Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Ausstellung würdigt Ingeborg und Friedrich Spengelin
Nachrichten Kultur Ausstellung würdigt Ingeborg und Friedrich Spengelin
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:17 03.06.2018
Mit Sägezahnsilhouette –die Kunsthalle Emden, ein Spengelin-Entwurf. Quelle: Schildmann
Anzeige
Hannover

Der Dachfirst liegt mal höher, mal tiefer, die Dachkanten sind daher teils länger, teils kürzer, der Lichteinfall ist mal breiter, mal schmaler. So lässt es sich an der Sägezahnsilhouette der Kunsthalle Emden beobachten, einem der spektakulärsten Gebäude, das auf Entwürfe des Architektenpaares Ingeborg und Friedrich Spengelin zurückgeht.

Die aneinandergereihten Satteldachhälften kennt man von Industriebauten, deren große Flächen mit diesem sogenannten Sheddach gleichmäßig in Tageslicht getaucht werden können. Und weil die Fenster dabei meist nach Norden ausgerichtet sind, werden Schlagschatten und direkte Sonneneinstrahlung vermieden. Diese Vorteile nutzen Ingeborg (1923-2015) und Friedrich 1925-2016) Spengelin bei ihren Entwürfen auch für ganz andere Bauzwecke – und vermeiden dabei durch wechselnde Dachhöhen und gegeneinander versetzte Winkel die Monotonie industriearchitektonischer Uniformität.

Rückhalt bei Gropius und Aalto

Der Abschied vom simplen Satteldach des biederen Siedlungshäuschens, die asymmetrische Dachschräge, das Ringen um Individualität trotz seriellen Bauens – das sind Markenzeichen der Spengelins, die mit Ideen wie dem „wachsenden Haus“ oder den „Häusern im Haus“ zu einem der erfolgreichsten Architektenpaare der jungen Bundesrepublik geworden sind. Viele ihrer Entwürfe demonstriert jetzt eine Ausstellung der Architektenkammer. In chronologischem Aufbau ist darin von den Anfängen des Paares, das nach den Worten von Ausstellungskuratorin Ute Maasberg „die allererste Architektengemeinschaft überhaupt“ bildete, bis zu späteren Entwürfen ein breites architektonisches Spektrum zu erleben.

Das Architektenpaar Ingeborg und Friedrich Spengelin ist vor allem wegen seiner Entwürfe für den Wohnungsbau höchst aktuell –und wird dafür von der Architektenkammer Niedersachsen mit einer Ausstellung gewürdigt

Spektakulär ist ein Entwurf für den Wiederaufbau Berlins, mit dem Friedrich Spengelin 1958 den „Wettbewerb Hauptstadt Berlin“ gewonnen hat – eine für das Areal vom Brandenburger Tor über den Dom bis zu Rotem Rathaus und Alexanderplatz vorgesehene Stadtplanungsskizze, die freilich wegen der deutschen Teilung nicht realisiert wurde. Immerhin, in der Jury saßen Architekturgrößen wie Walter Gropius, Pierre Vago und Alvar Aalto, ein gewaltiger Renommeegewinn also für den jungen Architekten.

Umso beachtlicher ist es, dass die Spengelins sich vor allem dem Wohnungsbau gewidmet haben – mit Entwürfen, die, nach Anfängen in Hamburg, auch in ihrer späteren Wahlheimat Hannover realisiert worden sind, wo Friedrich Spengelin 1961 Hochschullehrer wurde. In Hamburg waren es Wohnsiedlungen, in denen sich locker gruppierte und gegeneinander versetzte Reihenhäuser mit Mehrfamilienhäusern mischten, in Hannover haben beide in den Fünfzigerjahren zur „ECA-Siedlung“ in Mittelfeld beigetragen und das 1980 fertiggestellte Zentrum Roderbruch entworfen. Und dazwischen, 1965, ist eine Dachüberbauung entstanden, die wohl jeder kennt: die kupfergedeckte Stahlaufstockung des ältesten Unigebäudes am Königsworther Platz, wo früher die Architekturstudenten untergebracht waren, wiederum mit einer lichtspendenden Sheddachreihe.

Wohnungsbau im Zentrum

Aufgreifen der seriellen Bauweisen aus der Architekturavantgarde der Zwanzigerjahre, verdichtete Stadtplanung ohne monotone Containerarchitektur, große Grünflächen und ebenso große Variabilität – mit solchen Akzenten sind die Spengelins vor allem Wohnungsbaumeister geworden. „Statt des eintönigen Flächenfraßes in Vorstadtsiedlungen ein auf Effizienz ausgerichtete Wohnungsbauarchitektur“, konstatiert Ute Maasberg, „es ist wirklich höchst aktuell, was dieses Architektenpaar schon in den Sechziger- und Siebzigerjahren im Angebot hatte.“

Die Ausstellung zeigt viele nicht nur Entwürfe für Hannover und Hamburg, sondern auch für Buxtehude und Eckernförde. Auf Helgoland gehen Rathaus, Musikpavillon und Haus der Jugend auf Spengelin-Entwürfe zurück, für die Westhagen-Siedlung in Wolfsburg haben die beiden „Häuser im Haus“ entworfen, Bauformen, die Vorteile des Einzelhauses mit denen verdichteten Wohnens vereinen.

Architektur, ganz variabel

Ute Maasberg hat das Material für diese Ausstellung nicht nur in Archiven gesammelt, sie präsentiert mit Unterstützung von Barbara Spengelin, der Tochter des Paares, auch Exponate aus dem Nachlass und anderen Leihgebern. Darunter sind Fotos, Aquarelle und Schmuckstücke, die teils von Ingeborg Spengelin, teils von Eske Nannen angefertigt wurden – der Witwe des einstigen „Stern“-Herausgebers Henri Nannen, der seiner Geburtsstadt Emden eben auch die Kunsthalle gestiftet hat.

Und zu sehen ist auch ein Entwurf des „wachsenden“ Spengelin-Wohnhauses in Hamburg-Flottbek, das zwischen den Fünfziger- und den Siebzigerjahren von 64 auf 203 Quadratmeter Fläche wuchs, erst damit die Kinder der Familie eigene Zimmer hatten, dann um mehr Arbeitsfläche im gemeinsamen Architekturbüro zu schaffen. So flexibel, so variabel kann Architektur sein.

Ingeborg und Friedrich Spengelin. Bis 27. Juli in der Architektenkammer Niedersachsen, Friedrichswall 5.

Von Daniel Alexander Schacht

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Eine Lesung als Show: Otto Waalkes war am Fronleichnamsvorabend (30. Mai) in der Braunschweiger Buchhandlung Graff. Und brachte sich als König der Comedy in Erinnerung.

31.05.2018

Schrulliges aus England:In der Komödie „Tanz ins Leben“ (Kinostart am 31. Mai) liegen Lebenslust und Tod ganz nah beieinander.

31.05.2018

Über zehn Jahre ist es her, dass Blumfeld ihre Auflösung bekannt gaben. Für eine Love Riots Revue Tour stehen sie nun an zehn Orten wieder gemeinsam auf der Bühne – so auch im Musikzentrum Hannover.

02.06.2018
Anzeige