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Annenmaykantereit füllen die Swiss-Life-Hall

Ausverkauftes Hannover-Konzert Annenmaykantereit füllen die Swiss-Life-Hall

Sie sind längst kein Geheimtipp mehr: Die vierköpfige Band aus Köln mit dem sperrigen Namen Annenmaykantereit ist auf Tour mit einem neuen Livealbum im Gepäck - in Hannover spielten sie vor einer ausverkauften Swiss-Life-Hall das bisher größte Konzert ihrer Tournee.

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Erst vor sechs Jahren gründete Henning May mit Christopher Annen und Severin Kantereit diese Band mit jenem unbequemen Namen, damals waren sie noch Schüler. 

Quelle: Heusel

Hannover. Als diese Stimme das erste Mal vor ungefähr drei Jahren auftauchte, war sie bereits über jeden Zweifel erhaben: Da war diese Mischung aus Tom Waits und Rio Reiser, mit einer Dringlichkeit und irren Rauheit. Die Stimme gehört jedoch nicht einem lebensklugen, welterfahrenem Mann, sondern dem inzwischen 24-jährigen Henning May. Er ist Sänger der Band Annenmaykantereit, die am Dienstagabend vor ausverkaufter Swiss-Life-Hall spielt.  

Volles Haus: Annenmaykantereit spielten in der ausverkauften Swiss-Life-Hall.

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Und stimmlich leitete bereits der Support Act Olivier St. Louis den Abend beeindruckend ein: Mit Hipster-Bart und Pharrell-Williams-Gedächtnishut ausgestattet, überrascht er mit  souligen sehr hohen Lagen ebenso wie mit einem samtweich-tiefen Timbre. Das Publikum zeigt sich anerkennend, aber nicht euphorisch. Das ändert sich, als die Jungs von  Annenmaykantereit die Bühne betreten.

Bloß kein Kommerz

So uneitel und lässig sie auf die Bühne in schlichten weißen T-Shirts kommen, so sehr ist das Publikum bereits berauscht bei den ersten Takten von "Wohin du gehst". Dann klingt es mal nach Soul, mal nach Rock, mal nach Ska, ist mal gitarrenlastig und mal unterstützt von einer swingigen Trompete, gespielt von Ferdinand Schwarz als Special Guest.

Erst vor sechs Jahren gründete Henning May mit Christopher Annen und Severin Kantereit diese Band mit jenem unbequemen Namen, damals waren sie noch Schüler. Bassist Malte Huck kam zwei Jahre später dazu. Es fing an mit dieser alten Hamburger-Schule-Geste der Verweigerung, bloß kein Kommerz, gerade mal so gab es irgendwann eine selbst produzierte Platte, die längst vergriffen ist. Ab 2013 tingelten sie dann durch Clubs. 

Entspricht dem Zeitgeist einer studentischen Klientel 

Inzwischen sind sie bei Universal unter Vertrag, sie waren im letzten Jahr auf den populärsten Festivals wie dem Hurricane oder dem Highfield, ihre Tour ist ausverkauft, sie füllt die großen Hallen. Ihr sauber produziertes zweites Album "Alles nix Konkretes" ist durchweg mitsingbar, der Name ist Programm - vom Diskursanspruch alter Schule keine Spur. Das macht aber gar nichts, denn es ist andererseits auch nicht dieser belanglose Mainstream-Pop. Die Band spricht etwas an, das dem Zeitgeist einer studentischen Klientel der heutigen Twenty-Thirty-Somethings entspricht: Und dort ist Annenmaykantereit zum breiten Konsens geworden.  

So singen sie: "Und du bist 21, 22, 23, du kannst doch gar nicht wissen, was Du willst" - und die Zuschauer, die mitten in diesem Alter sind oder es gerade um fünf, maximal zehn Jahre verlassen haben, singen berauscht mit. "Und du bist 24, 25, 26, und du tanzt nicht mehr wie früher" - mancher fühlt sich ertappt.

Es geht in ihren Liedern wie "Oft gefragt", "Pocahantos" oder "Neues Zimmer", die sie unterstützt von einem überaus textsicheren Publikum spielen, auch um Altbauwohnungen, "Zwei Zimmer, Küche Bad und ein kleiner Balkon", in denen man mit seiner Liebsten leben möchte. Es geht um Fernbeziehungen und WG-Leben, um Ausbrechen und Heimkommen und irgendwie nicht so richtig Festlegen können. Im Ganzen also diese kleinen Beobachtungen und Regungen, die ihre Fans, diese Generation genau treffen. Es ist ein Publikum, das Konfetti wirft und einzelne Luftballons und entzückt seufzt beim Anblick des Lichterhimmels, der über dem Saal aufgespannt ist.

Und dann kommt ihr wohl größter Hit, "Barfuß am Klavier", und May singt: "Du und ich, wir war'n mal wir / und sind jetzt nichts / du da, ich hier" und dann: "Du und ich, das war zu wenig". Und plötzlich der Gedanke: Vielleicht stehen da vorne doch schon ziemlich lebenskluge  Männer. Und holen die Masse deshalb so gut ab. Frenetischer Applaus, Zugaben. Ein irre gutes Gefühl bleibt.

Von Katharina Derlin

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