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Berlin entdeckt hannoverschen Komponisten

„Amor vien dal destino“ an der Staatsoper Berlin entdeckt hannoverschen Komponisten

Dirigent René Jacobs und Regisseur Ingo Kerkhof bringen das Stück „Amor vien dal destino“ des hannoverschen Hofkapellmeisters Agostino Steffani zum ersten Mal nach über 300 Jahren ans Schillertheater in Berlin. Eine große Wiederentdeckung.

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Abwechslungsreich und interessant: „Amor vien dal destino“ im Schillertheater Berlin. 

Quelle: Staatsoper Berlin

Berlin. Das Schicksal hat es nicht gut gemeint mit dieser Oper. Es kommt allerdings selbst auch nicht gut darin weg. In „Amor vien dal destino“ wirft es die Figuren so weit aus der Bahn, dass es statt glücklicher Liebender am Ende fast eine ganze Reihe von Toten gegeben hätte. Denn wenn die Liebe, wie es der Titel des Stücks von Hannovers ehemaligem Hofkapellmeister Agostino Steffani verheißt, „vom Schicksal kommt“, sind Menschen plötzlich wehrlos ihren Gefühlen wie einer dunklen Macht ausgeliefert, die ihnen fremd und unbegreiflich erscheint und die doch fortan ihr Handeln mit unerbittlicher Konsequenz bestimmt.

Steffani hat diese tiefenpsychologische Verwirrung der Gefühle vermutlich unmittelbar nach einem seiner größten Erfolge komponiert: dem Stück „Henrico Leone“, mit dem 1689 die Opernbühne im hannoverschen Leineschloss festlich eröffnet wurde. Doch obwohl dort in der Folge sieben weitere seiner Opern zu sehen waren, wurde „Amor vien dal destino“ nie in Hannover aufgeführt. Es sollte fast 20 Jahre dauern, bis das Stück 1709 in Düsseldorf zum ersten Mal gespielt wurde. Und diese Aufführung war zugleich für lange Zeit die letzte: Erst jetzt, nach mehr als 300 Jahren, ist an der Berliner Staatsoper die zweite Produktion der Oper zu erleben.

Steffani gehört zum festen Konzertrepertoire

Wenn man Steffani dort als große Wiederentdeckung anpreist, ist das zumindest für dieses eine Stück richtig. Der 1654 in Venetien geborene Komponist dagegen ist in Hannover seit Langem bekannt und hat inzwischen – etwa durch die Konzerte des vor zwei Jahren gestarteten Forums Agostino Steffani – auch wieder einen festen Platz im Konzertrepertoire der Stadt und darüber hinaus: Colin Timms, britischer Musikwissenschaftler und Ehrenvorsitzender des Forums, hat nun auch die Partitur für die Berliner Aufführung herausgegeben.

Im Schillertheater, wo die Staatsoper wegen des Umbaus ihres Stammsitzes Unter den Linden noch immer residiert, konnte man ahnen, dass die Renaissance des Komponisten bald wohl noch weiter Fahrt aufnehmen wird: „Amor vien dal destino“ hat sehr viel zu bieten, was man bei den gängigen Werken des Hochbarocks nicht findet und was das Opernrepertoire substanziell bereichert.

Schönste Verzierungen

Auch bei Steffani wechseln sich wie später bei Händel, seinem Nachfolger am hannoverschen Hof, Arien und Rezitative ab. Allerdings wirken die Formen bei Steffani weniger fest gefügt und freier. Die sonst oft trockenen Rezitative sind bei ihm voll farbiger Harmonik und reich instrumentiert und tönen auch bei der Akademie für Alte Musik Berlin, die unter Leitung von René Jakobs im Orchestergraben musiziert, ungemein abwechslungsreich und interessant. In den Arien dagegen sind die Wiederholungen um einen kontrastierenden Mittelteil noch längst nicht so ausführlich, wie es einige Jahre später die Regel werden sollte. Das hat den Komponisten aber nicht davon abgehalten, den Sängern, die oft von obligaten Soloinstrumenten begleitet werden, die schönsten Verzierungen zu komponieren. In Berlin nutzt das ein fabelhaftes Ensemble um die Altistin Katarina Bradic und die Sopranistin Olivia Vermeulen zu einem betörenden Sängerfest.

Dass die Spieldauer von fast vier Stunden kurz erscheint und die Produktion am Ende begeistert beklatscht wird, liegt außer an Steffanis tempo- und kontrastreicher Musik auch an Regisseur Ingo Kerkhof, der das Stück mit viel Gespür für Personenführung als eine elegante Mischung aus Komödie und Schicksalsdrama zeigt. Und anders als in Hannover, wo Kerkhof zuletzt bei „Figaro“ und „Ariadne“ mit sehr reduzierter Ausstattung auskam, lässt er Bühnenbildner Dirk Becker die ganze Rampe mit üppigen Schilfpflanzen überwuchern.

Dass die längst erntereif sind, ist ein schönes Bild auch für das lange vergessene Stück und seinen Komponisten: Die Zeit für Agostino Steffani scheint endgültig gekommen.

  • Wieder am Freitag um 19 Uhr und am 4. und 7. Mai, Kartentelefon (0 30) 20 35 45 55. Weitere Informationen unter  staatsoper-berlin.de.
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