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Allein mit dem Schmürz

Schauspiel und Ballhof Eins Allein mit dem Schmürz

n seinem Stück Die Reichsgründer oder Das Schmürz schildert Boris Vian die Folgen einer auf Angst und Ausgrenzung aufbauenden Politik. Hausregisseur Tom Kühnel inszeniert den Abend im Ballhof Eins als absurde Komödie.

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Die Reichsgründer oder Das Schmürz
Junges Schauspiel Hannover
Ballhof Eins
Premiere: 02.09.16
Regie: Tom Kühnel
Bühne: Nicole Timm
Kostüme: Magda Musial
Musik: Tomek Kolczynski
Szene mit: Katja Gaudard, Hagen Oechel, Vanessa Loibl

Quelle: Katrin Ribbe

Hannover. Das Wichtigste im Leben ist, sich vor allen von vornherein feststehenden Meinungen und Urteilen in Acht zu nehmen“, schreibt der bekennende Pazifist Boris Vian im Vorwort zu seinem 1946 erschienenen Roman „Der Schaum der Tage“ und ergänzt: „Es scheint in der Tat so zu sein, dass die Massen im Unrecht sind und die Individuen immer im Recht.“

Kritik am Militarismus und Misstrauen in die Vernunft der „Grande Nation“ prägten von Beginn an Vians künstlerisches Schaffen. Der 1920 geborene Schriftsteller erlebte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Aufrüstung Frankreichs für die Kriege in den Kolonien, die mit den Kämpfen in Algerien nach 1954 ihren Höhepunkt fanden. Bereits 1957, im Entstehungsjahr der „Reichsgründer“ und zwei Jahre vor Vians Tod, konnten die französischen Großmachtträume als gescheitert gelten. Ein Fakt, von dem die politisch und militärisch Verantwortlichen jener Tage keine Notiz nahmen.

In seinem letzten Theaterstück „Die Reichsgründer oder Das Schmürz“, das 1959 postum uraufgeführt wurde, schildert Vian die Folgen einer auf Ausgrenzungen, Schuldzuweisungen und Ängsten gegründeten Politik. Er findet ein beklemmendes Bild: Eine Familie hat Angst - Angst vor einem undefinierbaren, ohrenbetäubenden Geräusch. Sie flieht von einer Etage des Hauses in die nächste, in immer bedrückendere Verhältnisse. Auf der Strecke bleiben nicht nur Wohlstand, Sicherheit und Empathie, sondern nach und nach auch die Familienmitglieder. Endstation ist eine Dachkammer, in der der Vater ein neues Reich gründen will, allein mit sich und dem „Schmürz“, einem Wesen, das getreten und geschlagen werden darf, weil es all das verkörpert, was Menschen hassenswert erscheint. Sein Name, dem deutschen „Schmerz“ verwandt, entstammt vermutlich Vians Privatmythologie: Der Autor benutzte gelegentlich das Pseudonym „Adolphe Schmurtz“.

Kerstin Behrens

Mit: Katja Gaudard, Vanessa Loibl, Hagen Oechel, Andreas Schlager, Julia Schmalbrock

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