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"Wir wollen der Welt zeigen, wie gut wir sind"

Andrew Manze im Interview "Wir wollen der Welt zeigen, wie gut wir sind"

Andrew Manze ist seit 2014 Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie. Im HAZ-Interview spricht der 51-Jährige über den neuen Ehrgeiz der NDR Radiophilharmonie und seine Konsequenzen aus dem Brexit.

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Andrew Manze ist seit 2014 Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie. 

Quelle: Krajinovic

Herr Manze, wie haben Sie als britischer Staatsbürger den Brexit-Entscheidung in den vergangenen Wochen verarbeitet?

Das war wirklich ein Schock. Und das ist es noch immer: Es ist ja weiter völlig unklar, was jetzt in England passieren wird. Und auch Europa hat sich noch nicht besonders klar positioniert. Ich bin sehr besorgt, aber wir müssen wohl einfach abwarten, was passiert. Ich bin aber sicher, dass das eine sehr schlechte Entscheidung war.

Glauben Sie, dass der Brexit auch für Sie persönlich und Ihre Karriere Folgen haben wird?

Natürlich, viele englische Musiker müssen jetzt überlegen, ob sie nicht ihre Staatsbürgerschaft ändern sollten, falls es schwierig werden sollte, weiter international zu arbeiten. Für mich ist es nicht nur wegen der Aufgabe in Hannover extrem wichtig, frei in Europa arbeiten zu können. Darum denke auch ich gerade intensiv über einen Wechsel der Nationalität nach.

Zur Person

Andrew Manze ist seit 2014 Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie. Der 51-Jährige hat zunächst als Geiger und Leiter von Alte-Musik-Ensembles Karriere gemacht, bevor er 2006 in Helsingborg zum ersten Mal Chef eines Sinfonieorchesters wurde. Manze lebt mit seiner Familie in Stockholm. In Hannover startet er jetzt unter dem Motto „Stars and Stripes“ mit den „Hannover Proms“ und den Solisten Angel Blue (Sopran) und Makoto Ozone (Klavier) in die neue Spielzeit. Das Konzert am Sonnabend, 10. September, im Kuppelsaal ist ausverkauft, für die Generalprobe am Freitag, 9. September, gibt es noch wenige Karten unter Telefon (05 11) 27 78 98 99. Im Stadtpark ist am Sonnabend eine Videowand aufgestellt, auf der rund 5000 Besucher eine kostenlose Übertragung aus dem Kuppelsaal sehen können. 

Für welche Nationalität würden Sie sich denn entscheiden?

Das Naheliegendste ist für mich Schweden, weil ich dort ohnehin schon länger als zehn Jahre lebe. Deutschland wäre aber auch eine Option, wenn ich die Sprache bald etwas besser lerne.

Wir können ja schon bisschen anfangen: Was sind die verrücktesten Wörter, die Sie hier im vergangenen Jahr gelernt haben?

Eines der ersten Wörter, die ich gelernt habe, war „Aschenbecher“. Dabei habe ich in meinem ganzen Leben nicht geraucht. Sonderbar. Aber mein Deutschbuch hat das eben so vorgesehen.

Sie gehen jetzt in ihr drittes Jahr in Deutschland. Die Beziehung zwischen Ihnen und der Radiophilharmonie gilt als Liebesgeschichte. Aber mal ehrlich: Wird es nicht langsam auch mal langweilig?

Wir haben unsere Flitterwochen gehabt, das ist richtig. Und es war wunderbar. Aber jetzt müssen die ernste, harte Arbeit erledigen. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich aber schon bisher viel mehr Probleme in der Zusammenarbeit erwartet. Es gibt natürlich noch offene Fragen. Aber die können wir gemeinsam angehen. Ich fühle mich dabei wie ein Teil des Orchesters und nicht als Außenstehender. Das läuft wirklich gut.

Was sind das für offene Fragen?

