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00:18 05.10.2015
Von Daniel Alexander Schacht
Wo die USA und Kuba vereint werden: „Traumfabrik“ von René Francisco. Quelle: Kunstmuseum Wolfsburg
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Wolfsburg

Drei Messerklingen ragen, von hinten durch die Wand gerammt, bedrohlich ins Museum. Zwei Christbaumkugeln hängen von jeder der Klingen herab, auf denen die Schriftzüge Nina, Pinta und Santa Maria prangen. So minimalistisch und martialisch zugleich rechnet der in Uruguay aufgewachsene Künstler Luis Camnitzer mit Kolonialismus und Imperialismus, Missionierung und Machismo ab. „Die Reise“ ist der harmlos klingende Titel des Werks – der an jene Reise der von Christoph Kolumbus befehligten Schiffe „Santa Maria“, „Pinta“ und „Nina“ erinnert, mit der die Eroberung Lateinamerikas begann.

Kunst als Provokation also. Zu sehen ist „Die Reise“ in der neuen Ausstellung des Kunstmuseums Wolfsburg – als eines von 175 Werken und 41 Künstlern aus zehn lateinamerikanischen Ländern und knapp fünf Jahrzehnten. „Dark Mirror”, wie die Kunstschau heißt, ist die nach Bekunden der Ausstellungsmacher größte Präsentation zeitgenössischer Kunst aus dieser Weltregion, die Deutschland je erlebt hat. Und es ist die erste Ausstellung unter der Regie von Ralf Beil, dem neuen Chef des Hauses.

Wie der rund 50-Jährige diese durchaus große Schau kleinredet, zeugt von der Größe seines Anspruchs und seiner Lust an aktuellen Doppeldeutigkeiten. „Das ist nur das Vorglühen“, sagt Beil zu „Dark Mirror“ und verspricht, im nächsten Jahr mit der großen „Wolfsburg unlimited“-Ausstellung gleichsam erst den Motor anzulassen. „Gern hätte ich weniger handfeste Gründe gehabt, mich mit diesem Standort zu beschäftigen“, sagt Beil unter Anspielung auf die VW-Krise. Damit die nicht zur „Nabelschau“ führe, sei es aber wichtig, mit „Dark Mirror“ einen weiten Horizont zu spannen. Und schon dabei will er sein Versprechen einlösen, das Kunstmuseum politischer, weiblicher und globaler auszurichten.

Dark Mirror, ein schwarzer Spiegel also, reflektiert ja eher schlecht. Umso beachtlicher ist es, wie reflektiert die hier gezeigten Künstler arbeiten – zumal es dabei in mehrerer Hinsicht düster zugeht: Düster ist die Vergangenheit des Kolonialismus ebenso wie die Gegenwart autoritärer Regime in Lateinamerika, düster ist auch der Blick der Künstler auf globale Trends. Dunkel sind etliche der Ausstellungsräume, weil es neben Malerei, und Zeichnung, Installation und Skulptur auch zahlreiche Licht- und Videoinstallationen gibt. Und wunderbar schwarz ist der Humor, mit dem hier viele zu Werke gehen.

Politischer: Im Wortsinn schwarz sieht der Brasilianer Antonio Dias für Gefangene, zeigt eine schwarze Rechteckfläche für die Nacht, eine ebenso schwarze für den Tag – und nennt das Ganze „Environment for the Prisoner“ – eine Arbeit von 1970, mitten in der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985). Eine düstere Anklage sind auch die elf lebensgroßen Fotoabzüge, mit denen der Kolumbianer Miguel Àngel Rojas an den Landminenbesatz des Bürgerkriegslandes erinnert: „David 1-11“ zeigen einen nackten Mann in der Pose von Michelangelos David. Doch ihm fehlt ein Unterschenkel, er ist eines der unzähligen Minenopfer. Vergleichsweise versöhnlich ist eine andere Installation des als Kind mit seinen Eltern einst aus Nazi-Deutschland geflohenen – und jetzt in New York lebenden – Camnitzer: ein Fensterloch, das mit Mörtel und lauter Büchern zugemauert ist und das er doch „Fenster“ nennt. Der Witz ist klar: Bücher, die Fenster  zur Welt.

