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Ausstellung "Revonnah" würdigt Kunstavantgarde

Sprengel Museum Ausstellung "Revonnah" würdigt Kunstavantgarde

Umfassend wie noch nie: Mit „Revonnah“ würdigt das Sprengel-Museum den Aufbruch der Kunstavantgarden in Hannover vor hundert Jahren.

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Hannover. Da schweben drei rechtwinklige Stäbe im Raum, mit einem weißen Kreis dahinter, einem schwarzen davor und vier Quadraten in den Bildecken. Doch schon dieser Eindruck hält einer genauen Prüfung nicht stand. Denn die vier Eckflächen verjüngen sich zu einer Seite, sodass sie auch ein kreuzförmiger Durchblick auf Quader und Kreise sein könnten - womit räumliche Tiefe hätte, was auf den ersten Blick nur geometrische Fläche ist.

Das Bild stammt von El Lissitzky, der hier nicht nur ein verwirrendes Vexierspiel mit dem Betrachter treibt, sondern auch ironisch mit Konventionen der Kunstgeschichte spielt - von der Kreuzes- bis zur Räumlichkeitsdarstellung. Alle Traditionen geraten hier in Bewegung, nichts steht noch fest, alles wird sozusagen auf Anfang gestellt.

Der Avantgardekünstler El Lissitzky hat diesem Werk aus dem Jahr 1923 den Titel „R.V.N. 2“ gegeben und es so zu einer Hommage an seine damalige Wahlheimat Hannover und deren vielleicht bis heute einflussreichsten Künstler gemacht. Denn die Buchstaben stehen für jenes „Revonnah“, zu dem Kurt Schwitters den Namen seiner Heimatstadt umgedreht und aus der semantischen Umkehr der darin enthaltenen drei Worte eben jene Deutung gewonnen hat, nach der der Name Hannovers für „Vorwärts nach weit“ steht.

Revonnah, so heißt auch die neue Kunstschau im Sprengel-Museum, deren Plakat ebenso wie der Katalog das Bild des russischen Künstlers der Avantgarde zeigt. Denn genau darum geht es in dieser Ausstellung, die den Untertitel „Kunst der Avantgarde in Hannover 1912-1933“ trägt und - so umfassend wie noch nie - einen Überblick über die Kunstimpulse aus dem Hannover dieser Jahre bietet.

„Die erste Kunststadt“

Immerhin war dies der Ort, an dem wichtige Künstler der Moderne in Malerei und Architektur, der Grafik-, Fotografie- und Plakatkunst zuerst in Deutschland zu sehen waren. „Hannover ist die erste Kunststadt in Deutschland“, notiert Schwitters 1926 im „Hannoverschen Tagblatt“ - und analysiert gleich die Ursachen dieser Kunstblüte: Hannover habe „den Vorteil, nicht an veraltete Traditionen gebunden“ zu sein, die 1916 gegründete Kestnergesellschaft habe „ungefähr alles“ gezeigt, was künstlerisch bedeutsam sei. „Und unser Museum ist das einzige in Deutschland, das einen Raum für abstrakte Gemälde hat.“ Das ist auch als Hommage an Lissitzky zu verstehen, dessen „Kabinett der Abstrakten“ damals im Provinzialmuseum unter Alexander Dorner entstand.

Wie vielfältig die Avantgardekunst in Hannover war, lässt sich jetzt im Sprengel-Museum besichtigen. Dort sind 300 Einzelwerke von mehr als 100 Künstlern zu sehen, die meisten davon aus der Sammlung des Hauses, wie Museumschef Reinhard Spieler betont.

Geboten werden dabei Einblicke in öffentliche Häuser und private Kunstkreise. Erstmals sind wieder alle sechs 1926 publizierten Kestnermappen komplett zu sehen. Und erinnert wird außer an Dorner auch an Albert Gideon Brinckmann. Der erste Direktor des Kestnermuseums hatte schon 1913 eine Grafik Emil Noldes angekauft. „Und das“, wie Ausstellungskuratorin Karin Orchard betont, „obwohl Stadtdirektor Heinrich Tramm gesagt hatte, ein Nolde komme ihm nicht in die Stadt.“ Erst Mitte der Zwanzigerjahre wagt auch der Kunstverein, Avantgardekunst zu zeigen, wie sie die Kestnergesellschaft von Anfang an präsentiert hat.

Außer solchen Netzwerken sind Kunstströmungen jener Jahre zu erleben, die Abstrakten, der Expressionismus und die Neue Sachlichkeit. Jenseits kunsthistorischen Kästchendenkens gibt es dabei spannende Querbezüge und einige Premieren: Von Carl Buchheister etwa, dem Mitgründer der Vereinigung „Die Abstrakten Hannover“, wird eine überraschend konkrete, ebenso expressive wie anklägerische Tuschezeichnung aus dem Schützengraben gezeigt. Und zwischen Gemälden und Grafiken stehen Skulpturen, die nach den Worten von Karin Orchard noch nie ausgestellt wurden - darunter Werke so prominenter Künstler wie Franz Marc und Georg Kolbe.

Eine lohnende Kunstschau also, so umfänglich wie der dicke Katalog. Umso merkwürdiger ist es, dass die Auslöschung der Avantgarde durch die Nazis in der Ausstellung fast nur zu ahnen ist und im Katalog zwar vielerorts erwähnt wird, aber kein eigenes Kapitel füllt.

Warum erst jetzt?

Ein Kapitel für sich ist es auch, warum sich Hannover erst jetzt so gründlich dieser Epoche seiner eigenen (Kunst-)Geschichte annimmt. Schwitters wird erstmals 1956 in der Kestnergesellschaft gewürdigt. Die jüngste Ausstellung zu Hannovers Avantgarde hat der Kunstverein 1962 veranstaltet - vor mehr als einem halben Jahrhundert.

Insofern setzt Kulturdezernent Harald Härke ein wenig zu nonchalant über eine historische Kluft hinweg, wenn er bei der Präsentation der Ausstellung unter Hinweis auf die Kulturhauptstadtpläne betont, Hannover sei „auch heute noch die Stadt der Moderne“. Hannover ist es erst wieder geworden, zwischen der Gegenwart und der Avantgarde von damals liegen der tiefe Abgrund der Nazizeit und das lange Schweigen darüber. Bruchlos ließ sich die Avantgarde wahrlich nicht wieder auf Anfang stellen.

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