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Wie wurde Deutschland zum Einwanderungsland?

Ausstellung im Landesmuseum Wie wurde Deutschland zum Einwanderungsland?

Es ist wohl das größte Ausstellungsstück, dass es jemals im Landesmuseum gab. Und doch wirkt das acht Meter lange Holzboot klein, wenn man sich vorstellt, dass 80 Menschen darauf zusammengepfercht waren, als die maltesische Marine es aufgriff. Flüchtlinge auf dem Weg von Libyen nach Europa. 

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Relikt eines Dramas: Museumsdirektorin Katja Lembke neben jenem Boot, mit dem sich etwa 80 Flüchtlinge aufs Mittelmeer wagten.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Neben dem Boot hängen im Landesmuseum berührende Zeichnungen von Flüchtlingskindern an der Wand: „Ich hatte schreckliche Angst zu ertrinken“, sagt der zehnjährige Abdullah aus Syrien. Das Bild, das er gemalt hat, ist fast komplett blau. Nur in der Mitte des Meeres treibt ein winziges Boot, umzingelt von Haien.

Erste Gastarbeiter kamen 1955

Die Ausstellung „Immer bunter! Einwanderungsland Deutschland“, beworben auch auf Türkisch und Arabisch mit dem klischeehaft schrillen Foto eines Döner-Ladens, zeichnet im Landesmuseum jetzt die Geschichte der Migration in der Bundesrepublik nach. Millionen Menschen kamen seit dem ersten Anwerbeabkommen für Gastarbeiter mit Italien 1955 ins Land; etwa jeder Fünfte in Deutschland hat heute Wurzeln im Ausland.
Die Ausstellung, konzipiert vom Bonner Haus der Geschichte und gefördert von der Hannoverschen Volksbank, prunkt mit rund 800 Exponaten – darunter einer „Ikone de der Migrationsgeschichte“, wie Kurator Ulrich Op de Hipt sagt: jene Zündapp Combinette, die Armando Rodrigues de Sà 1964 als einmillionster Gastarbeiter geschenkt bekam. Die Museumsleute haben das Moped nach langer Suche in einem Stall in Portugal aufgespürt: „Es steht für eine gewisse Willkommenskultur“, sagt Op de Hipt.

Bei Eignungstests mussten Gastarbeiter damals auf Zeit Stahlstifte in Lochbleche stecken. Gesucht wurden ja keine Professoren für Philosophie, sondern Leute für einfache Arbeiten. Hochbetten und Spinde aus einem kargen Wohnheim sind im Museum nachgebaut. Die billigen Arbeitskräfte ermöglichten vielen Deutschen den Aufstieg in qualifiziertere Jobs. Und weil sie den Arbeitsmarkt entlasteten, hatten sie ihren Anteil an der Einführung der Fünf-Tage-Woche.

Es geht um Identität und Integration in der Ausstellung, um Ressentiments und Solidarität, Parallelgesellschaften und Leitkultur. „Gettos in Deutschland – eine Million Türken“ titelte der „Spiegel“ 1973 besorgt. Paradoxerweise wuchs nach dem Anwerbestopp, der in jenem Jahr erging, die Zahl der Ausländer: Jene Gastarbeiter, die einmal im Land waren, blieben nun und holten ihre Familien nach.

Migration und Argwohn

Migration wurde dabei immer flaniert von Argwohn: „Asylmißbrauch beenden!“ hieß es 1991 auf einem CDU-Wahlplakat. Und die vietnamesischen Vertragsarbeiter, die in der DDR Jeans nähten, wurden kritisch von der Stasi beäugt. Neben einem „Kein Mensch ist illegal“-
T-Shirt zeigt das Museum Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“. Migranten erzählen an Hörstationen ihre Geschichte, dazu sind Filme zu sehen.

Die Ausstellung spart auch Themen wie Kopftuchdebatten und das aggressive Auftreten junger Migranten an der Berliner Rütli-Schule nicht aus. Doch sie zeigt vor allem, dass das Zusammenleben gelingen kann. In einer Vitrine liegt das Karnevalskostüm, dass Balam Byarubanga aus Uganda 2011 trug, als er Prinz der Aachener Karnevalsgesellschaft war. Und in Anlehnung an Adventskalender hat eine muslimische Familie einen „Ramadan-Kalender“ für Kinder gebastelt – mit 30 Säckchen für Süßigkeiten.

Was seit langem dazugehört

Deutschland ist schon lange Einwanderungsland, und das ist auch gut so – das ist die pädagogische Mission der Ausstellung. Doch die Schau ist so anschaulich und unterhaltsam gemacht, dass man die Belehrung nicht als solche empfindet.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Fahrt nach Anatolien im Ford Transit mit der Waschmaschine auf dem Dach inzwischen ebenso zum deutschen Narrativ geworden ist wie die dramatische Erzählung von der Reise im vollbesetzten VW Käfer an den Gardasee.

„Immer bunter! Einwanderungsland Deutschland“: Bis 27. August im Landesmuseum, Willy-Brandt-Allee 5. Informationen unter (05 11) 9 80 76 86.     

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