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"Man muss es mal einen Moment wirken lassen“

Alix Dudel im Interview "Man muss es mal einen Moment wirken lassen“

Sie ist seit 30 Jahren im Geschäft, aber Lampenfieber hat sie immer noch: Alix Dudel, Diseuse und Schauspielerin, kommt für ein Konzert mit Band in ihre alte Heimat Hannover. Ein Gespräch über Begleitmusiker, Publikum und unwissende Göttinger.

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Hannover. Frau Dudel, Ihr neues Programm heißt „Endlich!“. Warum?

Seit vielen Jahren führe ich im Frankfurter Tigerpalast mit den Liedern von Friedhelm Kändler oder Georg Kreisler durchs Programm, und Jahr für Jahr kommt ein Lied dazu. Jahrelang haben mein Pianist und ich gesagt: Wir haben so viel Repertoire, daraus kann man ein Programm machen. Als nun die Anfrage kam, etwas Neues zu machen, haben wir gesagt: Endlich! Das gilt auch für die Tigerpalast-Band, mit der ich auftrete.

Ist es etwas Besonderes mit einer Band?

Ja. Üblicherweise spiele ich mit dem Pianisten Uli Schmid. Das ist flexibler. Jetzt sitzt die Band in Frankfurt, ich lebe in Berlin, das ist ein größerer Aufwand, sich zusammenzutun. Hannover liegt aber schön in der Mitte, wir reisen von beiden Seiten an. Auf Tournee gehen wir damit aber nicht, insofern: Es ist wirklich etwas Besonderes.

Ist der Unterschied von einem Pianisten zur Drei-Mann-Band so groß?

Es ist nicht zu vergleichen. Mit Band ist mehr Musik, es ist andere Musik. Es sind Jazzer, die legen zwischendurch auch mal allein los. Man muss das Repertoire gut auswählen. Manchen Liedern tut es gut, manche funktionieren mit Piano viel besser, weil es intimer ist. Die Band wiederum hebt auch den Gesang in eine andere Größenordnung.

Man kennt Sie als Interpretin der Stücke von Friedhelm Kändler, Georg Kreisler und Friedrich Hollaender. Ist das ein geschlossener Kreis - oder wollen Sie noch einmal ganz was anderes machen?

Ich habe angefangen mit den Klassikern wie Hollaender, Neumann, Tucholsky oder Kästner. Kändler war schnell dabei aus der Hannover-Szene. Ich habe jetzt zwei Programme mit Texten von Mascha Kaléko und Brecht gemacht, das ist ein bisschen was anderes als die Auftritte als Grande Dame, als Diseuse. Jetzt bin ich wieder auf der Suche. Wem kann ich meine Stimme leihen? Wer spricht Worte, die mir aus der Seele sprechen? Ich suche eher nach Menschen, die nicht mehr für sich selbst sprechen können.

Warum?

Es gibt eine sehr lebhafte junge Szene, Poetry-Slammer, Singer-Songwriter, viele neue Gesichter und neue Stimmen. Ich habe eine andere Aufgabe. Wer ist vergessen worden und trotzdem wunderbar? Noch suche ich.

Die Rezeption von Musik hat sich durch die neuen Medien extrem gewandelt. Verändert sich auch Ihr Publikum?

Ich habe mittlerweile einen guten, großen Fankreis, der auf mich eingeschworen ist. Es kommen immer wieder Menschen dazu, die mich entdecken. Aber es gibt sicherlich auch ein Publikum, an das ich nicht herankomme, weil es sich nicht einlassen will auf das literarische Chanson. Weil es Zeit braucht. Weil man auch mal einen Moment sitzen und es wirken lassen muss, um dann zu merken: Da steckt was dahinter! Das geht natürlich ein bisschen gegen die Zeit. Aber ich habe auch ein Gefühl, dass so etwas wieder gesucht wird.

Auch von jungen Leuten?

Neulich stand ich mit einer französischen Kollegin in Berlin auf der Bühne. Wir haben „Göttingen“ von Barbara gesungen, weil wir ein Lied singen wollten, das alle kennen. Plötzlich war viel Amusement im Raum, wir wussten gar nicht warum. Es war eine Gruppe Studenten aus Göttingen, die kannten das nicht und wunderten sich, warum jemand ein Lied über Göttingen gemacht hat. Und wir haben uns gefragt, wie man dieses Lied nicht kennen kann.

Warum ist Ihre Kunst so seltsam unberührt von all dem Wandel?

Am schönsten ist meine Kunst, wo ich live vorhanden bin. Es ist wie mit klassischer Musik. Man kann sie sich ins Wohnzimmer holen, aber es ist nicht dasselbe.

Haben Sie nach fast 30 Jahren Karriere noch Lampenfieber?

Ja, immer. Man weiß nie, wie es läuft und was passiert. Man ist vorher beschäftigt mit technischen Sachen und Absprachen. Und man weiß nicht, wie das Publikum ist. Und auf Hannover freue ich mich sehr, auf den Pavillon, wo ich lange nicht gespielt habe. All das macht mir Lampenfieber.

Was gibt es denn nun „endlich“ in Hannover zu hören?

Ein paar wunderbare große Chanson-Klassiker wie „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ (Hollaender), „Ein Neandertaler“ (Neumann), Kändlers „Darf ich mal durch?“ wird dabei sein, bissige kleine Gedichte und Geschichten - und mein Lieblingslied von Georg Kreisler: „Zu leise für mich“.

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