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Die Unrast unserer Zeit

Ausstellung im Goslaer Museum Die Unrast unserer Zeit

Vor 30 Jahren fand Bernd Schönebaum 400 Drogerieplakate in einer Scheune in der Heidstraße in Springe – jetzt zeigt er sie. Noch bis zum 27. September ist die Schau „Weißer als weiß“ im Goslarer Museum zu sehen.

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Dröge Werbung? Nein: Droge Werbung! Die Plakate, die Bernd Schönebaum aus dem Haus der Drogerie Keutner aus Springe rettete, sind ein Stück deutscher Produkt- und Werbegeschichte des 20. Jahrhunderts. Bis zum 27. September ist die Schau „Weißer als weiß“ im Goslarer Museum zu sehen.

Das ist doch mal eine Ansage: „Panol tötet.“ Rumms. Daneben ein Kanister, darunter noch „Fliegen, Motten, Wanzen“, um das Anwendungsgebiet vorsichtshalber ein wenig einzugrenzen. Ansonsten ist die Botschaft klar. Für Fliegen, Motten und Wanzen, vor allem aber für Menschen, die sich mit Ungeziefer herumschlagen und nach kompromisslosen Lösungen suchen. So richtig die Aussage auch sein mag – „Panol tötet“ würde heute keine Werbeagentur mehr als Slogan für ein Insektenbekämpfungsmittel empfehlen. Vor 80 Jahren machte man das eben so wie die Leipziger Panol-Gesellschaft.

„Ich wusste, da war was“

Auch der Drogist Oswald Keutner aus Springe versuchte irgendwann vor dem Krieg, mithilfe dieses Plakats Panol zu verkaufen – in seiner Drogerie in einem Fachwerkhaus in der Springer Innenstadt, in dem heute ein Bioladen ist. Von der Firma Panol ist nicht mehr viel geblieben. Und auch das Plakat wäre wohl nicht mehr da, wenn Bernd Schönebaum 1985 nicht an einer Scheune in der Heidstraße in Springe neugierig angehalten hätte. Aus dem Gebäude dröhnte Baulärm, der  20-Jährige stellte sein Fahrrad ab, schaute rein – und flog auch gleich wieder raus. Zu gefährlich, die Scheune, die dem Drogisten Keutner als Lager gedient hatte, wurde abgerissen. Doch der kurze Blick reichte, um seine Neugier weiter zu befeuern. „Ich wusste, da war was“, sagt Schönebaum heute.

Er kam mit einem Kasten Bier zurück und bekam dafür eine Stunde Zeit, „auf eigene Gefahr“ nach Brauchbarem und vielleicht Verkaufbarem zu suchen. Was ihm dann jedoch in die Hände fiel, war mehr, viel mehr als Flohmarktware. 400 Produktplakate, die der Drogist über Jahrzehnte aufgehoben hatte, wohl, wie Schönebaum heute mutmaßt, um das knappe Papier irgendwann wiederverwerten zu können. Was der Finder auf den Dachboden seiner Eltern trug, war nicht weniger als ein Stück deutscher Produkt- und Werbegeschichte des 20. Jahrhunderts. Über die sich auch wunderbar unsere Gesellschaftsentwicklung erklären lässt, anschaulicher und publikumswirksamer jedenfalls als mit jedem staubtrockenen Geschichtsbuch.

Hauptzielgruppe: Rastlose Frau

Und das nicht nur bei der Insektenbekämpfung. „Kraft und Schönheit durch Sonnenbräune“ verhieß die Oskaderma-Hautcreme in riefenstahlscher Optik und Wortwahl. Sanostol wurde als „Vitamin-Kraftquell für Ihr Kind“ beworben – mit einem vor Kraft fast platzenden Dirndlmädchen in Kämpferpose. Gegen Unkraut im gepflegten Grasteppich empfahl die Firma Bayer ein Produkt mit dem entschlossen-genialen Namen „Rasikal“. Und der Gärtner, der mit dem „Garantieschlauch“ von Continental posiert, sieht aus wie eine Mischung aus Gandalf und Käpt’n Iglo.
Weil es sich um Drogerieprodukte handelt, ist die Hauptzielgruppe natürlich die rastlose Hausfrau. Sie kann ihrem „müden Haar“ mit Quick Creme Shampoo ganz flott „neues Leben“ einhauchen, für „fleißige Hände“ der fensterputzenden Schürzenträgerin hält Nivea das bekannte blaue Döschen bereit. Und die schwer schuftende Sekretärin greift „in der Unrast unserer Zeit“ zu Klosterfrau Melissengeist. „Das ist mein Lieblingsmotiv“ sagt Schönebaum. Weil es so viel über die Zeit aussage. Manchmal spricht er über die Plakate wie über seine Kinder.

2004 erstmals einen Auszug seiner Sammlung

Bis es so weit war, vergingen aber Jahre. Schönebaum ließ das wertvolle Konvolut zunächst trocknen und dann liegen, noch unschlüssig, was er damit tun sollte. Irgendwann fing er dann an, sich näher mit den Plakaten zu beschäftigen. Er recherchierte mal mehr, mal weniger erfolgreich  bei Firmen, um Hintergründe und Datierung zu klären. Einige Exemplare ließ er restaurieren. Das Internet erleichterte die Recherche. Schönebaum legte vom gesamten Bestand ein digitales Archiv an. 2004 zeigte er erstmals einen Auszug seiner Sammlung. „Das war eine Art Testlauf“, sagt er. Der ihn bestärkte, weiterzumachen. Bis zu seiner ersten richtigen Ausstellung sollten weitere elf Jahre vergehen, was zuvoderst mit seiner Arbeit als Ausstellungsagent und Vermarkter der Karikaturisten Sebastian Krüger und Uli Stein zu tun hatte.

Doch nun ist es so weit: Noch bis zum 27. September ist die Schau „Weißer als weiß“ im Goslarer Museum zu sehen. Schönebaum ist stolz darauf. Vielleicht, sagt er, könnten noch andere Museen seine Sammlung zeigen. Vergrößern wolle er sie aber nicht. „Das ist für mich ein abgeschlossener Bestand“, sagt er. So, wie er ihn gefunden hat, damals vor 30 Jahren. Mit diesem einen kleinen Fehler. Ausgerechnet in dem so entschlossenen Plakat der Leipziger Insektenkillerfirma Panol. Zwischen Mücken und Hühnermilben haben sie in ihrer Todesliste aus Schaben Schwaben gemacht. Im Stuttgarter Raum sollen die Geschäfte nicht so gut gegangen sein.

Täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr. Goslarer Museum, Königsstraße 1, Goslar, Tel. (0 53 21) 4 33 94.

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