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An der Staatsoper Hannover darf Siegfried auch Supermann sein

Der alltägliche Mythos An der Staatsoper Hannover darf Siegfried auch Supermann sein

Deckel drauf: Barrie Kosky und Wolfgang Bozic schließen ihren hannoverschen „Ring“ mit einer umstrittenen „Götterdämmerung“. An der Staatsoper Hannover darf Siegfried auch Supermann sein.

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Gibt es hier irgendwo ein Problem? An der Staatsoper Hannover darf Siegfried (Robert Künzli, Vierter von links) auch Supermann sein – hier verpasst er es allerdings, einen kleinen Irrtum auszuräumen.

Quelle: Jauk

Hannover. Es ist der Anfang vom Ende: Vielleicht ist die Szene deshalb so unbequem. Zumindest stellt sich fast immer, wenn sich der Vorhang zu Richard Wagners „Götterdämmerung“ hebt und die ersten Bläserakkorde und Streicherwogen ihre fabelhafte Wirkung getan haben, ein Hauch von Langeweile und Ratlosigkeit ein: Was um Himmels willen sollen diese Nornen, die noch einmal umständlich die Grundzüge der „Ring“-Geschichte rekapitulieren? Regisseuren scheint das nicht anders zu ergehen: Sie tauchen die Szene in der Regel in vages Halbdunkel. An der Staatsoper Hannover, wo der Regisseur Barrie Kosky nun mit dem letzten Teil der Tetralogie seinen „Ring des Nibelungen“ geschlossen hat, flimmert dagegen ein grellbunter Trickfilm über die Bühne, dem die Nornen einfach zuschauen. Der sonst oft dröge raunende Rückblick sieht aus wie ein LSD-Rausch. Das ist zumindest nicht langweilig. Und insofern erhellend, als Kosky sich auch hier als Problemlöser bewährt: Er findet eigene Bilder selbst dort, wo andere an Wagners Vorgaben verzagen.

Begonnen hat das vor drei Jahren mit der viel gelobten Varieté-Parabel im „Rheingold“, als der Regisseur die Rheintöchter statt auf den Flussgrund in kecken Trikots und Federboas auf eine Tingeltangelbühne stellte. Es folgten siamesische Riesenzwillinge, eine uralte, nackte Erda, ein Feuerzauber ohne Flammen und eine tatsächlich einmal als Jude erkennbare Judenkarikatur. In der „Götterdämmerung“ hat Kosky noch eine pragmatische Lösung für die komplizierte Tarnkappenszene parat, bei der Siegfried sich in Gunther verwandelt hat – statt eines verkleideten Siegfrieds gibt es bei ihm einfach den echten Gunther. Koskys „Ring“ ist prallvoll von solchen naheliegenden und doch originellen Erfindungen, denen vor allem eins gemeinsam ist: Sie meiden das Pathos, ohne das man Wagners Riesenwerk wahrzunehmen nicht gewohnt ist.

Spätestens in der „Götterdämmerung“, die Anfang der Saison als Einzelstück (für die andere Teile waren andere Regisseure zuständig) bereits genau so am Essener Aalto-Theater zu sehen war, erweist sich darin die Sprengkraft des hannoverschen „Rings“. Kosky versteht das Stück nicht mehr als großes Welttheater, das im großen Bogen Werden, Vergehen und Erneuerung einer Gesellschaft schildert. Er verdichtet es nicht, sondern zeigt im Gegenteil seine Offenheit. Was wäre beispielsweise, wenn Siegfried im dritten Aufzug der „Götterdämmerung“ den verfluchten Ring tatsächlich den Rheintöchtern zurückgeben würde? Der ganze Aufwand, die düsteren Vorbereitungen zur Selbstauslöschung wären dann überflüssig. Der Raub des Goldes, der Liebesfluch wären nicht Sündenfall oder Katastrophe, sondern nur ein kleiner Irrtum, der sich im Vorbeigehen ausräumen ließe. Der Mythos wird so zum Alltag. Und Wotan kann den Scheiterhaufen der Weltesche wieder abräumen lassen.

Kosky lässt in dieser erstaunlichen, von Regisseuren manchmal vernachlässigten Szene eine Horde der auffälligsten Figuren seines „Rings“ aus einem der großen Pappkartons auftauchen, aus denen den ganzen Abend bevorzugt auf- oder abgetreten wird. Während Siegfried mit den Rheintöchtern plaudert, bevölkern so die Geister der Vergangenheit die Bühne. Als Juden, Supermann, Pickelhaubenleiche oder Bär machen sie, was Statisten eben machen können: Sie tanzen oder kopulieren, fallen um und stehen wieder auf – ein Panoptikum der Möglichkeiten. Und eine Problemlösung à la Kosky.

Da ahnt man bereits, dass der Weltenbrand am Ende tatsächlich ausfällt. Es gibt kein Feuer und keine Flut. Was von Göttern, Helden und Menschen übriggeblieben ist, wird einfach in den Boden versenkt, dann kommt ein Deckel drauf, fertig. Einzig die Göttin der Erde, die Kosky im „Rheingold“ als nackte, alte Frau eingeführt hat, bleibt am Rand der Versenkung stehen: ein anderes Bild für das Nichts.

Aus dem Orchestergraben müsste dazu eigentlich eine berauschende Musik ertönen: Das Ende der „Götterdämmerung“ mit seinem vom Komponisten jahrzehntelang aufgesparten „Erlösungsmotiv“ kann nach sechs Stunden auch Nicht-Wagnerianer in Ekstase versetzen. In Hannover bleibt die allerdings aus. Dirigent Wolfgang Bozic, der seine letzte Premiere als hannoverscher Generalmusikdirektor leitete, ist nicht der Mann für enthemmtes Gefühl. Er kann Koskys nihilistischem Schluss wenig entgegensetzen. So wohlüberlegt und dramatisch schlüssig seine Tempogestaltung ist, so wenig sinnlich klingt Wagners Musik unter seinen Händen.

Nur einmal gibt es eine beeindruckende Potenzierung von Szene und Musik: Wenn Hagens Mannen als Neonazirotte aus einer überdimensionierten Kiste quellen, verstärken sich Koskys sehr präzise Personenführung und Bosics brachiale Klangvorstellung zu einer überwältigenden Demonstration der Brutalität. Dass es hier gelingt, spricht für die Qualität des Orchesters, das mit kraftvoll zubeißendem Blech und fülligen Streichern ein Potenzial hat, das an diesem Abend nicht immer abgerufen wurde.

Die Sänger dagegen bewegten sich nicht selten an der Grenze ihrer Möglichkeiten: Robert Künzli, dessen stählender Heldentenor der Siegfried-Partie durchaus gewachsen ist, leistete sich zu oft rhythmische Unsicherheiten, während Brigitte Hahns an sich wohltönende Stimme den kräftezehrenden Herausforderungen einer Brünnhilde nicht ganz gewachsen ist. So ist Albert Pesendorfer als Hagen der herausragende Sänger der Produktion. Monika Walerowicz bewährt sich in der musikalisch dankbaren Rolle der Waltraute, ebenso Brian Davis als angemessen sinistrer Gunther und Kelly God als seine Schwester Gutrune.

Am Ende gab es große Zustimmung für alle Musiker, Beifall und viele Buhrufe für das Regieteam.

Wieder am 18. Juni und – im Rahmen der ersten zyklischen „Ring“-Aufführung – am 3. Juli. Karten: 0511-99991111.

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