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00:18 09.01.2016
Von Daniel Alexander Schacht
Bedeutungssuche zwischen Schiller, Einstein und Jean Paul: Ulrich Krempel vor seiner Privatbibliothek. Quelle: Schacht
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Hannover

Wer in diesen Tagen Ulrich Krempel besucht, kann den ehemaligen Direktor des Sprengel-Museums bisweilen auf jene Trittleiter steigen sehen, die ihm den Zugriff auf die höheren Regionen seiner großen Bibliothek gestattet. „Ich unternehme jetzt Lese- und andere Reisen ausführlicher denn je“, sagt Krempel. „In Hannover lese ich Bücher, die zu Zeiten liegen geblieben sind, da ich noch dieses tolle Haus am Maschsee zu lenken hatte – und auch ansonsten reise ich entspannter denn je.“

Soeben ist der 67-Jährige aus Florenz zurückgekehrt, und er erzählt fasziniert von seinem neuerlichen Besuch bei Botticellis „Geburt der Venus“, einem Augenschmaus, den er geradezu als ein Muss schildert. „Wir müssen dorthin gehen, wo sich die Seele erhebt“, sagt der Kunsthistoriker nicht ohne Pathos, „müssen die Originale der Renaissance treffen – denn der Beginn der Neuzeit, der Schritt aus dem Mittelalter heraus, beschäftigt uns bis heute.“

Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass zwischen Krempels Büchern noch über seinem erklärten Idol Jean Paul auch ein Bild von Friedrich Schiller hängt, der ausführlich über Pflicht und Neigung reflektiert hat.

Pflicht, das war für Krempel von 1994 bis 2014, über zwanzig Jahre und zwei Monate hinweg, die Führung des Sprengel-Museums. Damit ging neben Verwaltungsaufgaben auch die Vertretung des Hauses gegenüber der Politik einher. „Die Regierung von Christian Wulff beispielsweise startete 2003 mit einer zehnprozentigen Geldkürzung, das hätte wegen der paritätischen Finanzierung des Hauses durch Stadt und Land eine 20-Prozent-Kürzung bewirkt – was gar nicht so leicht abzuwenden war.“

Zwischen Pflicht und Neigung lagen andere Arbeiten, von der Vorbereitung des Erweiterungsbaus bis zum Ausbau der Sammlung, die in der Ära Krempel um 5000 Kunstobjekte gewachsen ist – darunter Ankäufe für das Schwitters-Archiv, die Schenkung Niki de Saint Phalles, der Nachlass des niedersächsischen Malers Rudolf Jahns sowie wichtige Teile des Nachlasses von El Lissitzky. Für Niki de Saint Phalle ist Krempel 2014 in Paris gewesen und hat zum Katalog der dortigen Ausstellung im Grand Palais („Mit 700 000 Besuchern die größte Niki-Schau aller Zeiten“) beigetragen.

Vollends zur Neigung ist für Krempel die Beschäftigung mit dem russischen Avantgardekünstler Lissitzky geworden. Das Werk Lissitzkys, der in den Zwanzigerjahren mit Sophie Küppers, der Witwe des ersten Direktors der Kestnergesellschaft, von Hannover nach Moskau ging, wird noch lange Gegenstand der kunsthistorischen Forschung sein. Krempel, den die russische Avantgarde schon in seiner Doktorarbeit beschäftigte, hat im Sommer 2015 das erste wissenschaftliche Buch über das Paar Sophie Lissitzky-Küppers und El Lissitzky vorgelegt (Wallstein, 185 Seiten, 24,90 Euro). Dafür hat er monatelang im niederländischen Eindhoven, in Wien und in Moskau recherchiert.

„Es ist nicht so, dass ich einen genauen Plan für meine Zeit nach dem Sprengel-Museum hatte“, sagt Krempel, „aber jetzt kommen doch immer neue Projekte auf mich zu – wobei das Schöne ist: Ich mache nur noch, was ich will.“ Seiner Neigung entspricht ein neues Ausstellungsprojekt, das Krempel in Moskau als Kurator realisieren will. „Für das Jüdische Museum und Zentrum für Toleranz in der russischen Hauptstadt bereite ich eine große Lissitzky-Ausstellung vor, die 2017 und 2018 stattfinden soll.“

Und was treibt Ulrich Krempel, wenn er nicht gerade auf Reisen, sondern in Hannover ist? „Ich bin nicht mehr da, wo ich früher immer anzutreffen war: im Sprengel-Museum.“ Aber eben nur fast: Bei der Eröffnung des Erweiterungsbaus im September war er anwesend. „Das ist ja in gewisser Weise auch ein Abschluss meiner Arbeit – und ich bin natürlich auf die große Sammlungspräsentation gespannt, mit der mein Nachfolger Reinhard Spieler in eine neue Dimension des Ausstellungsgeschäfts vorstoßen kann.“

Doch auch sonst kann man Krempel bisweilen im Sprengel-Museum antreffen, weil er dort im Lissitzky-Konvolut recherchiert. Nicht nur für die große Ausstellung in Moskau, sondern auch für einen kleinen Auftritt in Hannover: Am Sonntag spricht er in der Kestnergesellschaft über deren Anfänge – auf Einladung von Christina Végh. Die neue Direktorin des Hauses eröffnet damit einen Reigen von Veranstaltungen zum hundertjährigen Bestehen der Kestnergesellschaft.

Veranstaltungstipp

Ulrich Krempel hält am Sonntag, 10. Januar, ab 12 Uhr einen Vortrag unter dem Titel „Sophie Küppers – die erste Direktorin der Kestnergesellschaft?“ in der Kestnergesellschaft, Goseriede 11.

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