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Amy Winehouse ist mit 27 Jahren gestorben

Tod einer Behandlungsreisenden Amy Winehouse ist mit 27 Jahren gestorben

Der öffentliche Niedergang einer Begnadeten: Amy Winehouse ist am Sonnabend mit 27 Jahren gestorben. Sie war eine grandiose Soulsängerin – aber die Aufmerksamkeit der Medien richtete sich hauptsächlich auf ihr skandalträchtiges Leben.

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Amy Winehouse war eine grandiose Soulsängerin.

Quelle: dpa

Es sollte ein großes Comeback werden, es wurde ein Desaster: Als Amy Winehouse vor wenigen Wochen in Belgrad über die Bühne torkelte, sich immer wieder hinsetzen und von ihren Musikern gestützt werden musste und von ihrer Stimmgewalt nur noch ein Stammeln und Lallen übrig geblieben war, mutete es an wie das Zeugnis einer öffentlichen Selbstzerstörung. Jetzt ist Amy Winehouse tot. Anfang der Woche erschien sie noch einmal unangekündigt bei einer Liveshow in einem kleinen Londoner Klub. Am Sonnabend wurde sie in ihrer Wohnung gefunden. Die offizielle Todesursache wird noch überprüft. Die inoffizielle muss nicht mehr bekannt gegeben werden: Die 27-Jährige ist am Ruhm, am Rummel, an Drogen und sich selbst zerbrochen. So zynisch es auch sein mag: Eine Überraschung ist dieser Tod für viele nicht.

Ihr Werdegang war seit Jahren ein öffentlicher Niedergang, der mehr oder weniger lückenlos protokolliert wurde. Nicht in den Feuilletons, sondern in Klatschspalten und Boulevardschlagzeilen. Man vergaß fast, dass sie eigentlich Soulsängerin war, deren künstlerische Fähigkeiten das Attribut „talentiert“ beleidigte. Amy Winehouse war begnadet. Sie war durchströmt von Musik.

Ein Comeback sollte es werden – mit 27 Jahren. Im Jahr 2007 hatte Winehouse eine Zwangsauszeit genommen. Selbstsortierung, Rehabilitierung, Entgiftung. Die damals 23-Jährige hatte künstlerisch erst wenige Spuren hinterlassen. Die aber waren so tief, dass die Popwelt vor ihr auf die Knie fiel. Die Fans liefen schon bei ihrem Debütalbum „Frank“ im Jahr 2003 in Scharen von anderen Sängerinnen über, selbst das bis dahin gehypte Soul-Wunderkind Joss Stone mit Blümchenkleid und barfuß sah gegen diesen ruppigen, rauchenden und saufenden Gegenentwurf plötzlich ganz alt aus.

Sie galt als eines der größten Musiktalente ihrer Generation, ihre Drogenprobleme bekam Amy Winehouse aber nie in den Griff: Im Alter von nur 27 Jahren starb die junge Londonerin am Samstag in ihrer Wohnung. Tausende Fans in aller Welt trauern.

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Und die Popindustrie spekulierte, dass hinter ihrer Unberechenbarkeit etwas Großes stecken müsse, tolerierte artig ihre Eskapaden und schob ihr nach „Back to Black“ vorsorglich einen Preis nach dem anderen zu, darunter fünf Grammys. Allein im Jahr 2007 verkaufte sich „Back to Black“ 5,1 Millionen Mal, mehr als jedes andere Album.

Es war nicht nur ihr kraftvoller Soul, der die Sechziger in tiefen Zügen atmete. Winehouse war auch in anderer Hinsicht retro: Sie war Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll. In seiner ganzen brutalen Konsequenz, wie die Castingshow-Generation es nur noch aus alten YouTube-Videos kannte – von Typen wie Jim Morrison, Jimi Hendrix oder Janis Joplin. Die hatten ihre kurze, steile Karriere auch nicht nur durch Musik bestritten. Dass Winehouse noch mehr mit diesen Legenden verbinden würde, die alle nur 27 Jahre alt wurden (siehe Text nebenan), war Mitte des vorigen Jahrzehnts noch nicht zu ahnen.

Winehouse war auch ganz anders vermarktbar als die Einweg-Popstars des 21.  Jahrhunderts. Die Klatschpresse mit ihrer „Leserreporter“-Kultur würde die Sache dank Amys Partyeskapaden schon am Laufen halten. Irgendwann wurde Amy Winehouse zum medialen Missverständnis. Man pickte aus Interviews heraus, was in die Skandalchronologie passte. „Blake war ein Versager im Bett. Unsere Ehe wurde nur von Drogen zusammengehalten“ (über ihren Exmann) oder „Wenn du dir selbst nicht helfen kannst, kann es keiner“. Es waren mitunter die gleichen Interviews, in denen sie über ihre tiefe Liebe zum Jazz sprach, über Vorbilder wie Dinah Washington, Sarah Vaughn oder Minnie Riperton, über emotionale Tiefe von Musik. Aber das wollte bald niemand mehr hören.

Die größeren Geschichten lieferte nicht ihr Gesang, sondern ihr Abgesang. Klinikaufenthalte, Verhaftungen und Prozesse wegen Drogenbesitzes, die kurze Ehe mit dem prügelnden Junkie Blake Fielder-Civil, Konzert- und Tourneeabsagen, Depressionen, Essstörungen, ein Lungenemphysem infolge übermäßigen Crack-Genusses. Paparazzi waren Stammgäste vor ihrem Haus – und wurden 2008 von ihrem Motiv mit Tee und Keksen bewirtet. Blanker Zynismus? Hatte sie ihre Rolle angenommen? Merkte sie schon nichts mehr?

Ihr Vater Mitch, Taxifahrer und Jazzsänger (als der er in diesem Jahr bei den Movimentos-Festwochen in Wolfsburg auftrat), befeuerte die Spekulationen mit verunglückten Aussagen wie der, er habe die Grabrede auf seine Tochter schon vorbereitet. Man möchte glauben, dass das missglückter britischer Humor war.

Seine Tochter hatte in ihren Songs selbst immer wieder auf ihre Situation angespielt: Die Single „Rehab“ thematisiert ihre Weigerung, eine Entziehungskur zu machen. Ihr Video zu „Back to Black“ spielt auf einem Friedhof. Auf einem Grabstein steht: „R.I.P. the Heart of Amy Winehouse“. Ihren letzten offiziellen Song nahm die Sängerin mit Quincy Jones auf, dem langjährigen Produzenten von Michael Jackson: Es ist die Coverversion einer Trotzhymne von Lesley Gore, natürlich aus den sechziger Jahren: „It’s my Party, and I cry if I want to.“

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