben „Arbeit am nationalen Gedächtnis“ leistet, wie ein weiterer Buchtitel Assmanns heißt. Was aus historischen Archivbeständen zu archetypischen, oft als überzeitlich gültig erlebten Narrativen kondensiert werde, sei vielmehr interessegeleitet und auf Bestätigung angelegt. „Erinnert wird, was Identität stiftet“, sagt die 70-Jährige unter Hinweis auf das Bonmot des Philosophen Friedrich Nietzsche über den Konflikt zwischen Stolz und Gedächtnis, und da gebe es letztlich nur drei Rollen. „Den Sieger über, das Opfer des und den Märtyrer gegen das Böse.“ 

Platzmangel im Gedächtnis

Tendenziell böse sind nach dieser noch aus dem 19. Jahrhundert stammenden Logik jene, die nicht dazugehören, die nationalen Narrative seien „monologisch“. Und ihr Monolog der Selbstbestätigung lasse sich nur durchbrechen, wenn eine Vielzahl dem positiven Selbstbild entgegenstehen wie etwa in Deutschland durch den Holocaust. „Aber selbst dann bleibt die Wahrnehmung selektiv.“ Intensiv erinnere man sich in Deutschland der Bomben auf Dresden, doch die deutsche Zerstörung Warschaus, die deutsche Belagerung Leningrads, die mehr als eine Million Menschenleben gekostet hat, das seien vergleichsweise blinde Flecken. „Im nationalen Gedächtnis herrscht Platzmangel – das eigene Leid braucht viel davon, auf Kosten fremde Leids.“ 

Bleibt auf diese Weise auch das 21. Jahrhundert ein Gefangener solcher Gedächtnislücken? Dagegen steht nach Aleida Assmanns Worten, was sie den „europäischen Traum“ nennt. Immerhin habe Europa Wege vom Krieg zum Frieden, von Diktaturen zur Freiheit gefunden und könnte auch vom Vergessen zu neuem Erinnerungn mit der nötigen Offenheit für das Leid der anderen gelangen.

Dabei weiß die Wissenschaftlerin, dass eine derart dialogische Erinnerungskultur keineswegs unumstritten sind. Immerhin liegt darin auch manche Zumutung. Österreicher und Polen müssen von der bequemen Legende Abschied nehmen, nur Opfer der Nazis gewesen zu sein, Briten und Franzosen von der Vorstellung, nur Völker im Widerstand oder Abwehrkrieg und ohne jede Sympathie oder Kollaboration mit Nazideutschland gewesen zu sein. Und der allenthalben sprießende neue Nationalismus steht diesem „europäischen Traum“ direkt entgegen. 

Im gut einstündigen Gespräch nach dem Vortrag zieht Carolin Emcke den Fokus weit über Europa hinaus auf. Immerhin werfen auch die USA seit einiger Zeit einen selbstkritischen Blick auf die Legenden des Bürgerkriegs, der die Diskriminierung von Schwarzen dort bekanntlich nicht beendet hat. In der Türkei ist der Massenmord an den Armeniern noch immer ein Tabu, das im nationalen Narrativ keinen Platz findet. Und im Nahostkonflikt gibt es nur ansatzweise die wechselseitige Wahrnehmung von Shoa und Nakba, also die Anerkennung des Mordes an den europäischen Juden durch die Palästinenser und die Wahrnehmung der Vertreibung von Palästinensern durch Israelis. 

„Droht eine Unterwanderung des europäischen Projekts“?, fragt Carolin Emcke – auch mit Blick darauf, dass Einwanderer in Deutschland sich kaum auf die deutsche Holocaust-Verantwortung einlassen. „Wenn wir solchen Trends nicht entgegentreten, wird es allenfalls einen Dialog unter Schwerhörigen geben“, sagt Aleida Assmmann. „Dann droht ein unterschwelliger Bürgerkrieg der Erinnerung – und der komplette Rückfall in die monologischen Narrative des 19. Jahrhunderts.“

Von Daniel Alexander Schacht

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