Aus der Innenperspektive betrachtet geht es zum Beispiel um den Klang des Orchesters und die Akustik im Sendesaal. Wir arbeiten an einer neuen Sitzordnung, die Verbesserungen bringen könnte, und wir werden vielleicht auch baulich etwas am Podium verändern. Mindestens so wichtig ist jetzt aber die Außensicht. Wenn ich Menschen außerhalb Hannovers und Norddeutschlands erzähle, dass ich für den NDR arbeite, sagen sie: Ah, Hamburg! Sie denken an das NDR Elbphilharmonieorchester. Ich muss also erst erklären, dass es in Hannover noch ein weiteres Orchester des Senders gibt. Darin liegt eine große Herausforderung: Wir wollen der Welt zeigen, wie gut wird sind. Natürlich ist das Orchester in Hamburg berühmter, weil es eine so große Geschichte hat. Aber inzwischen sollte Hannover auf dieselbe Weise wahrgenommen werden.

Wie wollen Sie das erreichen?

In der vergangenen Spielzeit waren wir beispielsweise in Salzburg, wir haben im berühmten Wiener Musikverein gespielt und auch andere Städte bereist. Dabei konnten wir die Zuhörer noch mit der Qualität aus Hannover überraschen. Jetzt unternehmen wir außer den regulären Abstechern in Norddeutschland, die immer sehr schön sind, eine große Tournee nach China und Südkorea. Wenn man die Orchester sieht, die solche Asienreisen unternehmen – das sind wirklich die allerbesten. Wir sind also schon einmal in guter Gesellschaft. Wir wollen auch betonen, dass Hannover eine Unesco City of Music ist. Wir nehmen zum Beispiel Kontakte zu anderen Städten auf, wie jetzt in Korea. Das kann helfen, international bekannter zu werden. Eine weitere Möglichkeit, den Namen des Orchester um die Welt reisen zu lassen, sind CD-Aufnahmen. Das geht jetzt erst richtig los: Im Herbst erscheint unsere Aufnahmen der Mendelssohn-Sinfonien, und wir werden jetzt weitere Werke aufnehmen.

Sie fordern das Orchester gern heraus und sicher auch sich selbst: Wenn man einen Blick auf die Programme der neuen Spielzeit wirft: Vor welchen Stücken haben Sie am meisten Respekt?

Die neunte Sinfonie von Anton Brucker wird schon etwas Besonderes. Ich habe zwei Sinfonien von ihm in den vergangenen Jahren gemacht. Ich liebe seine Musik, aber es ist nicht ganz einfach, einen frischen Blick darauf zu bekommen. Außerdem haben wir anspruchvolle Solisten. Gleich im September etwa spielen wir das Beethoven-Violinkonzert mit James Ehnes. Er ist meiner Meinung nach einer der besten Geiger der Welt. Und dann kommt der Pianist Francesco Piemontesi, der lange in Hannover gelebt hat. Ich arbeite sehr eng mit ihm zusammen, jetzt machen wir hier zum ersten Mal Brahms. Hannover kann stolz darauf sein, die musikalische Heimat von solchen Musikern zu sein. Und es ist eine tolle Aufgabe für uns, sie hierher zurückzubringen.

Vor ein paar Wochen haben Sie in der Hollywood-Bowl das Los Angeles Philharmonic Orchestra dirigiert. Konnten Sie jetzt für die „Hannover Proms“ ein bisschen amerikanische Lebensart nach Hannover mitbringen?

Ich denke schon. Es hat Spaß gemacht, die Atmosphäre in Hollywood zu erleben. Wir haben ein paar amerikanische Klassiker im Programm: Das ist ein neues Repertoire für mich und das Orchester, ein ganz neuer Stil. Ich hoffe, wir können die typisch amerikanische Lebendigkeit in dieser Musik hörbar machen.

Eine der Solistinnen dabei wird die Sopranistin Angel Blue sein. Oberbürgermeister Stefan Schostok hat sich „Carmen“ für das nächste Klassik-Open-Air am Maschpark gewünscht. Wäre Angel Blue nicht eine Idealbesetzung für diese Partie?

Sie ist eine fantastische Persönlichkeit und ungeheuer präsent auf der Bühne. In den nächsten Tagen wird die Besetzung zusammengestellt, und ich bin sicher, dass man dabei an Angel Blue denkt. Allerdings ist sie inzwischen international so gefragt, dass man nicht wissen kann, ob wir sie überhaupt noch einmal engagieren können. Aber ich denke, dass Hannover seit ihrer „La Boheme“ vor zwei Jahren ein besonderer Ort für sie ist. Ich bin also optimistisch, dass es klappt, sicher sagen kann ich es aber nicht.

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