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„Die Ukraine hat selbst zu entscheiden“

Andrej Kurkow im Literaturhaus „Die Ukraine hat selbst zu entscheiden“

Unaufgeregt wirkt der ukrainische Autor beim Auftritt im Literaturhaus Hannover, so, als könne ihn so leicht nichts aus der Ruhe bringen. Kurkow redet bedächtig, und viele seiner Sätze enden mit einem kleinen Witz, einer ironischen Bemerkung.

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Andrej Kurkow liest aus "Ukrainisches Tagebuch. Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protests." im Literaturhaus in der Sophienstraße.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Entspannt geht Andrej Kurkow Richtung Podium. Über der rechten Schulter hat er einen Rucksack hängen, seine Kleidung ist sportlich-unauffällig. Unaufgeregt wirkt der ukrainische Autor beim Auftritt im Literaturhaus Hannover, so, als könne ihn so leicht nichts aus der Ruhe bringen. Kurkow redet bedächtig, und viele seiner Sätze enden mit einem kleinen Witz, einer ironischen Bemerkung.

Manchmal federn Kurkows Witze das, was er über die Situation in der Ukraine sagt, ab; manchmal erkennt der Besucher erst mit etwas Verzögerung eine gewisse Bitterkeit in den Sätzen. Der 53-Jährige ist ein großer Satiriker, das merkt man auch bei der Lesung aus seinem gerade veröffentlichten Roman „Jimi Hendrix live in Lemberg“. Da treffen auf einem Friedhof der westukrainischen Stadt unterschiedliche Gestalten aufeinander – ein gealterter Hippie etwa und ein ehemaliger KGB-Agent. Früher waren sie erbitterte Gegner, doch beide verehren eben Jimi Hendrix. Der ehemalige Geheimdienstmann soll einst sogar eine Hand des toten Musikers nach Lemberg geschmuggelt haben. Eine Reliquie des Gitarrengotts.

Das klingt – für kurkowsche Verhältnisse – gar nicht mal besonders bizarr. In seinem Debütroman „Picknick auf dem Eis“, der im Original 1996 erschienen ist, lebt ein erfolgloser Journalist mit einem Pinguin zusammen. In „Jimi Hendrix live in Lemberg“ erzähle er „über die Zeit um 2011, die Zeit einer stabilen Ukraine“, sagt Kurkow auf Deutsch. Er spricht sechs Sprachen, darunter Japanisch, und zwei bis drei weitere könne er gut verstehen, sagt er im Gespräch mit NDR-Redakteur Joachim Dicks.

„Ich bin Russe, doch kein Russländer“

Der Zustand der Ukraine – das ist Kurkows Thema in all seinen Büchern. Er ist Russe, 1961 im heutigen Sankt Petersburg geboren, hat aber nahezu sein gesamtes Leben in Kiew verbracht: „Ich bin Russe, doch kein Russländer.“ Gemeint ist damit: Er hat und will keinen russischen Pass, er geht auf Distanz zu dem Land, in dem seine Bücher nicht erscheinen dürfen. Und er gehört zu den schärfsten Putin-Kritikern der Ukraine. Putin geriere sich wie ein Zar, sagt Kurkow, und die Russen ließen das zu, würden ihn bis zu seinem Lebensende gewähren lassen. Die ukrainische Tradition sei anders: „Da wählt man einen Präsidenten, um ihn dann sofort zu hassen.“

Die Geschichte der Ukraine und die Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew schildert Kurkow in dem vor einigen Monaten veröffentlichten „Ukrainischen Tagebuch“. Die Aufzeichnungen beginnen am 21. November 2013 – dem Tag, als die Proteste gegen den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch einsetzten, der sich – auf Druck Moskaus – einer stärkeren Anbindung des Landes an den Westen verweigerte und das geplante Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterschrieb. Das Buch endet am 24. April 2014.

Der Autor erzählt von Vorgängen auf dem Maidan und Erlebnissen auf Reisen durch das Land ebenso wie von seinem Familienleben. Mit seiner Frau, einer Britin, und drei Kindern lebt er im Zentrum Kiews.

„Die Ukraine hat selbst zu entscheiden, wohin sie gehört“, sagt Kurkow in Hannover – das sei nicht die Entscheidung Moskaus. Von Europa jedoch wirkt er enttäuscht, ohne es eindeutig auszusprechen. „Ist Demokratie für Europa wichtig?“, fragt er und spricht über den Handel europäischer Länder mit Russland und China, „oder ist für Europa die Ökonomie wichtiger? Das bleibt ohne Antwort.“

In seinem „Ukrainischen Tagebuch“ gibt es humorvolle Passagen. „Plötzlich wird unser Land noch zivilisiert“, schreibt Kurkow, „in den Dorfpostfilialen wird jetzt kein Wodka mehr verkauft.“ Doch das Buch zeigt auch seine Sorgen, seine Ängste. „Ich bin innerlich wie gelähmt“, heißt es an einer Stelle.

„Die Mentalität der Leute dort ist anders“

Zurzeit, sagt er, laufe das tägliche Leben ganz normal – bis auf die Situation in der östlichen Donbass-Region, wo moskautreue Separatisten für die Abspaltung von der Ukraine kämpfen. „Das patriotische Chaos ist weit weg von Kiew“, sagt Kurkow. Der Donbass ist für ihn fast ein anderes Land: „Die Mentalität der Leute dort ist anders, sie haben eine russische Mentalität.“ Damit meint er, dass sie machen, was man ihnen vorschreibt. „Jeder Ukrainer hingegen ist ein Individualist.“ Dafür spreche auch, dass in dem Land 184 Parteien registriert seien. Mit dieser Zahl übertreibt Kurkow – ganz Satiriker – dann doch etwas.

Was er sich für die nahe Zukunft wünsche, fragt der Moderator. Konkret beantwortet Andrej Kurkow die Frage nicht. Doch er sagt, dass seinem Land wegen des Streits zwischen Moskau und Kiew über Gaslieferungen ein harter Winter bevorstehe – „wir müssen jetzt russisches Gas secondhand in Polen und Rumänien kaufen“.

Secondhand-Gas: Das ist eine typische Kurkow-Wortschöpfung. Sie klingt witzig, doch die Tatsachen dahinter sind ziemlich ernst.

■ Andrej Kurkow: „Jimi Hendrix live in Lemberg“. Diogenes. Deutsch von Sabine Grebing und Johanna Marx. 416 Seiten, 22,90 Euro. „Ukrainisches Tagebuch“. Haymon. Deutsch von Steffen Beilich. 
280 Seiten, 17,90 Euro.

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