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Die Führerauswahl

Hitlers Kunstgeschmack Die Führerauswahl

Wie besessen Hitler von Kunst war, wurde spätestens 1938 deutlich, als er einen Staatsbesuch in Italien zur Kunstreise umfunktionierte. Ein neues Buch dokumentiert die Maßlosigkeit des NS-Kunstraubes.

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Aus Hitlers Gemäldesammlung: Arnold Böcklins rätselhafte „Toteninsel“ aus dem Jahr 1883 (hier in einer Ausstellung im Kunstmuseum Basel).

Quelle: dpa

Hannover. Wie besessen Hitler von Kunst war, wurde spätestens 1938 deutlich, als er einen Staatsbesuch in Italien zur Kunstreise umfunktionierte. Die Meisterwerke aus Renaissance und Barock in der Galleria Bor-ghese luden Hitler zum Verweilen und Kommentieren ein. Mussolini und sein Gefolge setzten sich nach einer Weile ermüdet ab. In den Uffizien in Rom kannte die Begeisterung des gescheiterten Kunststudenten keine Grenzen mehr. Viele Male soll sich Hitlers Bewunderung in einer Art Röcheln aus tiefster Kehle geäußert haben.

Der Uffizien-Besuch sei für den NS-Führer ein Schlüsselerlebnis gewesen, schreibt die in Wien lebende Kunsthistorikerin Birgit Schwarz in ihrem Buch „Auf Befehl des Führers. Hitler und der NS-Kunstraub“, das Licht auf den größten organisierten Kunstraub aller Zeiten wirft. Die erste große Trophäe Hitlers war die Wiener Rothschild-Sammlung. Im Rothschild-Palais in der Prinz-Eugen-Straße hingen Hunderte Gemälde, darunter galant-frivole Werke französischer Maler des 18. Jahrhunderts wie François Boucher. Auf diese griff Hitler zu. Es musste also keineswegs immer „germanische Geniekunst“ sein.

Schon in seiner Münchener Zeit hatte Hitler damit begonnen, eine private Kunstkollektion aufzubauen. Der Bestseller „Mein Kampf“ hatte ihn zum Millionär gemacht, einen erheblichen Teil des Geldes steckte er in die Kunst. Die erste Erwerbung soll eine Zeichnung Arnold Böcklins gewesen sein. Böcklins monumentaler „Kentaurenkampf“ (heute verschollen) schmückte Hitlers Münchener Speisezimmer, die rätselhafte „Toteninsel“ (heute in der Alten Nationalgalerie Berlin) hing in seiner Berliner Residenz.

„Hitlers private Gemäldesammlung war nicht so schlecht wie ihr Ruf“, schreibt die Autorin – und zeichnet nach, wie die Mär vom biederen Kunstgeschmack des Menschenschlächters in die Welt kam: Albert Speer, Hitlers Architekt, bemühte sich in seiner zwischen 1946 und 1966 geschriebenen Autobiografie „Erinnerungen“ beflissen um Abgrenzung zum früheren Auftraggeber. Er schrieb diesem eine biedere Vorliebe für Genremalerei zu. Joachim Fest übernahm diese Darstellung in seiner viel gelesenen Hitler-Biografie: „Bezeichnenderweise liebte er allerlei sentimentale Genremalerei in der Art der weinseligen Mönche und fetten Kellermeister Eduard Grützners ... daneben sanfte Kleinleute-Idylle von Spitzweg.“

Hitler verließ sich als Sammler von Kunst nicht nur auf die eigene Kennerschaft, sondern suchte und fand Hilfe: in Hans Posse, dem damaligen Direktor der Dresdner Gemäldegalerie. Posse hatte sich für moderne Kunst stark gemacht, die die Nationalsozialisten als „entartet“ erachteten, und war des Amtes enthoben worden. Hitler stellte den als schlagfertig und sarkastisch geltenden Museumsmann kurzerhand wieder ein. „Er war Hitlers Dämon, der seinen Auftraggeber antrieb und den Kunstraub radikalisierte“, schreibt Schwarz.

Während an der Front und in Konzentrationslagern Menschen massenhaft starben, sorgte sich Hitler immer neurotischer um die Kunst. Die Raubzüge und Ankäufe brachten ein permanentes Unterbringungsproblem mit sich. Allein der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg karrte 1000 Kisten mit fast 22 000 Objekten in 20 Waggons für Hitler herbei. Ein großer Teil der Kunstbeute stammte von enteigneten und oft ermordeten jüdischen Sammlern. Je mehr der Krieg voranschritt, desto größer wurde Hitlers Kontrollwahn. Er holte Konservatoren nachts aus den Betten, um sich zu vergewissern, dass die Kunst in den Bergungsorten ausreichend gesichert sei.

Wenige Stunden vor dem Selbstmord verfügte Hitler, dass seine „im Laufe der Jahre angekauften Sammlungen“ Linz zukommen sollten. Das sei sein „herzlichster Wunsch“. Hitler war offenbar überzeugt davon, dass die Erinnerung an seine Kriege und Verbrechen im Laufe der Zeit verblassen würde, sein Nachruhm als Kunstsammler und Museumsstifter aber noch in fernen Zeiten leuchten werde. Einen Nero-Befehl – zur Kunstvernichtung – erteilte er nie.

Der amerikanische Ankläger beim Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg, Robert G. Storey, sagte nach dem Krieg, die von Hitler erbeutete Kunst übertreffe alle Schätze des New Yorker Metropolitan Museum of Art, des Britischen Museums in Londen, des Pariser Louvre und der Tretjakow-Galerie in Moskau zusammen. Erst allmählich dringt Licht in das dunkle Kapitel des NS-Kunstraubs. Immer wieder gibt es Überraschungen, etwa das Auftauchen von mehr als 1500 Kunstwerken in den Münchner und Salzburger Wohnungen des inzwischen verstorbenen Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt 2013. Oder die Auffindung eines Stahlschranks im Münchener Auktionshauses Neumeister (früher Weinmüller) mit Katalogen von 1933 bis 1945.

Es hatte immer geheißen, Unterlagen der Zwangsauktionen und Arisierungsvorgängen seien im Krieg verloren gegangen. Katrin Stoll, Leiterin des Auktionshauses, veröffentlichte Anfang des Jahres die Unterlagen, mit deren Hilfe Antragsteller Verluste von Familienstücken belegen können.

Birgit Schwarz: „Auf Befehl des Führers. Hitler und der NS-Kunstraub“. Theiss Verlag. 320 Seiten, 29,95 Euro.

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