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20:00 07.08.2011
Von Kristian Teetz
Der Grenzfall: Unter den Augen bewaffneter Volkspolizisten errichten Ostberliner Bauarbeiter im August 1961 eine Mauer entlang der Sektorengrenze. Quelle: dpa
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Als die amerikanische Historikerin Hope M. Harrison am Morgen des 10. November 1989 im Flugzeug von Frankfurt nach Berlin sitzt, begrüßt der Pilot seine Gäste mit freudiger Stimme: „Meine Damen und Herren, falls Sie die Neuigkeit noch nicht gehört haben sollten: Heute Nacht ist die Berliner Mauer gefallen. Wir fliegen in die Geschichte.“ Filme und Texte über den „langen Unbau“ (Volker Braun) beginnen oft mit dem Happy End. Am Anfang aber stand der Schrecken, ein glückliches Ende für die Frontstadt Berlin war nicht in Sicht. In der Nacht zum 13. August 1961, vor fast genau 50 Jahren, hatten Volks- und Grenzpolizisten begonnen, die Sektorengrenze zu Ost-Berlin abzuriegeln.

„Ausgeburt des zerrissenen 20. Jahrhunderts, ist die Mauer heute die symbolische Verdichtung von staatlicher Willkür und Entmündigung einerseits, von politischer Freiheit und Selbstbefreiung andererseits“, resümiert der Historiker Klaus-Dietmar Henke in seiner vielschichtigen Aufsatzsammlung „Die Mauer“ (dtv, 24,90 Euro). In 29 Aufsätzen schreiben Autoren über den rund 156 Kilometer langen Grenzbau, den die DDR in zynischer Verdrehung der Tat­sachen „antifaschistischen Schutzwall“ nannte. In dem 600-Seiten-Werk geht es unter anderem um die zweite Berlin-Krise 1958 bis 1963, die Perfektionierung der Grenze vom Stacheldrahtverhau bis zum Todesstreifen, die Politik der Reiseerleichterungen sowie die Mauer in Film, Malerei und Literatur – eine leicht verständliche Gesamtdarstellung nahezu aller Aspekte der Berliner Mauer also. Wer es eilig hat und schnell die wichtigsten Daten, Fakten und Hintergründe sucht, findet in Hans-Hermann Hertles Büchlein „Die Berliner Mauer. Biografie eines Bauwerkes“ (Ch. Links, 4,90 Euro) einen kompakten und preisgünstigen Abriss der Geschichte der Mauer.

Der Historiker Stefan Wolle hat eine Mischung aus Alltagsgeschichte und großer Politikgeschichte geschrieben. Wie schon in seinem Buch „Die heile Welt der Diktatur“ bringt er auch in seiner neuen Darstellung „Aufbruch nach Utopia“ (Ch. Links, 29,90 Euro) die Alltagserlebnisse der DDR-Bürger mit den Handlungen der Regierungen zusammen. Wolle, Jahrgang 1950, erzählt auch aus eigener Erinnerung. In seinem wunderbaren Buch geht es aber nicht nur um den Mauerbau, er spannt den Bogen von 1961 bis zum Prager Frühling sowie dessen Auswirkungen und beendet seinen „Aufbruch nach Utopia“ im Jahr 1971.

Hope M. Harrison dagegen interessiert in ihrer Studie „Ulbrichts Mauer. Wie die SED Moskaus Widerstand gegen den Mauerbau brach“ (Propyläen, 24,99 Euro) die Vorgeschichte in den Jahren zwischen 1953 und 1961. Sie konzentriert sich auf die politischen Entscheidungen und vor allem auf das lange Werben des ostdeutschen Staatschefs Walter Ul­bricht bei seinem sowjetischen Amtskollegen Nikita Chruschtschow. Die Amerikanerin sieht Ulbricht und nicht etwa die Führung der Sowjetunion als Hauptverantwortlichen des Mauerbaus. „Die in der DDR und Berlin, an der Frontlinie des Kalten Krieges, ergriffenen Maßnahmen wurden häufig nicht in Moskau, sondern in Ost-Berlin beschlossen und oftmals gegen den Willen der Sowjets durchgeführt“, heißt es bei ihr.

Der Historiker Manfred Wilke widerspricht Hope M. Harrison in seinem Buch „Der Weg zur Mauer. Stationen einer Teilungsgeschichte“ (Ch. Links, 39,90 Euro). Wilke konnte als erster Autor auf die Gesprächsprotokolle zwischen Ul­bricht und Chruschtschow zurückgreifen. Ulbricht habe die Mauer ohne Zweifel gebraucht, aber „er war nicht Herr des Verfahrens“. Oft genug habe der Sachse mit dem Spitzbart erfahren, wie der sowjetische Generalsekretär die Interessen der SED seinen eigenen weltpolitischen Ambitionen unterordnete. Wäre Ulbricht tatsächlich Herr im Hause gewesen, hätte er dann Chruschtschow nicht zusätzlich zur Abriegelung der Grenze die lang ersehnte volle Souveränität für seine DDR abpressen können? Diese aber gewährte Chruschtschow ihm nicht. Schließlich lässt sich der mächtige Mann aus Moskau selbst als Beleg gegen Harrison ins Feld führen: „Natürlich hätte die DDR ohne uns die Grenze nicht geschlossen“, sagte er 1962 gegenüber dem bundesdeutschen Botschafter in Moskau. „Warum sollten wir uns hier hinter dem Rücken vom Genossen Ul­bricht verstecken? Der ist doch in diesem Fall gar nicht so breit.“

Auf einen keinesfalls unwichtigen Nebenschauplatz führt der US-Autor Frederick Kempe seine Leser: „Al Capone trifft Greenhorn“ – so beschreibt Kempe den Gipfel zwischen Chruschtschow und John F. Kennedy in Wien 1961. Kempe zeigt, wie der russische Bauernsohn dem jungen Präsidenten hoffnungslos überlegen war und wie sich dies auf Berlin auswirkte. Kempe hat unter dem etwas reißerischen Titel „Berlin 1961. Kennedy, Chruschtschow und der gefährlichste Ort der Welt“ (Siedler, 29,99 Euro) einen historischen Thriller – keinen Roman – geschrieben.

Impressionen aus der Frühzeit der Mauer finden sich in Annett Gröschners und Arwed Messmers schönem Bildband „Aus anderer Sicht“ (Hatje Cantz, 49,99 Euro). Und der Journalist Gunter Hofmann beschreibt in seinem Buch „Polen und Deutsche“ (Suhrkamp, 32,90 Euro) den Weg zur friedlichen Revolution 1989. Womit wir wieder beim Happy End ­wären.

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