Weiblicher: Dass Lateinamerika auch das Land des Machismo ist, lässt sich an der dramatischen Unterdrückung von und der Gewalt gegen Frauen ablesen. Den Hunderten ermordeten Frauen im mexikanischen Ciudad Juárez widmet Teresa Serrano eine Videoinstallation, in der ein Mann unter Lustschreien eine Sexpuppe aus Pappmaché zerschlägt. „Field“, Serranos zehn Quadratmeter große Installation aus Frauenhaar, illustriert die Vermarktung des weiblichen Körpers ebenso wie dessen Zurichtung im Dienste des Machismo. Es dominiert also eine schwer erträgliche Ästhetik der Zumutung. Die erreicht ihren Höhepunkt in einer Arbeit der Kolumbianerin Liliana Vélez Jaramillo. In deren Videoinstallation „Hausmädchen“ sieht man eine Frau den Boden ablecken – und weil das Video in einem schmalen Gang auf den Boden projiziert wird, nötigt der Ausstellungsparcours dazu, auf dieses „Hausmädchen“ zu treten. Der Witz ist also: Es gibt für die Besucher keine Chance zur Neutralität.

Globaler: Verbreitet ist Kritik an globalen Trends, an altem Kolonialismus und dem neuen Hegemonialstreben von Großmächten. Die schlägt sich etwa in der Animation „Logo for America” nieder, die der Chilene Alfredo Jaar auf dem New Yorker Time Square gezeigt hat – und die die Umrisse der USA mit dem Hinweis „This is not America” versieht. Bitter sarkastisch sind Arbeiten wie die Tongefäße von Nadín Ospina, die auf den ersten Blick aus indigenen Zeiten zu stammen scheinen, aus denen aber ein Goofy- oder Micky-Maus-Kopf hervorlugt – als Boten neokolonialer Überfremdung. Versöhnlicher ist das fast sechs Quadratmeter riesige Ölgemälde von René Francisco: „Traumfabrik“ (2010) heißt das Werk des Kubaners, dessen Witz erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist: Hier werden die kubanische und die US-amerikanische Flagge miteinander vernäht.

Die Ausstellung, die aus den reichen Beständen der Schweizer Daros Latin-america Foundation schöpft, bietet auch viele Beispiele dafür, dass Lateinamerikaner nicht nur souverän aus eigenen Quellen schöpfen, sondern auch ebenso überlegen wie selbstironisch am internationalen Kunstdiskurs teilnehmen. Etwa der Kolumbianer Alvaro Barrias, der in „Bebilderte Träume”, einem seiner Gemälde im Comicstil, kurzerhand Matisse, Picasso und Duchamp stellvertretend für die komplette Moderne auf den Berg Golgatha, also zur Kreuzigung schickt – wobei Duchamp auf dem Unterarm noch „Fontaine” balanciert, das legendäre Pissoir, das als erstes Readymade der Kunstgeschichte gilt. Oder der Brasilianer Vik Muniz, der das Konterfei Che Guevaras, eine erstarrte Ikone der Medienwelt, mit Bohnensuppe nachzeichnet und so gleichsam wieder verflüssigt. Oder auch Oscar Munoz, der für eine Videoarbeit auf heißen Asphalt mit Wasser ein Porträt malt – dessen Konturen immer wieder verdunsten. Das illustriert in feinem Minimalismus die Vergänglichkeit, wenn nicht Vergeblichkeit künstlerischen Strebens. Weshalb dieses Video auch „Ich versuche es nochmals” heißt. 

Nochmals versucht man jetzt in Wolfsburg auch den Neustart in der Krise. Auf dem Weg dorthin lohnt sich ein Besuch im Kunstmuseum. Nicht nur zum Vorglühen.
„Dark Mirror. Lateinamerikanische Kunst seit 1968“. Bis 31. Januar 2016 im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1. Details unter
www.kunstmuseum-wolfsburg.de.

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