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Kultur Konfetti im Kopf
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00:15 03.08.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Zwischen Würde und Identitätsverlust: 
Karla Hönings „Unruhiger Tanz der Chupa Chups“. Quelle: Karla Höning
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Hannover

 Er trägt mit dickem Pinsel auf, nutzt klare Grundtöne, zeigt Sinn für Proportionen – und fürs Vexierspiel um die Frage, ob da nun Auge, Ohr und Mund, ein Gesicht also, zu sehen ist oder abstrakte Malerei. Außer Frage steht aber, dass hier ein Ausnahmekünstler am Werk ist, einer, der höchst produktiv seiner Krankheit trotzt: 250 Bilder hat Eberhard Warns, dessen Kunst nun schon in mehr als einem Dutzend Ausstellungen zu sehen war, in den nur drei Jahren zwischen dem diagnostizierten Beginn seiner Demenzerkrankung und seinem Tod gemalt.

Warns zählt zu den mehr als 40 Künstlern, deren Werke in der Ausstellung „Kunst trotz(t) Demenz“ in der hannoverschen Marktkirche gezeigt werden. Die 160 Exponate stammen aber nicht nur von Betroffenen oder ihren Angehörigen, sondern auch von Malern, Fotografen oder Bildhauern, die sich Themen rund um Demenz, Alter und Identität widmen.

Denn klar ist: Demenz führt mit dem Gedächtnisverlust noch vor körperlichem zu seelischem Leid, zu Persönlichkeitsstörung und Identitätskrise. Werke wie „Gebt mir mein Gesicht zurück“ (2005) des an einer Nervenkrankheit verstorbenen Jörg Immendorf spielen auf solche Verlusterfahrungen an. Immendorf ist nicht der einzige Prominente dieser Ausstellung. Zu sehen sind auch Arbeiten von Joseph Beuys, Joan Miro, Günther Uecker und Herbert Zangs.

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Mehr als 40 Künstlern zeigen in der Ausstellung „Kunst trotz(t) Demenz“ Werke in der Marktkirche. Die 160 Exponate stammen von Malern, Fotografen oder Bildhauern, die sich Themen rund um Demenz, Alter und Identität widmen.

Demenzkranke müssten keineswegs emotional abstumpfen, sagt Ausstellungskurator Andreas Pitz, sie würden eher noch verletzlicher und könnten dieser Sensibilität künstlerisch Ausdruck verleihen. „Es gibt ein lebenswertes Leben trotz Demenz“, betont Pitz, der die Kunstwerke für die Stiftung Diakonie in Hessen zusammengestellt hat. Hannover sei zwar bereits die 25. Station dieser Wanderausstellung, aber doch einzigartig. „Denn es kommen immer wieder neue Objekte hinzu, weil Künstler oder Kunstinteressierte Leihgaben beisteuern – und zu allen noch lebenden Künstlern dieser Ausstellung habe ich längst auch einen persönlichen Draht.“ Noch nicht im Ausstellungskatalog ist beispielsweise „Vom unruhigen Tanz der Chupa Chups“ (2010) von Karla Höning.Sie zeigt in leicht hyperrealistischem Stil tief zerfurchte, doch selbstbewusste Alte. Auch die Fotografin Elisabeth Heinemann präsentiert mit ihren Dokumentationen aus Altenheimen Menschen jenseits gängiger Schönheitsideale, doch voller Würde. Und geradezu anrührende Arbeiten zeugen von der Lebenssehnsucht auch jener, deren Leben längst von Leiden gezeichnet ist: Ida Rodenacker hat bis zu ihrem Tod Blumen gemalt, Herbert Zangs fuhr noch mit Grafit an den Rädern seines Rollstuhls über lange Papierbahnen, um künstlerische Spuren zu hinterlassen.

Mehrere Werke beschäftigen sich mit dem Prozess wachsender Verwirrung, dem „Konfetti im Kopf“, wie der Fotograf Michael Hagedorn die Demenz nennt. „Labyrinth und Denken“, ein Siebdruck von Lydia Oermann, mutet wie ein Irrgarten an. In „Vernetzung“ zeigt Isabell Köstler Synapsen-Netzwerke. Und von Joseph Beuys ist „Ja Ja Ja Nee Nee Nee“ zu hören, sein 24 Minuten langes Lamento von 1968, das wie eine Illustration intellektuellen Verfalls wirkt (unter dem Beuys wahrlich nicht litt).

Von Verfall zeugen dagegen die Porträts, die Christian Ulrich bei Nachtwachen in einem Berliner Pflegeheim von Demenzkranken gezeichnet hat und die meist eingefallene Gesichter mit leeren Blicken zeigen. Dass der Verfall zu fast entspannt scheinendem Gleichmut führen kann, zeigt Claudia Thoelen mit ihren Fotografien von Demenzkranken.

„Wir wollen nichts beschönigen“, sagt Pitz, der mit der Ausstellung das Thema aus der „Tabuzone“ holen will. „Wer an Demenz erkrankt, versucht die Symptome zunächst zu verheimlichen – und sackt so noch schneller ins Vergessen.“ Denn dabei verzichten die Erkrankten auf medizinische und therapeutische Hilfe, die den Krankheitsprozess hinauszögern kann. Demenz sei aber auch ein Warnsignal für eine Welt, die nur auf Leistung, Effizienz, Synergie setzt und so den Schwächeren immer weniger Raum für eine würdige Rolle in der Gesellschaft lasse. „Wir müssen um Spielraum für Mitfühlen, Teilnahme, Mitmenschlichkeit ringen.“

Bis 25. August täglich von 10 bis 18 Uhr in der Marktkirche, Hanns-Lilje-Platz 2. Katalog: „Kunst trotz(t) Demenz“. Edition Chrismon. 141 Seiten, 19,90 Euro.

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