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Ausstellung in Goslar zeigt Werke von Tsipi Geva

Der Künstler des Konflikts Ausstellung in Goslar zeigt Werke von Tsipi Geva

Von Washington über Rom – nach Goslar: Israels Biennale-Star Tsipi Geva stellt im Mönchehaus Museum aus. Kuratiert von Bettina Ruhrberg, Direktorin des Mönchehaus Museums, und US-Kunstkritiker Barry Schwabsky ist dem Museum mit der Exposition zweifellos ein Coup gelungen.

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Religionen mit Tiefenschärfe

Umgeben von rasanter Malerei: Tsipi Geva bei der Biennale in Israel. 

Quelle: dpa

Goslar. Leicht hebt sich das Palästinensertuch und lüftet den Blick auf nackte Haut. Minimalistisch markieren darauf nur ein Kreis und ein Punkt die weibliche Brust. Mit wenigen Strichen sind daneben die Konturen eines Vogels umrissen, von dem schwarze Farbe über Schulter und Schenkel des Frauentorsos rinnt.

Viel figürlicher wird es nicht auf dieser sonst vorwiegend mit beängstigend wildem Action-Painting, einem fast gewalttätig wirkenden Farbeinsatz traktierten Leinwand – wie auf allen Bildern, die jetzt von Tsipi Geva im Goslarer Mönchehaus Museum zu sehen sind. „Da steht der Konflikt im Zentrum“, sagt der israelische Künstler zu diesem Bild. „Da geht es um Diskriminierung und Missbrauch, wie sie beide auch bei sexueller Gewalt vorkommen, nur geht es hier nicht um sexuelle, sondern um politische Pornografie.“

Tiefsinnige Vogelbeobachtung

Wenn ein Israeli von „dem“ Konflikt spricht, meint er den zwischen Israelis und Palästinensern. Politisch positioniert sich Geva ganz klar („Ich bin in der Opposition gegen Israels Politik“). Künstlerisch werfen seine Bilder statt simpler Antworten durchaus komplexe Fragen auf: Etwa wer da eine auf sexuelle Grundmuster reduzierte Frau zur Gesichtslosigkeit verdammt. Ist es die Last der palästinensischen Tradition? Oder die Ignoranz Israels? Und was ist das da für ein komischer, das Ganze beobachtender Vogel?

Vielleicht ist es ja Tsipi Geva selbst, der 1951 im Kibbuz Ein Shemer im Norden Israels geborene und seit Langem für seine Bilder von Vögeln bekannte Künstler. Die hält er – stets umrisshaft, meist aus dem Bild schauend und nie fliegend – auf Leinwänden, Styropor-Platten, neuen Ikea-Fronten oder alten Fenstern als stumme Beobachter fest. Und er ist damit zum auch international anerkannten Künstler geworden, der schon in New York, Washington und Berlin sowie in mehreren Städten Italiens ausgestellt hat.

Autoreifen als Protestmittel

Dort ist er seit Kurzem auch ein Star der Biennale Venedig, bei der er den Pavillon seines Heimatlandes mit einer ebenso spektakulären wie beklemmenden Installation versehen hat: Mehr als tausend Autoreifen, die ihr Profil auf Israels Straßen gelassen haben, hat er mit Stahlseilen an die Pavillonfassade gebunden. „Reifen sind uns als Protestmittel wohlvertraut“, sagt er. „Denn die zünden Palästinenser zu Demonstrationszwecken gern an, genauso wie andere Protestierende rund um den Globus.“ Israels weißer, im Bauhausstil entworfener Pavillon, eingeschlossen vom Rohstoff für düster flammende Fanale – ein provozierendes Sinnbild der Lage dieses Landes im Nahen Osten.

Und jetzt also Goslar. Mit dieser Ausstellung ist Bettina Ruhrberg, der Direktorin des Mönchehaus Museums, zweifellos ein Coup gelungen. Kuratiert hat sie die Schau gemeinsam mit dem US-Kunstkritiker Barry Schwabsky, zu sehen war sie in Washington und Rom, bevor sie nach Goslar gekommen ist – als erste Einzelausstellung des israelischen Künstlers in Deutschland.

