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„Man muss die Wut umwandeln“

Anna Loos und "Silly" „Man muss die Wut umwandeln“

Anna Loos und ihre Band Silly treten am Dienstagabend im Capitol in Hannover auf. Im Interview sprechen sie über Botschaften ans eigene Publikum – wenn darunter AfD-Wähler sind.

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Gut aufgelegt: Ritchie Barton, Anna Loos, Jäcki Reznicek und Uwe Hassbecker – die Mitglieder der Band Silly (von links).Foto: dpa

Quelle: Jens Kalaene

Zu DDR-Zeiten waren Silly darin geübt, Botschaften verpackt zu verbreiten: „Zwischen den Zeilen“ heißt ein Lied des aktuellen Albums. Sollten sich Künstler auch heute in dieser Kunst üben, um einen Shitstorm zu vermeiden?

Anna Loos: Nein, damals war die metaphernreiche Sprache nötig, weil man sonst gar nichts erzählen durfte. Heute darf man hingegen fast alles sagen. Nur hören einem die Leute nicht mehr so gut zu. Sie nehmen sich nicht die Zeit, so eine Sprache zu entschlüsseln. Wenn man nicht emotional und vielleicht auch direkt textet, verstehen sie einen nicht.

Uwe Hassbecker: Das ist auch nur die halbe Wahrheit. Wir hatten auch plakative Aktionen. Ich erinnere nur an die Resolution der Rockmusiker und Liedermacher 1989. Damals ging der Shitstorm von der Partei- und Staatsführung aus.

Was steht heute zwischen den Zeilen?

Anna Loos: Wir leben in einer Welt, in der wirklich viel geredet wird. Vor allem vor Wahlen. Das Interessante ist da heutzutage, das Wahre vom Unwahren zu trennen. Alle reden über die Flüchtlingsproblematik. Aber keiner redet darüber, dass die Leute hier der Gesellschaft aus ganz anderen Gründen abhandenkommen.

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Silly treten am 1. November um 20 Uhr im Capitol auf. Karten im HAZ-Ticketshop unter (05 11) 12 12 33 33.

Aber erreichen AfD und Pegida nicht gerade mit dem Flüchtlingsthema viele?

Anna Loos: Ich persönlich glaube, dass sich diese Menschen einfach zurückgelassen fühlen: von den Politikern, die sie eigentlich gewählt haben, damit sie sie vertreten. Die Leute haben Angst zu verlieren, was sie sich aufgebaut haben - dass der Spruch „Unseren Kindern soll’s mal besser gehen“ nicht mehr zutrifft. Würde man sie mal fragen, was sie dazu bringt, AfD zu wählen, bekäme man noch andere Antworten als nur das Flüchtlingsthema. Ich glaube, es steckt eher ein Ohnmachtsgefühl gegenüber den Volksparteien dahinter.

Sie singen von einem „Wutfänger“, der ähnlich einem Traumfänger den Hass auffängt. Wie ließe sich so etwas in der Realität erreichen?

Anna Loos: Es reicht nicht, die Wut aufzufangen, man muss mit ihr umgehen. Man kann eine Energie, die existiert, und Wut ist eine große Energie, nicht einfach kaputt machen, sondern man muss sie umwandeln. Dafür muss man verstehen, woher sie kommt. Genauso wie man an die Gründe gehen muss, warum es überhaupt so viele Flüchtlinge auf der Welt gibt. Man muss sich weniger um die Symptome kümmern, als um die Ursachen, wie es gute Mediziner tun.

Angesichts Ihrer Popularität kann man davon ausgehen, dass mancher Fan den Spagat hinkriegt, beim Frühstück die „Wutfänger“-Platte zu hören und dann AfD zu wählen oder mit Pegida zu marschieren.

Anna Loos: Darüber machen wir uns tatsächlich Gedanken, ja. Aber wir haben in den vergangenen Monaten wieder gemerkt, dass dieser ganze Promo-Zirkus, in dem man als Band heutzutage die Mechanismen bedient, sehr oberflächlich ist. Wenn wir als Silly sagen, die AfD ist keine Alternative für Deutschland, steht da zwar natürlich ganz viel Gedankengut dahinter - aber das dringt fast nie durch. Vielleicht macht man als Band am besten einfach nur Musik, da steckt eigentlich alles drin. Immerhin haben wir uns ja zwei Jahre lang überlegt, wie die Songs klingen und was die Texte sagen sollen.

2016 ist das Jahr, in dem Anna Loos zehn Jahre Silly-Sängerin und der Tod der früheren Frontfrau Tamara Danz 20 Jahre her ist. Wie kommt Ihnen heute die Zeit zwischen 1996 und 2006 ohne Silly vor?

Jäcki Reznicek: Ritchie, Uwe und ich - wir hatten immer Kontakt. Dann haben wir in der Band von Joachim Witt gespielt und in der Jump-Arena-Band, bevor es wieder mit „Silly und Gästen“ losging.

Ritchie Barton: Wir haben nicht faul rumgesessen, sondern Uwe und ich haben im Studio vornehmlich andere Bands produziert, jüngere Gruppen, aber auch gestandene wie Karat, Gundermann, City. Joachim Witt verhalf uns zu den ersten Stepp auf die Bühne, da waren wir ihm sehr dankbar. Das war vier Jahre nach Tamaras Tod. Eine Einladung zum 15-jährigen Bestehen des Musikverlags Buschfunk war dann die Initialzündung, dass es mit Silly weiterging.

Uwe Hassbecker: Ich würde sagen, die Zeit ohne Silly war eine ziemlich verzweifelte Zeit. Eine Zeit auf der Suche nach einem Neuanfang, auf der Suche nach uns selbst. Außerdem hat es lange gedauert, Tamaras Krankheitsgeschichte und ihren Tod überhaupt zu verarbeiten. Ein Glück, dass wir zu uns selbst zurückgefunden haben.

Sie haben Ihre Tour im Osten begonnen und starten erst mit Ihrem heutigen Auftritt in Hannover im Westen. Ist es 2016 für eine Berliner Band mit ostdeutschen Wurzeln noch anders, ob sie im Osten oder Westen spielt?

Uwe Hassbecker: Das Wesentliche - also die Reaktion des Publikums - unterscheidet sich nicht voneinander. Vielleicht sind unsere alten Songs im Westen nicht ganz so bekannt, aber bei den Liedern, die wir seit zehn Jahren spielen, gehen die Leute überall mit. Der einzige Unterschied sind hier und da die Zuschauerzahlen. Aber das ist nichts Wesentliches.

Anna Loos: Mittlerweile haben wir auch in den Weststädten ein Stammpublikum, wenn auch nicht in allen. In Süddeutschland müssen wir noch ein bisschen Aufbauarbeit leisten.

Interview: Mathias Wöbking

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