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Nachrichten Kultur Arno Geiger liest im Literaturhaus aus seinem Roman
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00:36 25.03.2018
Arno Geiger  im Literaturhaus. Quelle: Villegas
Hannover

 Schalkhaft grinst Arno Geiger, als die Moderatorin und HAZ-Redakteurin Martina Sulner ihn als „Publikumsliebling“ vorstellt. In seinen Beinen macht sich diese Unruhe breit, die sich manchmal in die Beine schlacksiger Menschen schleicht.

Zum fünften Mal in den vergangenen zehn Jahren ist Geiger nun schon Gast im Literaturhaus. Auch dieses Mal ist der Raum in der Sophienstraße gerammelt voll. Geiger liest aus seinem aktuellen Roman „Unter der Drachenwand“, in dem es um den Wehrmachtssoldaten Veit Kolbe geht, der im österreichischen Ort Schwarzindien am Mondsee – wiederum an der Drachenwand gelegen – eine Frontverletzung auskuriert. Diese Ich-Erzählung kontrastiert Geiger mit Tagebucheinträgen und Briefen etwa eines österreichischen Juden oder Briefen einer Darmstädterin, die mit Kolbe zusammen am Mondsee gelandet ist. Erst durch diese Kontrastierungen, sagt Geiger, bekämen er und der Leser „ein dreidimensionales Bild vom Krieg.“

Die Unruhe in den Beinen Geigers verfliegt, als er beginnt zu lesen, es schleicht sich eine große Ruhe ein, die sicherlich auch etwas mit dem schleppenden Österreichisch in seiner Stimme zu tun hat. Schon bei der ersten Passage, die Geiger liest, eine Schilderung von Veit Kolbes Schlafproblemen und seinem Versuch, die „harte Kriegshaut“ abzulegen, wird klar, was die große Qualität von Geigers Literatur ist: Die Empathie. Der Autor schürft tief in den emotionalen Welten seiner Figuren, fühlt in ihrem Alltag mit ihnen, und macht sie dadurch plastisch. Martina Sulner versucht mit zurückgenommener Moderation und präzisen Fragen dieser Empathie – die den Roman im Kern ausmacht – auf die Spur zu kommen. 

„Literatur“, sagt Geiger im Gespräch, „ist der große Freund des Individualismus“. Er versuche, sich so nahe wie möglich an und in seine Figuren zu begeben. „Wie mache ich das“, sagt Geiger, „dass ich den Moment des Krieges hinkriege?“ Geiger gibt sich gleich selbst die Antwort: „Ich habe versucht, so wenig Sachbücher wie möglich zu lesen“. Vielmehr hätte er für die Recherche eine große Mengen an Korrespondenz und Tagebüchern aus der Zeit gelesen. So sei Veit Kolbes Denken - ein leicht naives, fast schon sachliches Tasten nach den Schrecken in seinem Unterbewusstsein und einem Leben ohne Krieg - zwar keinem bestimmten, existierenden Wehrmachtssoldaten nachempfunden. Kolbe sei eine fiktionale Figur, die der Autor aus vielen unterschiedlichen, persönliche Schilderungen des Krieges als „typische“ Figur zusammengesetzt hat. Dennoch sei „Unter der Drachenwand“ kein historischer Roman. „Ich wollte einen Roman schreiben“, sagt Geiger, der uns auch heute noch etwas sagt“.

So ist in „Unter der Drachenwand“ der Krieg selbstverständlich immer da, für die Figuren des Romans oft als unerträglich lautes Hintergrundrauschen – was auch da ist, ist das normale Leben der Menschen, das Weinen, Lachen, das Lieben, die Angst und die Freude, Normalität, die inmitten des Schreckens versucht wird aufrecht zu erhalten. 

Die anderen beiden Passagen, die Geiger liest – eine tagebuchartige Schilderung von der Flucht des Juden Oskar Meyer in Budapest und eine charmant-ereignislose Liebesgeschichte zwischen Veit Kolbe und seiner Zimmernachbarin – zementieren den Eindruck, dass der Autor sich geradezu wahnwitzig tief in seine Figuren einfühlt. „Man kann alles über die Zeit erfahren, wenn man will. Aber den emotionalen Raum dieser Zeit zu öffnen, das ist die große Herausforderung.“ Es ist Geiger gelungen, diesen emotionalen Raum in seinem Roman zu öffnen – und selbstverständlich auch, dem großen Applaus nach zu urteilen, mit dem er im Literaturhaus verabschiedet wird, seinem Status als „Publikumsliebling“ gerecht zu werden.  

Die nächsten Veranstaltungen im Literaturhaus: Am 27. März liest Magriet de Moor aus ihrem Buch „Von Vögeln und Menschen“, am 5. April liest Wolfram Eilenberger aus „Zeit der Zauberer“. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Karten unter: 0511 / 16 84 12 22

Von Jan Fischer

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