Von Beuys bis Kiefer

Dabei illustrieren die 40 vorwiegend abstrakten Gemälde nur einen Aspekt im Schaffen dieses Künstlers. Sehr „polyphon“, vielstimmig also, sei sein Schaffen, sagt Tsipi Geva. „Ich habe mit Readymades und Malerei, Objektkunst und Skulpturen gearbeitet.“ Für sich selbst sieht er Einflüsse des Neoexpressionismus, von Anselm Kiefer und Joseph Beuys.

Dass bei dieser Ausstellung die rasante gestische Malerei des Action Paintings dominiert, heißt nicht, dass diese Arbeiten schnell hingeworfen würden. „Oft dauert es Wochen, Monate oder sogar Jahre, bis ich eine Arbeit abschließe“, sagt Geva beim Gang durch die Ausstellung in Goslar. „Sie durchlebt also viele Arbeits- und Entwicklungsphasen.“

Die Darstellung von Weite und Grenze

Aller Vielfalt zum Trotz gibt es Gemeinsamkeiten. Denn stets geht es bei Tsipi Geva um Raum- und Grenzerfahrungen, um den Anfang und das Ende von Flächen. Wie er Israels Pavillon von der Harmonie der Biennale abgrenzt, so zieht er auch auf seinen Leinwänden Linien und Muster. Dabei nimmt er neben eigenen auch fremde Traditionen auf, etwa das Liniengewirr der Kefiye, wie das Palästinensertuch heißt.
Enge Raum- und Grenzerfahrungen macht jeder in Israel. Auch Tsipi Geva hat sie von Kindesbeinen an gesammelt. „Von unserem Kibbutz aus war es nicht weit zur Grenze, die war aber vor 1967 noch nicht klar markiert – und ich hatte immer Panik, schon auf palästinensisches Gebiet gelangt zu sein.“

Angst vor Gewalt, bekennt er, ist ein starker Motor seiner künstlerischen Tätigkeit. Und vielleicht soll seine gestische Malerei ja die Gewalt auf die Leinwand bannen. „Ich bin kein Dokumentarist, ich bilde nicht die Realität ab, sondern Visionen davon, meine Ängste.“ Nur Ängste und nicht Hoffnungen? Tsipi Geva hat wenig Hoffnung, weder für die Identität von Palästinensern und Israelis noch für die Menschheit schlechthin. „Meine Motive sind in der Auseinandersetzung mit der politischen Realität in Israel entstanden, aber Grenzen, Ängste, Tabus gibt es auch im Rest der Welt.“ Er sieht sich auch eher als existenzialistischer denn als politischen Künstler. Er hält wenig von ethnischen oder religiösen Identitäten. Und überhaupt nichts von nationaler Erbauungskunst. „Ich will mich nicht in einen nationale Nische stellen, ich habe viele Wurzeln“, sagt er und fügt hinzu: „Wie könnte ich Repräsentationskunst machen – ich weiß noch nicht mal, ob ich mich selbst repräsentiere.“

So düster ist es um die menschliche Identität bestellt? Auch der New Yorker Barry Schwabsky, seit vielen Jahren mit Tsipi Geva befreundet, hält nur wenig Trost parat. „Auf manchen seiner Bilder“, merkt er lächelnd an, „wenden Tsipis Vögel die Schnäbel nach oben – das sind dann vielleicht die hoffnungsvollen.“ Immerhin ist Tsipi Geva damit in ganz umfassendem Sinne der Künstler des Konflikts – nicht nur des israelisch-palästinensischen, sondern des jeden einzelnen existenziell treffenden Identitätskonflikts.

Ausstellungstipp

„Tsipi Geva – Gemälde 2010–2015“. Bis 20. September im Mönchehausmuseum Goslar, Mönchestraße 3. Weitere Informationen unter www.moenchehaus.de

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