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Kultur Aus der Dose: Punk ist jetzt elektrisch
Nachrichten Kultur Aus der Dose: Punk ist jetzt elektrisch
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20:13 18.08.2010
Wenn Frittenbude auf der Bühne steht, gibt es Musik rot-weiß. Quelle: Audiolith
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Es gibt diesen Videoschnipsel der bekanntesten deutschen Polit-Punkband Slime von 1983. In einem Osnabrücker Klub voller Graffiti und betrunkener Jugendlicher mit ­Lederkutten und Irokesen-Frisuren schrammelt die Band ihre Amerikakritik herunter und verurteilt die bürgerliche Feierkultur mit „D.I.S.C.O“ gleich mit. Dabei haben die Musiker Mühe, die auf die Bühne gekletterten Fans von den Mikrofonen fernzuhalten. Die Punks schubsen einander, fallen von der Bühne und grölen jede Zeile so laut mit, dass nur noch rhythmischer Krach aus den Boxen dröhnt. Punk eben.

Nach mehr als 15 Jahren Pause hat sich Slime jetzt wiedervereint, und nicht wenige Fans vermuten als Motiv dafür Geldnöte. So ließe sich auch erklären, warum die Band am vergangenen Wochenende auf dem von der Punkszene eigentlich abgelehnten Indie-Festival Dockville in Hamburg spielte. Doch haben die Punkgroßväter von Slime neben den Glaubwürdigkeitsdefiziten demnächst noch ein weiteres Problem: Viele junge Punks hören heute Elektro.

Zeitsprung. Im März dieses Jahres gibt das Elektro-Duo Bratze im Osnabrücker Klub Glanz & Gloria ein Konzert. Die Graffiti fehlen, aber die Bilder ähneln sich. Jugendliche tanzen Pogo zum stampfenden Rhythmus und grölen Zeile um Zeile mit. Der Exzess steht noch immer im Vordergrund, auch wenn die Fans nun keine Irokesenfrisur, sondern Stirnbänder und Brillen in Neonfarben tragen. Elektropunk heißt der entsprechende Stil, der seit ein paar Jahren für volle Hallen sorgt. Auch bei Konzerten der Bands mit eigenartigen Namen wie Egotronic, Frittenbude, Saalschutz und ­Supershirt werden Bühnen von Fans gestürmt und Menschen auf Händen getragen. Die Musiker haben Probleme, ihr Equipment zu retten, und beim diesjährigen Hurricane-Festival in Scheeßel musste das Konzert von Frittenbude abgebrochen werden – der Andrang im Zelt war zu groß.

Die neue Exzesskultur trägt einen Namen: Audiolith. Wohnhaft in Hamburg. Bürgerlich: Lars Lewerenz. Der 33-Jährige betreibt seit 2003 die Plattenfirma Audiolith Records. Er hat in kürzester Zeit einen neuen Dorfpunk-Soundtrack an allen großen Plattenfirmen vorbei geschaffen – und ist damit seit einem Jahr richtig erfolgreich. Von kleinen Jugendzentren in der Provinz bis zu Massendemonstrationen gegen Nazis wie in Dresden: Überall werden Audiolith-Platten gespielt und die Bands des Labels eingeladen. Mittlerweile stehlen sie mit ihren mal politischen, mal kryptischen Sprechgesängen zu schnarrenden Elektroklängen und verzerrten Gitarren auch internationalen Musikern auf Festivals wie dem renommierten Elektrofestival „Melt“ die Show.

Damit hatte Lewerenz selbst nicht gerechnet, als der DJ und gelernte Erzieher vor sieben Jahren seinen Job beim US-amerikanische Label Dim Mak Records aufgab und ein Existenzgründerseminar besuchte. Er erstellte das Konzept Audiolith: Label, Booking-Agentur, DJ-Vermittlung, Verlag, Fanartikellieferant in einem.

„Ich habe einfach viele Freunde, die Musik machen, also habe ich angefangen, sie zu veröffentlichen“, sagt Lewerenz lapidar. Wie man eine Platte macht, wusste er ja. Doch kann er bis heute von den Erlösen allein nicht leben. „Wir verkaufen pro Album nur zwischen 1000 und 2000 Exemplare – aber verdammt viele Label-T-Shirts“, sagt Lewerenz. „Die Leute haben irgendwann sogar angefangen, sich unser Logo zu tätowieren, und ich habe gemerkt: Da gibt es eine sehr große Bindung.“ Die Idee vom Künstlerkollektiv sei bei den Fans angekommen. Der Gesamtzusammenhang verkauft sich besser als der einzelne Künstler.

Die Musik wird vor allem über das Internet verbreitet und in Wohnzimmerstudios aufgenommen. Die Firmenzentrale in Hamburg ist 23 Quadratmeter groß und kostet monatlich 250 Euro Miete. Punk-Attitüde 2010. Die unterscheidet Audiolith-Bands von Proll-Techno-Künstlern wie den Atzen („Das geht ab, wir feiern die ganze Nacht“) – mit denen man nicht so gern verglichen werden möchte.

„Die meisten von uns wurden durch Punk sozialisiert“, erzählt Lewerenz. Er selbst kommt aus einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein und kennt die Probleme der Jugend in der Provinz. „Darum fahren wir auch in abgelegene Ortschaften, um die Jugendlichen vor Ort zu unterstützen“, sagt Lewerenz. Im Frühjahr erst gab er mit drei Labelbands Konzerte in Döbeln, Tannheim-Egelsee und Höhr-Grenzhausen. Antifaschistische Jugendarbeit könnte man meinen.

Dass auf den Partys aber eher exzessiv gefeiert wird als politisch diskutiert, stellt für Lewerenz keinen Widerspruch dar. „Das Feiern gehört dazu“, sagt er. Für viele sei es der Ausgleich zum alltäglichen Leistungsdruck. „Wir nehmen unsere Fans dabei sehr ernst, begegnen ihnen auf Augenhöhe, vermitteln Inhalte auf unsere Weise.“ Das sei Punk, wie er ihn selbst oft in den Kellerklubs vermisst habe. Eben die Offenheit für Fans und den Mut, mit ihnen auszurasten – auch wenn sich der Musikstil dabei ändert. Die Haltung bleibt.

Deswegen macht sich Lewerenz auch keine Sorgen um die Zukunft seines Labels, wenn die Elektropunkwelle einmal verebbt und er – wie Slime heute – wie ein Relikt aus alten Zeiten wirken würde. „Die Audiolith-Künstler sind flexibel und spielen nicht ewig den selben Sound“, sagt er. „Und ich habe noch genug Schnapsideen von Büchern bis Modestrecken“. Lewerenz lacht. So sieht der Punk 2010 aus.

Die Audiolith-Bands Egotronic und Bratze spielen am Sonnabend auf dem Boot Boo Hook-Festival auf dem Faust-Gelände in Hannover.

Jan Sedelies

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